Haben wir einen freien Willen? -oder ist alles Vorherbestimmt?

Es gibt viele Meinungen über die große Frage: „haben wir einen freien Willen? Dazu möchte ich aus meinem Yoga-Philosophie Blickwinkel einige Gedanken ausführen und habe dazu viele Zitate gesammelt.

Haben wir einen freien Willen?

„Der Mensch kann zwar tun was er will, aber er kann nicht wollen was er will!“

ist sicher das bekannteste Zitat des großen Denkers Arthur Schopenhauer, ebenso der große Physiker Albert Einstein machte sich Gedanken zur Freiheit des Willens:

„An Freiheit des Menschen im philosophischen Sinne glaube ich keineswegs. Jeder handelt nicht nur unter äußerem Zwang sondern auch gemäß innerer Notwendigkeit.“

und Philosoph Friedrich Nietzsche ging sogar soweit zu sagen:

„Die Lehre von der Freiheit des Willens ist eine Erfindung herrschender Stände.“

der Dichter Johann Wolfgang von Goethe formuliert den Willen nur als zwanghaften Vorgänger der Handlung:

„Unser Wollen ist ein voraus Verkünden dessen, was wir unter allen Umständen tun werden. Diese Umstände aber ergreifen uns auf ihre eigene Weise.“

Einleuchtender wird diese Idee vielleicht durch das Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach:

„Wer an die Freiheit des menschlichen Willens glaubt, hat nie geliebt und nie gehasst.“

der große Lehrer Siddharta Gautama Buddha sagte dazu:

„Handlungen geschehen, aber es gibt keinen Handelnden“

So war für Buddha klar, dass alles Geschehen Zusammenhängt, er nannte es „Das Gesetz der Bedingtheit“

haben wir einen freien Willen?

Wenn wir über unser Leben und unser Sein im Kosmos nachdenken, werden wir immer wieder über die Frage nach dem freien Willen stolpern und ich denke es ist sehr wichtig darüber zu reflektieren.

Es ergeben sich daraus einige Fragen mit weitreichenden Konsequenzen:

  • Haben wir einen freien Willen oder ist dieser nur eine Illusion?
  • Können wir tatsächlich selbst unser Handeln bestimmen, oder scheint es nur so zu sein?
  • Wenn wir keinen freien Willen haben, sind wir dann unserem Schicksal hilflos ausgeliefert?

Letztendlich glaube ich, um meine Antwort auf diese Fragen schon mal vorweg zu nehmen, dass es eine Frage des Standpunktes bzw. der Betrachtungsweise ist: Einerseits haben wir natürlich das subjektive Empfinden eines freien Willens und sollten demgemäß auch Verantwortung für unser Tun übernehmen. Auf der anderen Seite aber  haben wir aber aus einer spirituellen, psychologischen, wissenschaftlichen sowie philosophischen Sicht keinen echten freien Willen, was ich im einzelnen noch erläutern möchte. Oder anders gesagt: der freie Wille ist nur relativ, im absoluten Sinne ist alles determiniert.

Natürlich baut unser juristisches System und auch unser soziales Zusammenleben darauf auf, dass jedes Individuum für sein eigenes Handeln verantwortlich ist, also der Mensch einen freien Willen hat.  Dem entsprechend wird man z.B. bestraft wenn man anderen schadet und streben wir nach individueller Freiheit. Andererseits haben die empirischen Untersuchungen von verschiedensten Wissenschaftlern (z.B. Roth & Singer, Penfield, Hagard, Eimer, Libet, Rasmussen…) ergeben, dass Handlungen neurologisch determiniert sind, also eine Folge von unbewussten neurologischen Prozessen sind. Also Entscheidungen werden bereits im Unbewussten getroffen, bevor wir meinen sie bewusst zu treffen! Wobei es bei den Experimenten über den freien Willen wohl immer um unrelevante spontane Entscheidungen geht, weniger um entscheidende  Vorgänge, also solche wissenschaftlichen Untersuchungen sind auch durchaus anzuzweifeln.

Aber: können wir dennoch frei sein?

Es gibt die sogenannter „Deterministen“ die klar die Vorstellung eines freien Willens ablehnen und sagen, dass alles was wir tun vorher bestimmt ist, demgemäß wir auch nicht moralisch verantwortlich für unser tun sein können. „Wir Leben in einem Kosmos und können uns nur dem Fluss des Schicksals hingeben und brauchen uns nicht einzubilden frei zu sein“. Bisschen zu extrem, zumal ich denke, dass jeder für sein Handeln verantwortlich ist bzw. sein sollte.

Und es gibt die „Libertarier“, die Vertreter des freien Willens, die dann radikal gesehen Chaos und Zufall als Grundlage des Seins sehen, eben das Gegenteil vom vorherbestimmten Kosmos. Ein komplett freier Wille impliziert absolute Freiheit, vollständige Vorherbestimmtheit beinhaltet dem Schicksal ausgeliefert zu sein.

