Klassische Zusammenfassung der Bhagavad Gita

„Das Buch, das mich in meinem ganzen Leben am meisten erleuchtet hat.“
Johann Wolfgang von Goethe

Die Bhagavad Gita ist mit ihren 700 Versen ein recht umfassendes Werk, sie gilt als wichtigster Text des Hinduismus und auch als am weitesten verbreitete Schrift aus Indien. Die Bhagavad Gita ist kein Lesebuch welches man einfach mal durch liest, sondern ein philosophisches und hochkomplexes Werk in das man immer mal wieder rein schaut um sich davon inspirieren zu lassen. Da die 700 Verse so tiefgründig sind und so viele Weisheiten enthalten, gibt es verschiedene Versuche die Essenz des Textes in wenigen Versen auszudrücken. Einige klassiche Beispiele der Zusammenfassung habe ich rausgesucht und möchte sie kurz kommentieren.

Die Bhagavad Gita in der Zusammenfassung

  • Eka-sloki Gita: 18.78 ein Vers
  • tri-sloki: 15.16-18 3 Verse
  • catuh-sloki: 10.8-11 4 Verse
  • Sapta-sloki Gita: 8.13,11.36,13.14,8.9,15.1.,15.15,18.65  7 Verse
  • Caran-sloki: 18.66 Kilaka und Shakti der Bhagavad Gita

„eka-sloki“ Bhagavad Gita in einem Vers:

XVIII.78 „Überall, wo Krishna, der Herr des Yoga ist, überall, wo Arjuna, der Bogenträger, ist, dort sind Reichtum, Sieg, Glück und feste Grundsätze; davon bin ich überzeugt“

Swami Sivananda sagt, dass die Wiederholung dieses Verses soviel Nutzen hat wie das Lesen der gesamten Bhagavad Gita. Jeder Vers lässt sich selbstverständlich aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, für mich steht Krishna symbolisch für das wahre göttliche Selbst und Arjuna für das Individuum welches identifiziert ist mit Körper und Person und auf dem Weg zu Gott ist. Man kann also diesen vers so verstehen, dass immer wenn wir an Gott denken oder uns dessen Omnipräsenz bewusst sind und immer wenn wir uns ernsthaft um harmonisches Handeln auf dem spirituellen Weg bemühen wir die genannten Vorteile erfahren können. Interessant ist, dass dieser Vers nicht von Krishna gesprochen wurde, sondern vom Reporter Sanjaya.

tri-sloki Bhagavad Gita Zusammenfassung in 3 Versen:

XV.16 „Zwei Purushas gibt es in der Welt, den zerstörbaren und den unzerstörbaren. Alle Wesen sind der zerstörbare, und der Kutastha – der Unveränderliche – wird unzerstörbar genannt“

XV.17 „Anders jedoch ist der erhabene Purusha (uttamah purusa), der das höchste Selbst genannt wird, der unzerstörbare Herr, der die drei Welten erfüllt und sie erhält“

XV.18 „Da Ich das Vergängliche und auch das Unvergängliche übersteige, wird von Mir in der Welt und im Veda gesagt, Ich sei der höchste Purusha“

Es gibt einige Verwirrung über den Begriff Purusha und dieser ist historisch begründet. Vor allem ist Purusha ein Begriff der Samkhya Philosophie des Rishi Kapila, aber der Begriff ist noch wesentlich älter und ihm sind leicht variierende Bedeutungen zugeschrieben worden. Purusha wird bereits im Rigveda (dem ältesten Text des Hinduismus) als urriese beschrieben aus dem die Menschheit geformt wurde. Purushottama ist auch im Purusha Suktam als eine Urform des Gottes Narayana beschrieben worden, er sei die Summe aller Teile der Schöpfung und unbeschreiblich groß mit unendlich vielen Köpfen. In Kapilas Samkhya Denkweise ist Purusha das reine Bewusstsein welches der Urgrund jeden Wesens ist, ähhnlich wie der Atman im Advaita Vedanta, jedoch gibt es viele Purushas und nur einen Atman. In diesen drei versen geht es darum zu sagen, dass das Selbst verschiedene Aspekte oder Ebenen hat, es gibt den wandelbaren und vergänglichen Teil und es gibt das eine, ewige, unveränderliche und alles durchdringende Selbst. Dieses „uattama purusha“ ist jenseits bzw. urgrund der 3 Welten bzw. Körper. Krishna als personifikation des Purusha bzw. Brahman des Vedanta ist das höchste was eben alles übersteigt und unzerstörbar ist.

