Bhagavad Gita, Verse 6.33-36 – die Polarität von Abhyasa und Vairagya

Dieser Abschnitt der Bhagavad Gita enthält eine wichtige Lehre von Sri Krishna die auch von Patanjali im Yoga Sutra Vers 1.12 aufgegriffen wurde, es geht um die Balance von Abhyasa und Vairagya.

Abhyasa bedeutet etwa „Beharrlichkeit, Disziplin, Anstrengung“ und Vairagya hingegen „Losgelöstheit, Nicht-Anhaften, Leidenschaftslosigkeit“.

Sein & Werden – Abhyasa und Vairagya

Arjuna ist ganz verzweifelt und weiß nicht wie er die umfassende Lehre von Sri Krishna umsetzen kann, da sein Geist viel zu unruhig ist- ein Problem was sicher jeder Mediterende kennt. Krishna gibt ihm einen weiteren Hinweis wie er zur Freiheit kommen kann: die beiden Pole der spirituellen Praxis sollten möglichst ausgeglichen sein um den Geist tatsächlich zu beherrschen. Weder die pure Anstrengung, noch das reine Loslassen führt zum Ziel, sondern die Balance aus beiden. Das faszinierende an der Gita ist ihre Zeitlosigkeit, die uralten Anweisungen sind auch noch für den heutigen Suchenden hochaktuell, unter diesem Link findest du noch viel mehr Kommentare von mir zu einzelnen Versen.

Abhyasa und Vairagya, Bhagavad Gita 6.33-36

Die Verse 33-36 im 6. Kapitel der Bhagavad Gita

  • Bhagavad Gita, Vers 6.33
    अर्जुन उवाच |
    योऽयं योगस्त्वया प्रोक्तः साम्येन मधुसूदन |
    एतस्याहं न पश्यामि चंचलत्वात्स्थितिं स्थिराम् || ६ ३३ ||
    arjuna uvāca
    yo ’yaṃ yogastvayā proktaḥ
    sāmyena madhusūdana
    etasyāhaṃ na paśyāmi
    caṃcalatvātsthitiṃ sthirām
    „Arjuna sprach: Dieser Yoga der Ausgewogenheit, den du lehrst, Oh Krishna, ich sehe nicht, dass er von Bestand sein kann aufgrund der Ruhelosigkeit des Geistes.“
  • Bhagavad Gita, Vers 6.34
    चंचलं हि मनः कृष्ण प्रमाथि बलवद् दृढम् |
    तस्याहं निग्रहं मन्ये वायोरिव सुदुष्करम् || ६ ३४ ||
    caṃcalaṃ hi manaḥ kṛṣṇa
    pramāthi balavad dṛḍham
    tasyāhaṃ nigrahaṃ manye
    vāyoriva suduṣkaram
    „Der Geist ist wahrlich ruhelos, ungestüm, stark und unnachgiebig, Oh Krishna, ihn zu kontrollieren erscheint mir ebenso schwierig wie den Wind zu kontrollieren.“
  • Bhagavad Gita, Vers 6.35
    श्रीभगवानुवाच |
    असंशयं महाबाहो मनो दुर्निग्रहं चलम् |
    अभ्यासेन तु कौन्तेय वैराग्येण च गृह्यते || ६ ३५ ||
    śrībhagavānuvāca
    asaṃśayaṃ mahābāho
    mano durnigrahaṃ calam
    abhyāsena tu kaunteya
    vairāgyeṇa ca gṛhyate
    „Krishna sprach: Zweifellos, Oh mächtig bewaffneter Arjuna, der Geist ist schwer zu beherrschen und ruhelos. Aber durch Abhyasa und Vairagya kann er bezähmt werden.“
  • Bhagavad Gita, Vers 6.36
    असंयतात्मना योगो दुष्प्राप इति मे मतिः |
    वश्यात्मना तु यतता शक्योऽवाप्तुमुपायतः || ६ ३६ ||
    asaṃyatātmanā yogo
    duṣprāpa iti me matiḥ
    vaśyātmanā tu yatatā
    śakyo ’vāptumupāyataḥ
    „Ich denke, dass Yoga schwer von dem erreicht werden kann, der sich nicht selbst beherrscht. Der Selbstbeherrschte und Strebende aber kann durch die geeigneten Mittel dahin gelangen.“

Über das Thema Sein & Werden gibt es hier einen Kurzvortrag zum anhören, ausserdem hier noch ein älterer Text zum selben Thema:

