Kena Upanishade. Kenopanishad. Komplett mit Kommentaren.

Die Kena Upanishade gehört zu den ältesten und wichtigsten der 108 offiziellen Upanishaden und sie gilt als eine der essenziellen Grundlagen für die Lehre des Vedanta, insbesondere auch für das von Shankara formulierte Advaita Vedanta.

Die Kena Upanishade

Der Name der Upanishade leitet sich vom ersten Wort des Textes ab, Kena bedeutet „von wem“ und so beginnt die Kena Upanishade mit der Frage wer oder was das Denken, Hören, Sprechen, Fühlen und die Energie hervorgebracht hat, bzw. welcher Gott all das lenkt. Die Kena Upanishade enthält 34 Verse und sie wird dem Samaveda zugeordnet. Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen der ersten und zweiten Hälfte der Kenopanishad in Form und Inhalt,  wobei die erste Hälfte besonders interessant ist, da sie hilft zu verstehen was Brahman bedeutet. Die Kena Upanishade eignet sich hervorragend um Aspekte des Vedanta zu vertiefen und tiefe Erkenntnisse daraus zu gewinnen.

Shanti Mantra der Kena Upanishade

Vor den wichtigsten Upanishaden werden traditionell bestimmte sogenannte Shanti Mantras rezitiert, um sich in die richtige Schwingung zu versetzen zum studieren der Upanishade. Vor der Kena Upanishade wird das gleiche Mantra wie zur Chandogya Upanishade Rezitiert:

ॐ आप्यायन्तु ममाङ्गानि वाक्प्राणश्चक्षुः
श्रोत्रमथो बलमिन्द्रियाणि च सर्वाणि।
सर्वम् ब्रह्मौपनिषदम् माऽहं ब्रह्म
निराकुर्यां मा मा ब्रह्म
निराकरोदनिराकरणमस्त्वनिराकरणम् मेऽस्तु।
तदात्मनि निरते य उपनिषत्सु धर्मास्ते
मयि सन्तु ते मयि सन्तु।
ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः॥
Auṃ āpyāyantu mamāṅgāni vākprāṇaścakṣuḥ
śrotramatho balamindriyāṇi ca sarvāṇi |
sarvam brahmaupaniṣadam mā’haṃ brahma
nirākuryāṃ mā mā brahma
nirākarodanirākaraṇamastvanirākaraṇam me’stu |
tadātmani nirate ya upaniṣatsu dharmāste
mayi santu te mayi santu |
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Om. Mögen meine Glieder, Sprache, Lebensenergie, Auge, Ohr, Stärke und alle meine Sinne zu großer Vitalität heranwachsen. All diese sind das Brahman der Upanishaden. Möge ich niemals Brahman verleugnen. Möge Brahman mich niemals zurückweisen. Möge es niemals Zurückweisung durch das Brahman geben. Lasse sich all die Tugenden, von denen in den Upanishaden geschrieben steht, in mir festigen. Möge ich mich erfreuen in meinem Selbst. Mögen die Tugenden sich in mir festigen. Om Frieden, Frieden, Frieden.“

Die Kena Upanishade

Meine Kommentare zu dieser Upanishade werde ich sehr kurz halten und nur wenige Hinweise zum besseren Verständnis des Textes geben, da die Verse für sich sprechen. Ich verwende hier soweit nicht anders vermerkt die Übersetzung von Paul Deussen.

Kena Upanishade, erster Khanda

1. „Von wem gesandt, fliegt ausgesandt das Manas hin?
Von wem zuerst geschirrt, streicht hin der Odem?
Wer schickt die Rede aus, die wir hier reden?
Wer ist der Gott, der anschirrt Ohr und Auge?“

Oder in der Formulierung von Bettina Bäumer:

Von wem bewegt erhebt sich der Geist, (in die Freiheit) entsandt?
Von wem gelenkt geht der Lebensatem als Erster hervor?
Von wem bewegt sprechen die Menschen das Wort?
Welcher Gott, spricht, lenkt Auge und Ohr?

