Patanjali Yoga Sutra, Verse 3.36-38 – konstante Ausrichtung führt zum Ziel

In diesem Abschnitt des Vibhuti Pada im Yoga Sutra beschreibt Patanjali weitere übersinnliche Fähigkeiten und warnt zugleich davor ihnen zu viel Aufmerksamkeit zu geben. Nur wenn wir immer weiter üben zu   wahr und unwahr bzw. Selbst und Nichtselbst können wir uns sukzessive auf die Freiheit zu bewegen. Besondere Fähigkeiten zu entwickeln ist schön und gut, schmeichelt aber zu sehr dem Ego welches wir transformieren wollen.

Verse 3.36-38 in Patanjalis Yoga Sutra

3.36 सत्त्वपुरुषायोः अत्यन्तासंकीर्णयोः प्रत्ययाविशेषोभोगः परार्थत्वात्स्वार्थसंयमात् पुरुषज्ञानम्
sattva-puruṣāyoḥ atyantā-saṁkīrṇayoḥ pratyayāviśeṣo-bhogaḥ para-arthat-vāt-sva-arthasaṁyamāt puruṣa-jñānam
sattva = Reinheit, Sein, Existenz, Klarheit
puruṣa = reines Bewusstsein, wahres Selbst, Seele, das Unveränderliche
atyantā = äußerst, über die Grenze gehend, fortwährend, beständig
asaṁkīrṇayoḥ = nicht verbunden, Verschiedenheit, unvermischbar
pratyayaḥ = Bewusstseinsinhalt, Wahrnehmung, Vorstellung, Begriff, Mentaler Eindruck
aviśeṣaḥ = Nicht-Unterscheidung, Ununterschiedenheit
bhogaḥ = Vergnügen, Besitz, Verbrauch, Genießen
para = äußeres, höchstes, extern
artha = Interesse, Zweck, Grund, Wunsch, Ziel
vāt = statt
sva = eigenes, eigen
saṁyamāt = tiefe Versenkung, Versenkung, Ausrichtung
jñānam = Wissen, Verständnis, Kenntnis, Erkenntnis

„Weltliches Vergnügen resultiert aus dem Mangel an Unterscheidung zwischen der Reinheit und dem reinen Bewusstsein. Kenntnis des reinen Bewusstseins kommt durch die Ausrichtung auf die Ziele des höheren statt des niederen Selbst.“

Die Freude welche in uns durch das Erleben der sinnlichen Welt entsteht, ist nur ein Abbild der bedingungslosen Freude des wahren Selbst. Freude die wir durch Objekte (also durch uns als Subjekt Wahrnehmbares) erleben ist wie das Licht des Mondes nur eine Reflektion des tatsächlichen, auch wenn die Freude sehr rein zu sein scheint. Es ist an sich nichts schlechtes an „weltlichem Vergnügen“, jedoch sind wir durch unsere Verhaftung so sehr gebunden, dass wir das wahre Selbst nicht erkennen können. Patanjali empfiehlt hier wieder, (wie auch im bedeutsamen Vers 2.26) die Praxis der Unterscheidung zwischen dem wahren Selbst und dem was nicht das Selbst ist. Beides ist miteinander vermischt und es bedarf einer konstanten Praxis um diese beiden Aspekte voneinander zu Unterscheiden. Diese Praxis führt laut Patanjali zum Ziel des Yoga: Freiheit. Dieses Samyama ist das wichtigste um zum Ziel des Yoga zu kommen, alle anderen können zu Hindernissen werden.

3.37 ततः प्रातिभस्रावाणवेदनादर्शास्वादवार्ता जायन्ते
tataḥ prātibha-srāvāṇa-vedana-ādarśa-āsvāda-vārtā jāyante

tataḥ = daher, daraus, davon, aus diesem
prātibha = licht höheren Wissens, intuitiv, göttlich
śrāvaṇa = Ohr, Höhren, Gehör
vedana = Empfinden, Fühlen
ādarśa = Erblicken, Sehen
āsvāda = Kosten, Schmecken
vārtā = Geruch, riechen
jāyante = erzeugt, Hervorbringen, gebären, geht hervor, entsteht

„Aus diesem entsteht intuitives Hören, Fühlen, Sehen, Schmecken und Riechen.

Wenn wir also nur den Interessen des wahren Selbst folgen und somit uns in die kosmische Ordnung eingliedern, wird sich unsere Wahrnehmung öffnen und alles wird uns zu Teil. Wenn wir uns nicht verlieren in den Objekten dieser Welt bzw. im weltlichen Vergnügen, werden wir immer mehr die Fülle des Augenblicks erleben und unsere Wahrnehmung wird sich ausdehnen.

3.38 ते समाधवुपसर्गाव्युत्थाने सिद्धयः
te samādhav-upasargā-vyutthāne siddhayaḥ

te = der, die, das, sie, diese, jene
samādaui = in Samadhi, im Überbewusstsein
upasargā = Hindernis, Unfall, nebensächlich
vyutthāna = nach aussen strebender Geist, materiell orientierte Menschen
siddhayaḥ = Kräfte, Erfolg, Zauberkraft, Fähigkeiten

„Die wachsenden Fähigkeiten sind störend für das Erreichen des Überbewusstseins.“

Die verschiedenen von Patanjali beschriebenen Siddhis füllen nahezu das ganze 3. Kapitel des Yoga Sutra, jedoch warnt Patanjali zugleich davor mit ihnen zu arbeiten. Übersinnliche Fähigkeiten werden im Yoga als großes Hindernis auf dem Weg zur spirituellen Freiheit betrachtet, weil sie zu einer Festigung der Identifikation mit der eigenen Persönlichkeit führen kann. Je stärker unsere geistigen Kräfte werden, desto verlockender wird es sie zu mißbrauchen, daher betont Patanjali immer wieder die Wichtigkeit von Ethik& Moral. Nur wer reinen Herzens ist kann das Ziel des Yoga erreichen.

Soweit mein Kommentar zu den Versen 36-38 im Vibhuti Pada des Yoga Sutra von Patanjali.

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Über Narada

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