Patanjali Yoga Sutra, Verse 3.53-56 – Achtsamkeit und Freiheit

Om Namah Shivaya

In diesem letzten Abschnitt des 3.Kapitels im Yoga Sutra führt Patanjali die Idee der Achtsamkeit als wichtigen Schlüssel zur Freiheit ein. Er sagt, dass wir durch das Meditieren über den Fluss des Augenblicks zu Unterscheidungskraft und höherem Wissen kommen, und das diese Erkenntnis frei macht. Im letzten Vers gibt er einen kleinen Vorgeschmack auf das vierte Kapitel, indem er über „Kaivalya“ spricht, was der Titel des letzten Kapitels ist. Kaivalya kommt durch die Läuterung des Geistes, also Achtsamkeit und Reinigung sind die beiden Schlüsselbegriffe dieses Abschnitts.

Patanjali Yoga Sutra, Vers 3.53

3.53 क्षणतत्क्रमयोः संयमात् विवेकजंज्ञानम्
kṣaṇa-tat-kramayoḥ saṁyamāt vivekajaṁ-jñānam
kṣaṇa = Moment, Augenblick, Jetzt
tat = er, sie, es, dies,da, dahin, damals, auf diese Weise
kramayoḥ = Gang, Abfolge, Verfahren, Reihenfolge
saṁyamāt = durch Versenkung, durch Ausrichtung
viveka = Unterscheidung, Trennung
jam = kommend aus, geboren
jñānam = Wissen, Erkennen, Verständnis

„Durch Samyama die Abfolge der Momente erreicht man Unterscheidungs-basiertes Wissen.“

Also zunächst Mal geht es bei diesem Vers ganz profan darum, dass man sich in jedem Augenblick bewusst ist was man tut um kein Leiden zu kreieren. Jedoch denke ich, dass Patanjali mit diesem Vers die heute so moderne Idee der Achtsamkeit formuliert, jeden Moment so bewusst zu sein, dass man den jeweils folgenden Moment voll erfasst. Im Englischen wird hierfür das Wort „Mindfulness“ verwendet, was auf die Fülle jedes einzelnen Augenblicks hinweist. Vivekananda bemerkt zu diesem Vers, dass er auf den vorangegangenen Vers 3.52 anspielt und ein Mittel aufzeigt sich von boshaften Wesenheiten fern zu halten: durch die gewonnene Unterscheidungskraft. Sich auf den Fluss der Zeit zu konzentrieren ist also eine ganz wesentliche Übung.

Patanjali Yoga Sutra, Vers 3.54

3.54 जातिलक्षणदेशैः अन्यतानवच्छेदात् तुल्ययोः ततः प्रतिपत्तिः
jāti-lakṣaṇa-deśaiḥ anyatā-anavacchedāt tulyayoḥ tataḥ pratipattiḥ
jāti = Geburt, Art, Stand, Rang, Kaste
lakṣaṇa = Merkmal, Zeichen, Attribut, Eigenschaft
deśa = Ort, Position
anyata = Verschiedenheit, Unterschied
anavacchedāt = nicht bestimmt
tulyayoḥ = gleich, Ähnlich
tataḥ = davon, daraus, daher
pratipattiḥ = Verständnis, Erlangen, Gewinnen, Einsicht

„Daraus entsteht Einsicht in gleichartiges auch ohne Unterschied von Art, Merkmal und Ort.“

Also durch das Training von Achtsamkeit bzw. das beobachten der Abfolge der Momente wird unsere Unterscheidungskraft sehr genau. Logisch: je genauer wir hinschauen, desto mehr erkennen wir. Je bewusster wir sind, desto klarer erfassen wir die Wirklichkeit.