Das erste Wort der Kena Upanishade ist „woher“ oder „von wem“ im Sanskrit „Kena“ gibt einerseits den Namen der Upanischade und andererseits stellt es die zentrale Frage der Upanishaden nach dem wahren Selbst bzw. der Identität Gottes.

keneṣitaṃ patati preṣitaṃ manaḥ – von wem hervorgebracht?

In diesem ersten Vers stecken viele essenzielle Fragen:

Shiva in Haridwar

Shiva in Haridwar

  • Was ist der Ursprung unseres Denkens und Fühlens (Manas)?
  • Was ist der Ursprung unserer Existenz?
  • Welche Kraft führt uns in die Freiheit?
  • Wer kontrolliert Körper und Atem?
  • Wer haucht uns das Leben ein?
  • Wer spricht durch mich?
  • Wer Denkt die Gedanken in mir?
  • Wer ist der Handelnde?

2. Des Hörens Hören und des Denkens Denken,
Der Rede Reden ? sie ist Hauch des Hauchs nur?
Des Auges Sehn? der Weise lässt sie fahren;
Und wird, hinscheidend aus der Welt, unsterblich.

Dieser 2. Vers wirkt zunächst wie weitere Fragen aufgrund Deussens eingefügter Fragezeichen, jedoch ist es die Antwort des Lehrers auf seinen Schüler. Swami Sivananda formuliert die Übersetzung etwas klarer:

2. Lehrer: Es ist das Ohr des Ohres, der Geist des Geistes, die Zunge der Zunge (die Sprache der Sprache) und auch das Leben des Lebens und das Auge des Auges. Indem sie diese hinter sich gelassen haben (die Ich-Identifikation in all diesen) und sich über das mit den Sinnen erfassbare Leben erheben, werden die Weisen unsterblich.

Die Instanz die hinter den Sinnen und dem Denken scheinbar verborgen ist jenes was gesucht wird. Der letzte Satz weist auf das Ziel der kommenden Lehren hin, Bettina Bäumer formuliert diesen etwas klarer:

„Die Weisen, davon befreit, werden unsterblich, wenn sie diese Welt verlassen.“

Wenn wir also befreit sind von der Idee der „Handelnde, Fühlende, Denkende“ zu sein, und tatsächlich wissen, dass wir reines Bewusstsein sind, können wir den Kreislauf der Wiedergeburten verlassen.

3. „Das, bis zu dem kein Aug‘ vordringt,
Nicht Rede und Gedanke nicht,
Bleibt unbekannt, und nicht sehn wir,
Wie einer es uns lehren mag!“

Wir können das Selbst nicht als ein Objekt erfahren, so wie das Auge sich auch selbst nicht sehen kann. Kein Gedanke kann es erfassen, da es allem zugrunde liegt und es zugleich alles übersteigt. Das Selbst kann auch nicht gelehrt werden, da es jenseits aller Worte und Konzepte existiert, es kann nur darauf hingedeutet werden und man kann sich durch Selbstanalyse für die höchste Erkenntnis öffnen, aber letztendlich bleibt Befreiung Gnade.

3(b). Verschieden ist’s vom Wissbaren,
Und doch darum nicht unbewusst! ?
So haben von den Altvordern
Die Lehre überkommen wir.

Dieser Vers 3.b ist ein Einschub aus der Isha Upanishad, Vers 10 und 13., manchmal gibt es im ersten Khanda eine andere Aufzählung und dieser Vers wird als der 4. nummeriert.

Es kann nicht „gewusst“ werden so wie alles andere Wissen, aber wenn es erkannt ist, wird es Grundlage jeden Wissens. Es ist ziemlich abstrakt, jedoch von entscheidender Bedeutung sich damit zu befassen. Und so wird die Lehre von Leher zu Schüler weitergegeben, wichtig ist hierbei der Respekt gegenüber Lehrer und Lehre.

4. Was unaussprechbar durch Rede,
Wodurch Rede aussprechbar wird,
Das sollst du wissen als Brahman,
Nicht jenes, was man dort verehrt.

