7 Top Verse aus „Atma Bodha“ von Shankara

 

Das Atma Bodha ist eine der Texte des großen Shankara – Adi Shankaracharya, der im 8.Jhd die uralte Lehre der Befreiung durch die Erkenntnis der Nondualität ausformulierte und sie als Advaita Vedanta in Indien populär machte. Shankara hat mehrere wichtige Texte verfasst, u.a. das Tattwa Bodha und das Viveka Chudamani und ausserdem die wichtigsten 10 Upanishaden, die Bhagavad Gita sowie das Brahma Sutra kommentiert.

Das Atma Bodha eignet sich sehr gut um in die Lehren des Advaita Vedanta einzusteigen, bzw. tiefer in die grundsätzlichen Aussagen einzutauchen um zu erkennen: „Wer bin ich? Was ist die Natur meines Selbst?“ Und dadurch die Befreiung zu erreichen….

Atma Bodha von Shankara – 7 Top Verse

3. „Handlung kann Unwissenheit nicht zerstören, da sie nicht in Konflikt mit Unwissenheit ist oder ihr entgegen steht. Erkenntnis zerstört wahrlich Unwissenheit, so wie Licht tiefe Dunkelheit vertreibt.“

Der spirituelle Mensch, insbesondere der gemeine Yogi, denkt, dass er nur durch Handeln das Ziel des Yoga erreichen kann. Und so wird auch immerwieder impliziert, dass man nur genug Üben muss und noch mehr Disziplin haben soll um weiter auf dem Weg voranzuschreiten. Shankara und die Lehre des Advaita Vedanta Lehrt hier etwas ganz anderes: Keine Handlung kann uns zur Erkenntnis des Selbst verhelfen! Dieses ist eine sehr wichtige und grundlegende Aussage von Shakaras Lehre, und es zerstört die Illusion, dass wir uns nur genug anstrengen müssen um die Erleuchtung zu finden. Ebenso sagt der streitbare Lehrer Krishnamurti: „Du kannst nichts tun um das höchste Ziel zu erreichen, aber wenn du nichts tust wirst du es nicht erreichen!“ Und so ist Shankaras Aussage (und ebenso meine Ausführung!) kein Plädoyer gegen spirituelle Übungen, diese sind sehr wichtig und sie helfen sich von Begrenzungen und Blockaden frei zu machen, jedoch ist die letztendliche Erkenntnis unabhängig von allem Handeln, dies wird später im Text noch deutlich. Shankara vergleicht hier die Erkenntnis mit dem Licht welches die Dunkelheit vertreibt, dieses Motiv taucht im Text desöfteren auf und es hilft zu verstehen worum es geht. Unsere festgefahrenen Konditionierungen, Programme, Muster und Überzeugungen sind wie Schatten und diese lassen das Licht der Erkenntnis nicht strahlen. Je mehr Erkenntnisse wir haben, wobei es hier nicht um intellektuelles Verstehen geht, desto mehr kann das Licht strahlen und dadurch die Schatten der eingebildeten Individualität auflösen.

16. „Durch unterscheidende Selbst-Analyse und logisches Denken sollte man das Reine Selbst von den Hüllen trennen, so wie man das Reiskorn von der Hülse etc. trennt, die es bedecken.“

Das reine Selbst ist der Atman, welcher jenseits von Persönlichkeit und Individualität ist. Die Hüllen sind die verschiedenen Ebenen der körperlichen Existenz, durch die wir zwar in dieser Welt agieren können, die uns aber zugleich auch begrenzen. Diese Hüllen (Upadhis= Gefäße) bestehen zB aus Körper, Energiefeld, Gefühle, Gedanken und bedingter Freude, und sie machen uns als Individuum aus, jedoch ist das Selbst jenseits dessen bzw. Grundlage dessen. Wenn wir erkennen, dass nichts von dem was man als ein Objekt wahrnehmen kann, also auch zb Gedanken, das wahre Selbst sein kann, können wir durch Unterscheidung und Reflektieren die Identifikation mit dem Nicht-Selbst lösen. Es gilt also sich stets daran zu erinnern: Ich bin nicht die Erfahrung sondern das Bewusstsein in dem all das statt findet. Durch diese einfache (aber nicht leichte!) Methode lösen wir uns von der leidvollen Qualität des bedingten Seins.