„catuh-sloki“ Bhagavad Gita Zusammenfassung in 4 Versen:

X.8 „Ich bin der Ursprung von allem; aus Mir entwickelt sich alles; in diesem Wissen verehren Mich die Weisen in Meditation.“

X.9 „Ihr Geist und ihr Leben sind völlig in Mir aufgegangen, sie erleuchten einander gegenseitig, sprechen immer von Mir und sind zufrieden und froh.“

X.10 „Den Menschen, die immer beständig sind und Mich liebevoll verehren, gewähre Ich den Yoga der Unterscheidungskraft, durch den sie zu Mir kommen.“

X.11 „Aus bloßem Mitgefühl mit ihnen zerstöre Ich, der Ich in ihnen bin, die aus Unwissenheit entstandene Dunkelheit mit der leuchtenden Lampe des Wissens.“

Über diese 4 Verse sollte man immer wieder nachdenken bis einem die wahre Bedeutung einleuchtet. Krishna als personifikation des einen Göttlichen Prinzips ist urgrund und Ursprung der Schöpfung bzw. das reine Bewusstsein aus dem heraus die Evolution begonnen hat. Krishna (oder wie auch immer wir Gott nennen wollen) ist Ziel aller spirituellen Praxis und er kann in diefer Innenschau als wahres Selbst erkannt werden. Wenn man im Einklang mit seinem wahren Wesen bzw. Gottes Schöpfung lebt und sich ganz dem Göttlichen Willen hingibt bekommt man alles was man braucht und ist „zufrieden und froh“. Durch die beständige Verehrung des Einen in jeder Handlung wird man mehr und mehr den unterscheidenden Geist entwickeln und erkennen, dass Gott tatsächlich immer und überall ist. Die „Leuchtende Lampe des Wissens“ ist die Lehre der Gita die die Unwissenheit vertreibt, Krishna ist der „in uns ist“, also der brahman des Vedanta. Soweit einige Gedanken dazu, wie gesagt kann die wahre Bedeutung nur in tiefer Meditation erfahren werden…

„sapta-sloki Gita“ – die Bhagavad Gita Zusammenfassung in 7 Versen:

Ich habe bereits einmal selbst meine wichtigsten 7 Verse der Bhagavad Gita aus Zusammenfassung herausgesucht und die einzelnen Verse ausführlich kommentiert. Hier also nun die klassische Auswahl von 7 Versen der Gita die als Essenz betrachtet werden, wobei ich sagen muss, dass ich meine Auswahl besser finde… 😉

IIX.13 „wenn der Sterbende das einsilbige Om – für Brahman- spricht und beim Verlassen des Körpers an Mich denkt, erreicht er das höchste Ziel“

Es wird gesagt, dass der wichtigste Moment im leben der des Todes ist und, dass man sich im Tode seiner Göttlichen Natur bewusst ist, denn dann wird nach dem verlassen des Körpers die Einheit mit Gott erfahren. Man kann daher sagen, dass die ganze spirituelle Praxis darauf ausgerichtet ist, das man sich im Moment des Todes auf Gott ausrichtet, und dabei hilft das Mantra, vorzugsweise das Om als direkte Manifestation Gottes. Natürlich geht es im spirituellen leben noch um weit mehr als nur das rechte sterben, aber dieser Moment ist entscheidend für das Leben nach dem Tode. Wenn es dem menschen zur Gewohnheit wird an Gott zu denken wird er sicherlich auch im Tod an das Eine denken.

XI.36 „Arjuna sprach: Zurecht, Oh Krishna, jubelt die Welt in Deinem Lobpreis und ist hocherfreut; Dämonen fliehen aus Angst in alle Himmelsrichtungen und die Heerscharen der Vollkommenen (Siddhas) verneigen sich vor Dir“

Wenn man erkannt oder verstanden hat was Krishna bzw. Gott im allgemeinen ist wird man hocherfreut sein und sich ganz natürlich seinem Lobpreis widmen, jedoch ist wohl entscheidend wirklich zu erkennen, dass Gott nah und nicht fern ist, dass er in uns ist und nicht irgendwo anders. Das strahlende Licht Gottes welches dort scheinen kann wo Reinheit ist wird alle Dunkelheit vertreiben. Auch die verwirklichten verehren Gott.

XIII.14 „Durch die Funktion aller Sinne strahlend, und doch ohne Sinne; unverhaftet, und doch alles tragend; ohne Eigenschaften, und doch der, der sie erfährt,“

Je näher man Gott kommt bzw. je mehr man Dunkelheit und Unruhe vertreibt und Klarheit in sich kultiviert, desto mehr kann das strahlende Licht Gottes durch die 3 Körper hindurch strahlen. Das Wort Indriya ist hier mit Sinnen übersetzt und meint auch die Handlungsorgane, also jede Handlung geschieht aus dem Bewusstsein Gottes im Einklang mit seiner Schöpfung. Der Mensch wird unverhaftet und ist doch mit allem verbunden, er ist jenseits aller Eigenschaften, da er weiß er ist in wirklichkeit das Eine ohne ein Zweites. Ein wunderschöner Vers.