Eine der zentralen Fragen der Yogawissenschaft ist die Identität Gottes: ist Gott gestaltlos oder gestalthaft? Also hat Gott Name, Form und Eigenschaft, oder ist Gott jenseits dessen? Diese Upanishade befasst sich mit dem gestaltlosen, alles umfassenden Einen und mit diesem Vers wird kritisiert „was man dort verehrt“, also eine gestalthafte Vorstellung von Gott bei der nicht gesehen wird das beides gleich ist. Bemerkenswert finde ich den ersten Teil, Bettina Bäumer formuliert es so:

„Was durch das Wort nicht aussprechbar wird, wodurch das Wort ausgesprochen wird.“

Also:

  • Nirguna Brahman ist jenseits aller Eigenschaften und kann im Grunde nicht formuliert werden
  • Saguna Brahman hat Eigenschaften und es kann „ausgesprochen“ werden.

Und dieser Unterschied wird auch in den weiteren Versen des 1. Khanda benannt:

5. Was durch das Denken undenkbar,
Wodurch das Denken wird gedacht,
Das sollst du wissen als Brahman,
Nicht jenes, was man dort verehrt.
6. Was durch das Auge unsehbar,
Wodurch man auch das Auge sieht,
Das sollst du wissen als Brahman,
Nicht jenes, was man dort verehrt.
7. Was durch die Ohren unhörbar,
Wodurch man auch das Ohr vernimmt,
Das sollst Du wissen als Brahman,
Nicht jenes, was man dort verehrt.
8. Was man durch Riechen nicht wahrnimmt,
Wodurch das Riechen wird gewirkt,
Das sollst Du wissen als Brahman,
Nicht jenes, was man dort verehrt.

Brahman ist als das was dem geist und den Sinnen zugrunde liegt und wodurch handeln und Erleben geschieht. Das was verehrt wird ist etwas „ausserhalb“ von uns, also ein Objekt welches durch das Subjekt beobachtet wird. Verehren impliziert immer eine Dualität, Brahman ist jedoch absolut nondual.

„Das sollst Du wissen als Brahman, nicht jenes, was man dort verehrt.“

Nichts gegen Verehrung eines Ideals, jedoch sollte man sich bewusst darüber sein, dass jede Form Gottes immer auf das Formlose Eine deutet.

iti prathamakhandah – soweit das erste Khanda

Kena Upanishade, zweiter Khanda

9. Wenn du (in der erwähnten Weise das Brahman verehrend) ver-meinst, dass du es wohl kennest, so ist das trügend; auch so kennst du von Brahman nur die Erscheinungsform, was von ihm du (als verehrendes Subjekt) bist und was von ihm unter den Göttern (als Objekt der Verehrung) ist. Du musst es also noch weiter erforschen.
„Ich meine doch, es zu wissen!

Paul Deussen lebte von 1845 bis 1919, daher ist seine Sprache etwas altbacken und oftmals schwierig zu verstehen, jedoch gelten seine Übersetzungen und Kommentare heute noch als Standardwerke der Indologie. Bettina Bäumer übersetzt deutlich moderner, jedoch sind ihre Texte nicht frei verfügbar, hier ihre Übersetzung des Verses:

„Wenn du meinst, du kennst es gut, so kennst du nur einen kleinen Teil, einen Aspekt des Brahman, was in dir und in den Göttern ist. Das was Du zu wissen meinst, musst Du noch erforschen.“

Die Thematik der nondualen, absoluten Sichtweise intellektuell zu erfassen ist nicht schwierig, jedoch ist dieses nicht Ziel des Weges, sondern es geht um eine Erkenntnis die keinen Zweifel mehr zulässt. Wenn „ich“ meine es zu kennen, dann ist da noch die Idee eines „ich“, wenn „ich“ meine Gott zu kennen, dann ist da noch eine Trennung. Wahres Erkennen des Einen lässt keine Trennung mehr zu, jede Vorstellung eines „ich“ ist dann hinfällig.

10. Zwar weiß ich es nicht ganz, doch auch
Nicht weiß ich, dass ich es nicht weiß!
Wer von uns etwas weiß, weiß es,
Nicht weiß er, dass er es nicht weiß.“

Bei solchen Versen raucht einem der Kopf, aber genau darum geh es! Die Upanishaden sollen uns helfen alles zu Hinterfragen, vor allem unsere Überzeugungen, sukzessive überwindet man seine falschen Überzeugungen und damit seine Unwissenheit, man erkennt sozusagen immer mehr, bis man irgendwann die Perspektive wechselt und die beschriebene Wahrheit völlig klar sieht. Wissen ist also hier nicht gemeint im Sinne von Informationen die man kennt, sondern im Sinne von echter Weisheit, Weisheit des unmittelbaren Erkennens der absoluten Wirklichkeit.