Die grundsätzliche Frage ist:

Freiheit oder Determinismus?

Glücklicherweise gibt es Strömungen des „Kompatibilismus“ bzw. „weicher Determinismus“, also quasi die Mitte zwischen beiden Extremen. Ich denke man sollte zwischen den extremen schauen um vielleicht die Wahrheit in der Mitte zu entdecken. Der „Inkompatibilismus“ hält beide Grundthesen für unvereinbar.

Schauen wir uns die Thematik mal aus verschiedenen Blickwinkeln an,

Zunächst mal aus dem Blickwinkel der christlichen Theologie.

Im Deuteronomium (5.Buch Mose), Verse 26-28 finden wir ein klares Plädoyer für die Willensfreiheit, die in den Abrahamitischen Religionen von entscheidender Bedeutung ist, und vor allem im Judentum entscheidendes Dogma ist.

„Siehe, ich lege euch heute Segen und Fluch vor: den Segen, wenn ihr den Geboten des HERRN, eures Gottes, gehorcht, die ich euch heute gebiete, und den Fluch, wenn ihr den Geboten des HERRN, eures Gottes, nicht gehorcht und von dem Weg, den ich euch heute gebiete, abweicht, um andern Göttern nachzulaufen, die ihr nicht kennt.“

Also durch den freien Willen werden wir sündigen oder gutes tun und entsprechend Fluch oder Segen Gottes ernten, im übertragenen Sinne des Yoga also gutes oder schlechtes Karma anhäufen. Allerdings ist in der christlichen Theologie unklar ob die Bibel sich tatsächlich so klar gegen Determinismus ausspricht. So haben Martin Luther und Erasmus von Rotterdam einen erbitterten Streit um diese Frage gehabt, die dann in der Reformation mündete. Martin Luthers bekanntestes Werk „über den geknechteten Willen“ ist als Antwort auf Erasmus von Rotterdams „das freie Wahlvermögen“ zu verstehen.

Martin Luther schrieb:

„Wenn wir glauben, es sei wahr, daß Gott alles vorherweiß und vorherordnet, dann kann er in seinem Vorherwissen und in seiner Vorherbestimmung weder getäuscht noch gehindert werden, dann kann auch nichts geschehen, wenn er es nicht selbst will.“

Erasmus von Rotterdam hingegen:

„Weiter verstehen wir an dieser Stelle unter dem freien Willen die Kraft des menschlichen Willens, mit der der Mensch sich zu dem hinwenden kann, was zum ewigen Heil führt, oder sich davon abwenden kann“

Luthers Vorwurf:

„….damit schließt du ja ganz und gar den Heiligen Geist mit all seiner Kraft aus, als wäre er überflüssig oder gar nicht notwendig“

Dieser Streit ist typisch für die uralte Diskussion zwischen den Vertretern des freien Willens und den Deterministen.

Die Bibel ist da tatsächlich (mal wieder) sehr unklar, wie z.B. im Vers Roemer 10:10

„Ich bin gefunden worden von denen, die mich nicht suchten, ich bin offenbar geworden denen, die nicht nach mir fragten.“

Also hier zunächst eine klare Aussage für den Determinismus.

Und so heißt es aber wiederum in Roemer 3.10-12 dagegen:

„Da ist kein Gerechter, auch nicht einer; da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der Gott sucht. Alle sind abgewichen, sie sind allesamt untauglich geworden; da ist keiner, der Gutes tut, da ist auch nicht einer.“

Also der Mensch kann demnach nichts tun um sich für die Gnade Gottes zu öffnen, klar, wenn alles vorherbestimmt ist!

Naja, reinen Determinismus finde ich persönlich deprimierend und in letzter Konsequenz eben auch fatal, wozu soll ich mich dann bemühen? Allgemein kann man sagen, dass die katholische Meinung heute eher zum freien Willen tendiert und die protestantische zum Determinismus, wobei es darüber sicher bis in alle Ewigkeit Diskussionen geben wird. Wie gesagt, ich tendiere zum „Weg der Mitte“, also einer Mischung aus beiden extremen, im relativen haben wir einen freien Willen, im absoluten ist alles bedingt.

Swami Sivananda sagt dazu:

„Das Bewusstsein des Selbst lässt einen Menschen fühlen, dass er überhaupt frei ist. Dieser Gedanke der Freiheit ist im Geiste jedes Menschen verwurzelt. Er ist im Bewusstsein des Selbst verborgen. Obwohl er nichts zu essen hat, obwohl er sich in sehr ungünstigen Umständen befindet, gibt es einen besonderen Instinkt im Menschen, der ihn glauben lässt, er sei immer frei. Er weiß, dass er gebunden ist und dass er in diesem Tabernakel aus Fleisch eingeschlossen ist. Er ist sich voll bewusst, dass er ein Sklave von Maya und Avidya ist: und doch sagt ihm innerlich etwas, dass er gleichzeitig frei ist. Er hat dieses zweideutige Gefühl, weil er im Wesentlichen die alles durchdringende Masse der Weisheit  ist.“

Harte Deterministen lehnen in letzter Konsequenz auch die moralische Verantwortlichkeit ab, daher ist diese Sichtweise für mich völlig unstimmig. Der Vers Roemer 7.16 sagt:

„Nun aber vollbringe nicht mehr ich es, sondern die in mir wohnende Sünde.“

Harte Libertarier lehnen hingegen ein Konzept von Karma oder der Verantwortung gegenüber dem eigenen Schicksal gänzlich ab, was für mich auch absolut nicht stimmig ist.