24. „So wie Leuchtkraft die Natur der Sonne ist, Kühle die des Wassers und Hitze die des Feuers,
so ist auch die Natur des Atman Ewigkeit, Reinheit, Wirklichkeit, Bewusstsein und Glückseligkeit.“

Es ist nicht leicht intellektuell zu erfassen wie die Natur des Selbst beschaffen ist, noch schwieriger ist es dieses zu erkennen und aus dieser Erkenntnis heraus zu leben. Es gibt einige Eigenschaften die es ermöglichen zu verstehen was das Selbst ist, jedoch sind auch dieses nur Worte und sie können der Wahrheit nicht gerecht werden.

So sind es vor allem 5 Begriffe die Shankara hier nennt um das Selbst zu beschreiben:

  • Ewigkeit– Atman ist unvergänglich und ungeboren, es ist identisch mit dem absoluten Urgrund der Existenz.
  • Reinheit– Atman ist unberührt und unveränderlich, da es die alldurchdringende Wirklichkeit ist.
  • Wirklichkeit– Atman ist jenseits aller Veränderungen und liegt allem zugrunde, nichts kann wirklicher sein.
  • Bewusstsein– Atman ist das reine bewusste Sein, das Gewahrsein in dem alles andere kommt und geht.
  • Glückseligkeit– Atman hat die Qualität des höchsten Glückes, ist es erkannt wird Glück unerschütterlich.

26. „Der Atman tut nie irgendetwas und der Intellekt allein hat keine Fähigkeit „Ich weiß“ zu erfahren.
Aber die Individualität in uns denkt fälschlicherweise, sie selbst sei der Seher und der Wissende.“

Es ist wichtig zu verstehen, das das wahre Selbst nicht handelt und von allem Handeln unberührt bleibt, es ist das Sein an sich, unberührt wie der Raum in dem die Ereignisse stattfinden. Es sind die Upadhis, die Hüllen bzw. die Verkörperung des Menschen die aktiv und veränderlich sind. Der Körper mit all seinen Ebenen hat sich aus unwisenheit mit sich selbst identifiziert, obwohl er nur ein Werkzeug in der relativen Welt ist und nicht die absolute Wirklichkeit, projeziert er sich selbst als Individuum mit einer Persönlichkeit. Die Aufgabe die wir laut Advaita Vedanta mit unseren begrenzenden Hüllen (Upadhis) haben, ist das Auflösen von Blockaden und Begrenzungen um in Harmonie und Freiheit zu kommen. Zwar sehen und wissen wir mit hilfe der Upadhis, jedoch ist es der Atman der diesen zugrunde liegt, der hinter dem sehen und wissen steht. So wie man im Leben immer wieder in verschiedene Rollen hinein schlüpft, aber der Beobachter eigendlich unverändert bleibt, so ist es der Atman der tatsächlich Urheber der Erfahrungen ist.

29. „Eine leuchtende Lampe braucht keine andere Lampe, um ihr Licht zu beleuchten. Genauso braucht der Atman, der Erkenntnis selbst ist, keine andere Erkenntnis, um sich zu erkennen.“

Letztlich benötigen wir keine heiligen Texte und Gurus, alleine das Erforschen unserer Selbst reicht aus. Die Evolution wird ganz von alleine dafür sorge tragen, dass wir irgendwann zu uns selbst kommen, denn jedes Wesen strebt nach Harmonie und der Befreiung vom Leid. Das Selbst ist ja reines Bewusstsein, und je mehr wir erkennen, dass in der welt der Veränderungen kein dauerhaftes Glück liegt, desto leichter werden wir Freude aus uns selbst heraus schöpfen. Aber im ersten Teil des Verses spricht Shankara davon, dass eine leuchtende Lampe keine andere Lampe benötigt. Es kann der Mensch sich so tief in seinen Illusionen und Vorstellungen verstricken, dass sein Licht verdunkelt und er Hilfe benötigt um sich wieder auf sein selbst zu besinnen. Und dann benötigen wir einen Lehrer oder heilige Texte die und erinnern.

57. „Erkenne das als Brahman, was nicht-dual ist, unteilbar, Eins und wonnevoll und auf das im Vedanta hingewiesen wird als das unveränderliche Substrat, das nach der Negierung aller dinglichen Objekte erkannt wird.“