11. Nur wer es nicht erkennt, kennt es,
Wer es erkennt, der weiß es nicht, ?
Nicht erkannt vom Erkennenden,
Erkannt vom Nicht-Erkennenden!

Leider ergeben sich immer wieder Verzerrungen der Bedeutung beim Übersetzen aus dem Sanskrit, und so möchte ich hier nochmals die Übersetzung von Bettina Bäumer hinzuziehen:

„von wem es nicht gedacht ist, der denkt es
wer darüber nachdenkt der kennt es nicht!
Nicht verstanden vom Wissenden,
verstanden von den Nichtwissenden!“

Wir können nicht selbst zur Erleuchtung finden, sie findet uns!

Wir können nicht selbst Gott erkennen, es erkennt uns!

Jede Anstrengung, jeder Gedanke, jede Handlung kommt zunächst  aus einer identifikation mit Körper und Person, jedes vermeintliche Wissen kommt aus dem eigenen Denken und birgt Konzepte die uns daran hindern unmittelbar die Einheit zu erkennen, Erleuchtung geschieht nur durch Gnade.

Paul Deussen sagt zu diesem Vers in seinem Kommentar:

„Die Lehre von der Unerreichbarkeit des Brahman auf dem Wege der Erkenntnis findet in dem vielzitierten Verse 11 ihren schärfsten Ausdruck.“

Auch wenn es oft so klingt, der JnanaYoga Weg kann nicht aktiv zu Ende gegangen werden.

12. In wem es aufwacht, der weiß es
Und findet die Unsterblichkeit;
Dass er es selbst ist, gibt Kraft ihm,
Dass er dies weiß, Unsterblichkeit.

Dieser Vers deutet wieder auf die Gnade als Ursache für jedes Erwachen hin, „ich“ kann nicht aktiv erwachen, sondern nur dafür sorgen, dass „es“ geschehen kann. Nicht ich erkenne Gott, sondern Gott erkennt sich in mir.

Wenn erkannt wird, dass alles Eins ist, wenn Gott sich also quasi in mir erkannt hat, dann geschieht die Befreiung vom Kreislauf der Wiedergeburten.

13. Wer ihn hienieden fand, besitzt die Wahrheit,
Wer ihn hier nicht fand, dem ist’s groß Verderben.
In jedem Wesen nimmt ihn wahr der Weise
Und wird, hinscheidend aus der Welt, unsterblich.

„Verderben“ bedeutet, dass wir weitermachen müssen bis wir befreit sind, also uns wieder und wieder neu verkörpern bis wir die Einheit allen Seins voll erkannt haben, bis wir unerschütterlich wissen, dass alles und jeder ein Teil Gottes ist.

iti dvitîyah khandah – soweit das zweite Khanda

Kena Upanishade, dritter Khanda

Die ersten beiden Abschnitte der Kena Upanishade waren in Versform gehaltene poetische aber direkte Philosophie, die beiden nächsten und letzten Abschnitte sind vielmehr eine Alegorie in Prosaform. Der Theosoph Charles Johnston nennt den folgenden Abschnitt „einen der tiefsten Abschnitte der Upanishaden“, dennoch wird allgemein angenommen, dass dieser Abschnitt erst viel später den ersten beiden Khandas hinzugefügt wurde, da er völlig anders in Stil und Inhalt ist, es entspricht eher dem Stil der Puranas als den Shrutis.

14. Es geschah, dass das Brahman für die Götter den Sieg (über die Dämonen, Brih. 1,3) erfocht. Die Götter aber brüsteten sich ob dieses Sieges des Brahman; denn sie dachten: „Unser ist der Sieg, unser ist dieser Ruhm.“

Es ist also hier nicht mehr die Rede vom advaitischen Prinzips Brahman, dem absoluten alles durchdringenden und umfassenden einen Bewusstsein, sondern um eine Allegorie die uns mit Metaphern einige Aspekte der Lehre vermitteln soll. Brahman ist also hier in der Geschichte aktiv, er erkämpft einen Sieg für die Götter gegen die Dämonen, die sich dann etwas drauf einbilden.