Patanjali Yoga Sutra, Vers 3.55

3.55 तारकं सर्वविषयं सर्वथाविषयमक्रमंचेति विवेकजं ज्ञानम्
tārakaṁ sarva-viṣayaṁ sarvathā-viṣayam-akramaṁ-ceti vivekajaṁ jñānam
tārakam = überstrahlen, transzendieren, retten, erlösen
sarva = alle, alles, ganz
viṣayam = Objekt, mit Sinnen wahrnehmbar
sarvathā = auf alle Weisen, jeder Zeit, gänzlich
akramam = Unordnung, ohne Abfolge, Verwirrung, chaotisch
ca = auch, und
iti = fertig, Ende, dieses
viveka = Unterscheidung, Trennung, Unterscheidungskraft
jam = herauskommend, geboren
jñānam = Wissen, Erkenntnis, Verständnis

„Wissen durch Unterscheidung transzendiert alle Objekte, auf alle Weisen und zu allen Zeiten.“
oder
„Dieses Wissen aus Unterscheidung ist spontan da ohne Abfolge und bezieht sich immer auf alle Objekte.“

Wie so oft bei Übersetzungen aus dem Sankrit kann auch dieser Vers sehr verschieden verstanden werden. Ich habe bei den ersten beiden Kapiteln zu jedem Vers 2 verschiedene Übersetzungen angeboten, im 3. Kapitel sind die Verse weniger philosophisch und daher eindeutiger in der Übersetzung. Also einerseits sagt Patanjali, dass das benannte Wissen aus Unterscheidung die Welt der Objekte übersteigt, also das Wissen sozusagen höher einzuschätzen ist als die Erfahrung. Das ist sehr Vedantisch und macht in sofern Sinn, dass unser Bewusstsein alles umfasst und durchdringt. Desweiteren beschreibt er aber auch in der zweiten möglichen Übersetzung, dass dieses Wissen einfach Geschieht und auf alles anzuwenden ist.

Swami Vivekananda sagt hierzu

„Rettend, weil diese Erkenntnis den Yogi über das Meer von Geburt und Tod geleitet.“,

Diese Erkenntnis sollten wir anstreben um frei zu werden. Alles andere ist Makulatur.

Patanjali Yoga Sutra, Vers 3.56

3.56 सत्त्वपुरुषयोः शुद्धिसाम्ये कैवल्यम्
sattva-puruṣayoḥ śuddhisāmye kaivalyam
sattva = Reinheit, Sein, klar, Göttlich (eines der Gunas)
puruṣayoh = Bewusstsein, Mensch, Seele, wahres Selbst
śuddhi = Reinheit, Läuterung, Klarheit
sāmye = Gleichheit, Übereinstimmung, Ähnlichkeit
kaivalyam =  Befreiung, absolute Glückseeligkeit

„Wenn durch Läuterung Sattwa und Purusha identisch geworden sind kommt absolute Freiheit.“

Ich habe bereits auf die schwierigkeit der Übersetzung von Purusha und Sattwa in Vers 3.50 hingewiesen.

Wenn also unser Geist so klar geworden ist, dass er nicht mehr befleckt ist von den Konditionierungen, ist die Einheit im unmittelbaren und reinen Bewusstsein Erreicht.Es gibt keine differenz mehr zwischen soll- und ist-Zustand, es ist reines Sein welches durch die Klarheit des Geistes nicht getrübt wird.

Iyengar übersetzt diesen Vers sehr schön, indem er sagt:

„Wenn die Reihnheit der Intelligenz der Reinheit der Seele gleicht…“

Tatsächlich hört dann die Welt auf zu existieren, jedenfalls in der Form wie wir sie bisher kannten, denn dann ist nicht mehr Prakriti im Vordergrund, sondern Purusha, also reines bewusstes-Sein ist wirklich und die Objekte sind ein unwirklicher Schatten dessen.

Sukadev sagt hierzu:

„Wenn Purusha in sich selbst ruht, hört Prakriti auf zu arbeiten. Das Universum hört für einen selbst, für diese individuelle Manifestation des Purusha, auf zu existieren.“

Prakriti, die Welt der Erfahrungen ist zwar noch da, aber die Existenzgrundlage ist Purusha, das reine Bewusstsein, Gott. Alles ist eins, keine Trennung, kein Mangel. Diese Reinheit kann nur durch beständiges Üben erreicht werden.

Sriram kommentiert zu diesem Vers:

Meditation gipfelt in der Erfahrung, in der Fühlen und Denken eins mit dem unsterblichen Wesenskern sind.“

Soweit also mein Kommentar zum letzten Abschnitt 53-56 im Vibhuti Pada, dem 3. Kapitel des Yoga Sutra, und eben auch das Ende des gesamten 3. Kapitels. Bald geht es weiter mit dem „Kaivalya Pada“.

Ghat in Rishikesh

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About Narada

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