So sagt Steven Spielberg:

„Wo ein Wille und ein dickes Bankkonto sind, da ist auch ein Weg.“

Ein Mittelweg wird zB von Alexander von Humbold beschrieben:

„Der Mensch muß das Gute und Große wollen, das Übrige hängt vom Schicksal ab.“

Ich denke das unser Wille zwar bedingt ist durch unsere Geschichte, Genetik, Programmierung, Denkstruktur, Gehirnnutzung, Konditionierung, Prägung oder wie wir es nennen wollen, wir jedoch in jedem Augenblick in eine Metaebene des neutralen Beobachtens gehen können, aus der heraus wir über die Umsetzung des freien Willens reflektieren können um frei entscheiden zu können was wir letztendlich aus dem Willen heraus für eine Handlung geschehen lassen.

Oder anders gesagt: leben wir unbewusst, sind wir opfer unserer Denkweisen und folgen instinktiv dem mehr oder weniger willkürlich auftretenden Willen, werden wir bewusster, treten wir aus dem Opferbewusstsein oder dem ausgeliefert sein heraus und befreien unseren Willen.

Oder noch einfacher gesagt: Wenn ich in ein Cafe gehen will, kann ich das tun, ich bin ja frei. Aber woher kommt der Wille ins Cafe zu gehen? Es kann viele unterschiedliche Ursachen haben, also vorherige Bedingungen: Ich bin Kaffeesüchtig, ich will nette Menschen im Cafe treffen, ich will mal raus aus meiner Wohnung usw. Ausserdem kann ich z.B. nicht ins Cafe gehen wenn ich kein Geld habe, oder nicht laufen kann. Somit ist der Wille nicht frei, sondern bedingt. Wenn ich mir aber dessen bewusst bin, kann ich lernen das Wünschen und Wollen in mir mehr und mehr zu beobachten und mich aus den Ketten befreien!

Ramakrishna Paramahansa sagte diesbezüglich:

„Seid vollkommen gewiss, dass ihr lediglich eine von Gott bediente Maschine seid – und dann tut was ihr wollt!“

Der Schweizer Philosoph Peter Bieri sagte:

„Nehmen wir an, Sie hätten einen freien Willen. Es wäre ein Wille, der von nichts abhinge: ein vollständig losgelöster, von allen ursächlichen Zusammenhängen freier Wille. Ein solcher Wille wäre ein aberwitziger, abstruser Wille. Seine Losgelöstheit nämlich würde bedeuten, dass er unabhängig wäre von ihrem Körper, ihrem Charakter, ihren Gedanken und Empfindungen, ihren Phantasien und Erinnerungen. Es wäre, mit anderen Worten, ein Wille ohne Zusammenhang mit all dem, was Sie zu einer bestimmten Person macht. In einem substantiellen Sinn des Wortes wäre er deshalb gar nicht Ihr Wille.“

Je mehr ich darüber nachdenke, desto komplexer wird es.

Einerseits stimme ich Friedrich Nietsche zu:

„Der «unfreie Wille» ist Mythologie: im wirklichen Leben handelt es sich nur um starken und schwachen Willen.“

Oder Robert Musil:

„Der zurechnungsfähige Mensch kann immer auch anders, der unzurechnungsfähige nie!“

Andererseits ist wie Emanuel Swedenborg sagt, der Mensch auch ein Zahnrad im kosmischen Getriebe:

„Der Mensch kann überhaupt keinen Schritt tun ohne den Einfluss des Himmels!“

Der Wille ist also unfrei, aber wir können meistens entscheiden ob wir ihm folgen oder nicht. Es gibt immer eine konstruktive und positive sowie eine destruktive und negative Richtung, wir sollten lernen mehr und mehr „das Richtige“ zu tun, denn wie Joanne K. Rowling es formuliert:

„Viel mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen, die zeigen, wer wir wirklich sind.“

Abschliessend noch ein Zitat des englischen Lyrikers Robert Musil:

„Wer nicht weiß, was er selber will, muß wenigstens wissen, was die anderen wollen.“

Und meine Antwort: Aus einer absoluten Sicht haben wir keinen freien Willen, aus einer relativen Sicht haben wir einen freien Willen!

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About Narada

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