15. Als das Brahman bemerkte, dass sie das taten, machte es sich ihnen offenbar; sie aber erkannten es nicht und sprachen: „Was ist das für ein Wunderding?“

Den Göttern (wohl eher: Engelswesen, denn sie sind nicht zu verwechseln mit dem einen Gott) war also nicht klar, dass es in Wahrheit Brahmans Verdienst gewesen ist, sie Fragen sich bloß was dieses Brahman sei. In der Übersetzung von Swami Sivananda (aus dem Englischen ins Deutsche) wird es wohl etwas deutlicher:

„Es (das Brahman) kannte ihre Einbildung (dass sie von Eitelkeit aufgeblasen waren) und erschien ihnen (in Form eines Yaksha, Naturgeistes, um ihren Stolz zu vernichten). Sie erkannten Es nicht.“

Dann wollten sie mehr Wissen und fragten den Feuergott Agni:

16. Und sie sprachen zu Agni: „Erforsche doch, o Wesenkenner, was das für ein Wunderding ist!“ ? „So sei es!“ sprach er.

Agni wird hier mit seinem Beinamen Jataveda, der „alle Wesen kennt“, angesprochen.

17. Und er stürzte auf dasselbe los. Da redet das Brahman ihn an und sprach: „Wer bist du?“ ? „Ich bin der Agni“, sprach er, „ich bin der Kenner der Wesen.“ ?

Nun wird es von Brahman geprüft:

18. „Wenn du der bist, welches ist deine Kunst?“ ? „Ich vermag, dieses alles zu verbrennen, was hier auf Erden ist.“ ?

19. Da legte ihm Brahman einen Strohhalm vor und sprach: „So verbrenne dieses!“ ? Er stürmte darauf los mit allem Ungestüme, aber er vermochte nicht, ihn zu verbrennen. Da kehrte er zurück und sprach: „Ich habe es nicht zu erforschen vermocht, was das für ein Wunderding ist.“

Also Agni konnte trotz seiner Weisheit (er steht auch für das Licht welches erkennen lässt) nicht erfassen was dieses Brahman ist. Vielleicht der Windgott? Hier wiederholt sich quasi die gleiche Geschichte:

20. Da sprachen sie zu Vayu (dem Gott des Windes): „Erforsche doch, o Vayu, was das für ein Wunderding ist!“ ? „So sei es!“ sprach er.

21. Und er stürzte auf dasselbe los. Da redete das Brahman ihn an und sprach: „Wer bist du?“ ? „Ich bin der Vayu“, sprach er, „ich bin der Matarishvan.“

22. „Wenn du der bist, welches ist deine Kunst?“ ? „Ich vermag, dieses alles fortzureißen, was hier auf Erden ist.“ ?

23. Da legte ihm Brahman einen Strohhalm vor und sprach: „So reiße dieses fort!“ ? Er stürmte darauf los mit allem Ungestüme, aber er vermochte nicht, es fortzureißen. Da kehrte er zurück und sprach: „Ich habe es nicht zu erforschen vermocht, was das für ein Wunderding ist.“

Wie am Ende des 2. Khanda erläutert kann niemand willentlich Brahman erkennen.

24. Da sprachen sie zu Indra : „Erforsche doch, o Mächtiger, was das für ein Wunderding ist!“ ? „So sei es!“ sprach er. Und er stürzte auf dasselbe los. Da verbarg es sich vor ihm.