Eine der Kernaussagen der Advaita Vedanta Lehre ist die gleichheit von Atman und Brahman, also das wahre Selbst ist identisch mit der alldurchdringenden nondualen Wirklichkeit. Oder anders gesagt: mein wahres Wesen ist Gott selbst, nur der Bezugsrahmen ist ein anderer, Atman steht im Bezug zum Individuum, Brahman zum großen Ganzen. Brahman ist sozusagen das Einheitsbewusstsein oder die Erkenntnis das es nur eines gibt, keinerlei Trennung besteht zwischen Subjekt, Objekt und Wahrnehmung, bzw. zwischen dem Seher, dem Gesehenen und dem Sehen. Die Wahrheit ist also sozusagen eins, es ist nur eine Illusion zu meinen es gebe einen Standpunkt als Individuum. Auch wenn der Mensch die Welt immer aus seiner Perspektive erfährt, so ist jedoch die Erfahrung aus der Ich-Perspektive aus Unwissenheit geboren. Dieses ist ein schwer zu akzeptierender Punkt in Shankaras Lehre, aber es wird ganz klar von den texten und Lehrern gesagt: Ich bin ein mit allem, es gibt keine Trennung. Um dieses zu erkennen, gilt es zB den Weg der Negierung zu gehen, also sich wohlwollend innerlich von den Objekten zu lösen, um eins mit ihnen zu werden. Das klingt ziemlich paradox, ist es auch. Vom absoluten Standpunkt aus bin ich zwar eins mit allem, aber solange das nicht erkannt ist gilt es sich von allem Wahrnehmbaren zu lösen. In der relativen Ebene ist das absolute Bewusstsein abstrakt und scheint fern zu sein, hat man jedoch diese absolute Sicht, wird die relative Ebene abstrakt und unwirklich. Oder um es mit John Lennons Worten zu sagen:

„The more real you get, the more unreal gets the world!“

68. „Wer allen Handlungen entsagt, wer frei ist von allen Begrenzungen von Zeit, Raum und Richtung,
verehrt seinen eigenen Atman, der überall gegenwärtig ist, der der Zerstörer von Hitze und Kälte ist,
der ewige Glückseligkeit und unbefleckt ist und wird all-wissend und all-durchdringend und erreicht danach Unsterblichkeit.“

Abschliessend noch ein Vers der es in sich hat. Ich möchte die Ausagen dieses Verses gerne schrittweise erläutern:

  • Wer allen Handlungen entsagt: Das ist ein Hinweis auf die Praxis des Karmayoga, hierbei geht es nicht darum nichts zu tun, sondern aus den Impulsen des Augenblicks heraus zu Handeln, weil etwas getan werden muss. Oder anders gesagt geht es darum sein Handeln Gott oder dem großen ganzen zu weihen statt aus individuellen Motiven heraus.
  • wer frei ist von allen Begrenzungen von Zeit, Raum und Richtung: Frei sind wir immer, wir erkennen es bloß nicht. Wenn wir das Selbst erkannt haben, sehen wir, dass wir nicht gebunden sind an diese drei Eigenschaften.
  • verehrt seinen eigenen Atman: Da das Selbst wie gesagt identisch ist mit Gott, natürlich abhängig von der Definition dieser beiden schwierigen Begriffe, können wir Gott in jeder Form verehren, wissend, dass es immer ein Symbol für die eine unveränderliche Wirklichkeit ist.
  • der überall gegenwärtig ist: im Zustand der Einheit bzw. wenn die Nicht-zweiheit von Objekt und Subjekt erkannt wurde, sehen wir überall diese eine Wirklichkeit jenseits der Illusionen der veränderlichen und bedingten Welt.
  • der der Zerstörer von Hitze und Kälte ist: Die Gegensatzpaare von Freude und Leid, Erfolg und Misserfolg uä lösen sich in Brahman auf. Wenn alles eins ist bekommt alles die selbe Bedeutung.
  • der ewige Glückseligkeit und unbefleckt ist: Wir verschmelzen durch die höchste Erkenntnis mit den Objekten der Wahrnehmung, wir sehen, dass wir eins sind mit dem was um uns herum kommt und geht. Wir sind bedingungslose Freude und unberührt von Erfahrungen.
  • und wird all-wissend und all-durchdringend: Atman/ Brahman ist Einheitsbewusstsein, dieses durchdringt alles und erkennt überall die Essenz des Seins.
  • und erreicht danach Unsterblichkeit: Wenn wir erkannt haben sind wir frei von der Illusion der Begrenzungen und wir Lieben die Existenz. Wir verehren das Selbst oder Gott in allem was ist und schöpfen aus dem vollen. Zwar wird der Körper irgendwann nicht mehr funktionieren, jedoch ist das was wir erkannt haben unsterblich und unvergänglich.

Die Übersetzung ins deutsche ist von Maheshwara M. Illgen.

Erschienen im Yoga-Vidya Verlag und komplett unter dieser Seite zu sehen.

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