IIX.09 „Wer zur Stunde des Todes meditiert über den Allwissenden, der ohne Anfang und Ende ist, den Beherrscher der ganzen Welt, der kleiner ist als ein Atom, der alles erhellt, dessen Gestalt nicht wahrnehmbar ist, der strahlt wie die Sonne und jenseits von Dunkelheit ist,“

Wie im ersten Vers des Sapta Sloki Gita bereits erwähnt ist es wichtig im Augenblick des Todes an Gott zu denken, in diesem Vers werden dann noch einzelne Aspekte und Eigenschaften Gottes beschrieben:

  • Allwissendend Gott ist das Wissen hinter den Informationen
  • ohne Anfang und Ende Gott war bereits bevor die Schöpfung entstand
  • Beherrscher der ganzen Welt Gott ist die Gesetzmäßigkeit die alles bestimmt
  • kleiner als ein Atom Gott ist nirgendwo zu finden…
  • alles erhellend Gott ist die Essenz des Lichtes
  • dessen Gestalt nicht wahrnehmbar ist Gott ist kein Objekt, es ist das eine Subjekt
  • der strahlt wie die Sonne Gott ist die eine lebensspendende Kraft
  • jenseits von Dunkelheit Dunkelheit verhüllt Gott bloß

XV.01 „Krishna sprach: Sie (die Weisen) sprechen vom unzerstörbaren Feigenbaum; seine Wurzeln sind nach oben und seine Zweige nach unten gerichtet, und seine Blätter sind die Metren oder Hymnen; wer ihn kennt, kennt die Veden.“

Der Banyanbaum (bengalische Feige) ist eine Metapher für das Universum, es ist der Baum der Maya der seine Wurzeln „oben“ in Brahman hat und seine Früchte sind unten. Laut Swami Sivananda geht es hierbei um die Früchte des Handelns an die wir nicht verhaftet sein sollen. Wer die Maya kennt weiß auch die Bedeutung der heiligen Schriften. Die Maya ist die große Täuschung der wir Menschen verfallen sind, wir glauben ein getrenntes Individuum zu sein und kennen nicht unsere wahre natur als unsterbliches und alldurchdringendes Selbst.

XV.15 „Ich wohne in den Herzen aller; aus Mir kommen Erinnerung und Erkenntnis, ebenso wie deren Fehlen. Ich bin in Wahrheit das, was durch alle Veden erfahren werden muss; ich bin in der Tat der Schöpfer der Vedanta und auch der Kenner der Veden.“

Krishna ist wahrlich schwierig intellektuell zu erfassen, nur durch Meditation und Kontemplation über die heiligen Texte kann erfasst werden was sich hinter dem Wort verbirgt. Krishna ist eins mit dem wahren Selbst eines jeden Individuums und zugleich urgrund der gesamten Schöpfung sowie Schöpfer. Krishna ist nur zu erkennen wenn man ein reines Herz hat, also das Bewusstsein ungetrübt ist.

XVIII.65 „Richte deinen Geist auf Mich, sei Mir ergeben, opfere Mir und verneige dich vor Mir. Du wist zu Mir gelangen; wahrlich Ich gebe dir das Versprechen, denn du bist Mir lieb“

Dieses ist wohl auch einer der berühmtesten Verse der Bhagavad Gita. Krishna verspricht hier zum Abschluss der Gita das man durch die 4 Methoden sicherlich zu ihm kommen wird:

  1. Richte deinen Geist auf Mich – so oft wie möglich an Gott denken
  2. sei Mir ergeben – sich dem Willen Gottes hingeben
  3. opfere Mir – alle Handlungen im Geiste für Gott ausführen
  4. verneige dich vor Mir – stets im Geiste sich vor Gottes größe neigen

 Caran-sloki XVIII. 66 „Kilaka und Shakti“ der Bhagavad Gita

„Gib alle Vorstellungen von Dharma auf und suche Zuflucht nur bei Mir alleine: Ich werde dich von allen Papas befreien; sorge dich nicht“

„sarva-dharman parityajya mam ekam saranam vraja
aham tvam sarva-papebhyo mokshayisyami ma sucah“

Diesen Vers lasse ich mal einfach so stehen, die Bedeutung wird sich nach und nach entfalten…

Krishna

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About Narada

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