Dem Gottkönig Indra also hat Brahman sich verborgen, Swami Sivananda sagt in seinem Kommentar, dass Brahman wohl Indras Überheblichkeit schwächen wollte, selbst der König der Götter mit all seiner macht kann nicht durch seinen Willen Brahman erkennen:

„Warum verschwand Brahman, als Indra näher kam? Indra war noch nicht fortgeschritten genug, um über die wahre Natur Brahmans von Brahman selbst unterwiesen zu werden. Daher verschwand Brahman und ließ Uma zurück, um Indras Fragen zu beantworten. Da Indra der mächtigste der Götter ist, verschwand Brahman, um deutlich zu machen, wie unerheblich Indras Macht war zur Erlangung des Wissens um Brahman.“

Uma tritt hier als Verkörperung der Weisheit auf um eine Mittlerin zwischen Indra und Brahman zu sein.

25. Er aber begegnete an demselbigen Orte einem Weibe, die war sehr schön, der Uma, Tochter des Himavant. Zu der sprach er: „Was ist das für ein Wunderding?! ?

Die Gemahlinnen der Götter (hier Shivas Frau Uma bzw. Parvati) gelten oft als weiser als die männlichen Götter, daher überließ Brahman es Uma den Gottkönig Indra zu unterweisen.

iti trtîyah khandah – soweit das dritte Khanda

Kena Upanishade, vierter Khanda

26. „Das ist das Brahman“, sprach sie, „das Brahman, welches jenen Sieg erfocht, ob des ihr euch brüstet!“ ? Da erst erkannte er, dass das Brahman war.

Oder wie Swami Sivananda übersetzt:

„Sie sagte: „Es ist in der Tat Brahman; denn wahrlich durch den Sieg Brahmans habt ihr Ruhm erlangt.“ So erfuhr Indra einzig und allein aus den Worten Umas, dass es Brahman war.“

Nur durch Uma erfuhr also Indra von der Identität Brahmans, er konnte es zuvor nicht selbst erfassen!

27. Darum, fürwahr, sind diese Götter gleichsam erhaben über die anderen Götter, nämlich Agni, Vayu und Indra . Denn sie hatten das Brahman am nächsten berührt, sie hatte es zuerst erkannt, dass das Brahman war.

28. Darum, fürwahr, ist Indra gleichsam erhaben über die andern Götter, denn er hatte Brahman am nächsten berührt, er hatte es zuerst erkannt, dass es das Brahman war.

Aus diesen Versen lässt sich schliessen, wie es auch in Swami Sivanandas Kommentar deutlich wird, dass Indra sein Wissen dann an Agni und Vaya weiter gegeben hat.

29. Über selbiges ist diese Unterweisung. Was an dem Blitze das ist, dass es blitzt und man ruft „ah“ und schließt die Augen, ? dies, dass man „ah“ ruft (ist seine Unterweisung) in Bezug auf die Gottheit.

Swami Sivananda sagt zu diesem Vers, dass Indra und die anderen nur einen Augenblick lang Brahman erkannt hätten, ich lese jedoch in diesem Vers etwas anderes (womit ich keineswegs sagen möchte Swami Sivananda läge falsch): Ich denke dieser Moment des „Ah!“ ist eine Erkenntnis die fortan alles verändert und die nicht mehr zu leugnen ist, ist Brahman einmal erkannt, wird es zur Grundlage jeder Erfahrung.

30. Nun in Bezug auf die Seele. Wenn etwas gleichsam eintritt in den Geist, dass man dadurch sich erinnert an etwas im Augenblick, dieses Vorstellen (ist seine Unterweisung).

Die Übersetzung von Deussen macht wieder Mal ein zentrales Problem der Advaita Lehre in der modernen Zeit deutlich: die Verwechslung zwischen dem Begriff Atman und dem Konzept der Seele. Daher hier zunächst die Übersetzung von Swami Sivananda ins Deutsche:

30. Dann folgt ein Vergleich Brahmans in Bezug auf den Atman innerhalb des Körpers – so schnell wie man mit dem Geist an Brahman denkt und so schnell der Geist will.

Swami Sivananda sagt in seinem Kommentar zu diesem Vers:

„Als diese verschlüsselten Lehren erstmals von den Sehern und Weisen weiter gegeben wurden, wurden sie gleichzeitig mündlich erklärt. Heutzutage ist es schwierig, sie mit Gewissheit zu interpretieren.“

Und so finde ich diesen Vers ebenso wie den vorherigen sehr schwierig mit meinem Verständnis der Advaita Vedanta Lehre in Einklang zu bringen.