Abhyasa und Vairagya – Sein und Werden

Manche behaupten der spirituelle Weg sei lang, hart und steinig, andere sagen er sei einfach, leicht und wonnevoll. Es gibt Meister die Sagen, dass man letztlich nichts „machen“ muss um die Selbstverwirklichung zu erreichen, und andere legen Wert auf die Tatsache das man nur durch einen sehr starken Willen das höchste Ziel erreichen kann. Und so gibt es sehr unterschiedliche Aussagen darüber, wie wir uns vom falschen Denken lösen, und für das Göttliche in uns öffnen können. Es gilt mit gesunden Menschenverstand und offenen Geist abzuwägen, welcher Weg der passende ist- oder zu sein scheint.  Jeder Mensch hat seine eigenen Erfahrungen, Bedürfnisse und Vorstellungen, und daraus resultierende Aufgaben die es auf dem Weg zu lösen gilt. Man sagt „der Weg ist das Ziel“, und das macht auch Sinn, aber der Geist ist selten wirklich auf dem Weg, sondern meist mit dem Ziel beschäftigt. Die Frage, die sich also jedem spirituell Suchenden stellt ist:

  • wie können wir das Ziel erreichen und wie können wir ganz und gar auf den Weg kommen?

Krishna gibt uns in der Bhagavad Gita im Vers VI.35 die Lösung in sehr knapper Form. Und zwar wird er von seinem Schüler Arjuna danach gefragt wie man den Menschlichen Geist beherrschen kann. Und er sagt zunächst, dass es etwa so schwierig ist wie „den Wind zu kontrollieren“, aber es gäbe ein Mittel um den Geist zur Ruhe zu bringen. Nämlich durch Abhyasa und Vairagya. Übrigens gibt es das selbe Modell auch in Patanjalis Yoga Sutras Kap.1.12.
Abhyasa bedeutet: Anstrengung, Übung, Beharrlichkeit, Zielstrebigkeit; Vairagya bedeutet: Losgelöstheit, Entsagung, Nicht-Identifikation, Leidenschaftslosigkeit. Und so sind dies 2 Pole, die es in das Leben zu integrieren gilt.

Auf der einen Seite müssen wir Streben, an uns arbeiten und beharrlich danach trachten uns zu Vervollkommnen. Auf der anderen Seite müssen wir aber auch Losslassen und Ankommen, also das ungetrübte Sein im Hier und Jetzt erfahren. Bei den meisten steht entweder das Eine oder das Andere zu sehr im Vordergrund. Wenn Abhyasa zu stark ist, wird man engstirnig, unlocker und vielleicht sogar dogmatisch. Wenn Vairagya zu sehr betont wird, wird man lasch, träge und kraftlos. Und so brauchen wir beides um uns weiter zu entwickeln.

Mit anderen Worten müssen wir „Sein und Werden“. Wir müssen mit unserem vollen Bewusstsein im Hier und Jetzt ankommen und alles loslassen was und davon abhält, dieses bedingungslose achtsame verweilen im Augenblick zu erfahren. Und wir müssen daran arbeiten uns zu ent-wickeln, uns von den falschen Denk- und Verhaltensmustern zu lösen. Wir benötigen dazu eben auch eine solide spirituelle Praxis die uns hilft uns für das Erfahren des Augenblicks zu öffnen.

Die Formulierung „den Geist Beherrschen“ oder „Die Gedanken zur Ruhe bringen“ ist im übrigen eher irreführend. Denn der Geist und die Gedanken lassen sich am ehesten mit einer Horde wilder Affen vergleichen. Sie tuen was sie wollen und lassen sich sicherlich nicht bezähmen. Und so hilft vielleicht der Gedanke, dass es darum geht die Phänomene des Geistes „transparent“ zu machen. Also die Horde wilder Affen zu akzeptieren, sie liebevoll anzunehmen und sich davon nicht ablenken zu lassen. Dann bekommen die Gedanken immer weniger Macht über uns, und wir können unsere Aufmerksamkeit auf die Wirklichkeit richten.

Sein und Werden hilft uns so also als ein Konzept um uns im spirituellen Sinne zu verwirklichen.

Man kann dieses Konzept auch anatomisch erklären: Der Sympathikus- und der Vagusnerv entspricht jeweils einem dieser beiden Prinzipien. Der Sympathikus steht für Anspannung, Ausrichtung und Konzentration, hingegen der Vagusnerv entspricht der Entspannung, Ruhe und Gelassenheit- also genau was ich zuvor mit den Begriffen Abhyasa und Vairagya erläutert habe. Auch im Hathayoga gibt es Ida und Pingala, oder Surya und Chandra. Diese Prinzipien erläutern letztlich das Selbe…

Road to Kartik Swami (Panorama Bild)

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