31. Selbiges heißet mit Namen: „Nach-ihm-das-Sehnen“; als „Nach-ihm-das-Sehnen“ soll man es verehren. Wer selbiges als solches weiß, zu dem wohl sehnen hin sich die Wesen alle.

Der selbige Vers nochmals von Swami Sivananda:

31. Brahman muss wahrlich von allen verehrt werden und wird daher Tadvana genannt. Es soll als Tadvana verehrt werden. Wer Brahman auf diese Weise kennt, wird von allen Lebewesen geliebt.

Tadvana ist also das „nach ihm sehnen“ oder die Hingabe und das Streben, es kommt hier also der Bhakti-Aspekt ins Spiel, die Lehre sagt, dass man nicht durch bloßes Wissen zur Erkenntnis des höchsten kommt, sondern unbedingt auch Demut und Hingabe benötigt. Nur wenn wir über die Begrenzungen der Identifikation mit dem Handelnden und Denkenden gehen, wird Verwirklichung der Einheit im absoluten möglich und dazu braucht es die Akzeptanz einer höheren Macht im relativen.

32. Sagst du noch: „Lehre mich die Upanishad“, so antworten wir: Gelehrt ist die Upanishad, denn wir haben dir die geheimnisvolle Lehre von dem Brahman verkündigt.

Mit Upanishad ist hier gemeint die „Lehre über Brahman“ und diese ist vollständig. So wie Swami Sivananda in seinem Kommentar sagt, benötigt es darüber hinaus kein weiteres Wissen um die Einheit in Brahman zu erkennen. Die weiteren beiden Verse dienen nur noch der Wiederholung und Vertiefung.

33. Die Buße, die Bezähmung, das Werk, das sind ihre Grundlagen (die sie voraussetzt), die Veden bilden alle Glieder derselben, die Wahrheit, das ist ihr Stützpunkt.

Tapas, Dama, Karma sind drei wesentliche Aspekte des Weges um zu Brahman zu gelangen, also Askese, Sinnesbeherrschung und Handlungen/ Rituale, laut Sivananda sind diese drei nur Beispiele von vielen weiteren Aspektend er spirituellen Praxis. Wobei die Wahrheit die Basis von allem bilden sollte.

34. Wahrlich, wer dieselbe also weiß, der wehret dem Bösen und in der unendlichen Himmelswelt, der unüberwindlichen ist er gegründet, ist er gegründet.

Oder wie es Sivananda formuliert:

34. Wer also weiß, nachdem er sich von allen Sünden frei gemacht hat, ruht fest im unendlichen, wonnevollen höchsten Brahman. Er ist in Ihm begründet.

Wer Erkennt, dass alles eins ist, ist darin fest verankert!

iti caturthah khandah – soweit das vierte Khanda
iti kenopanishat – dies die Katha Upanishade

Abschliessend noch ein passendes Gebet von Swami Sivananda:

Hari Om! Mögen meine Gliedmaßen, meine Sprache, mein Prana, meine Augen, meine Ohren, meine Kräfte und all meine Sinne kraftvoll sein. Alles ist das Brahman der Upanishaden. Möge ich Brahman nie in Frage stellen. Möge Brahman mich nie missachten. Möge Brahman nie geleugnet werden. Möge Brahman nie missachtet werden. Mögen alle in den Upanishaden dargelegten Tugenden sich in mir finden und meinen Atman erstrahlen lassen! Möge ich ihr Behältnis sein! Om Frieden! Frieden!! Frieden!!!

Ganga in Rishikesh

Ganga in Rishikesh

 

 

Über Narada

Ich bin als Lehrer & Ausbilder für Meditation, Yoga und Advaita Vedanta tätig und koche für Geld. Nebenbei betreibe ich diese Seiten um meinem großen spirituellen Mitteilungsbedürfnis einen weiteren Kanal zu geben. Alle Inhalte meiner Seite stehen dir kostenfrei zur Verfügung und sie dürfen unter Angabe der Quelle gerne weiter verwendet werden! Wenn du mich bei meiner Arbeit unterstützen willst, Kommentiere, Like und Teile einfach meine Beiträge... :-)