Patanjali Yoga Sutra, Verse 4.4-6 – individueller und universeller Geist

Der Gott der Simpsons

Ich staune immer wieder über die Tiefe und Vielschichtigkeit der einzelnen Verse von Patanjalis Werk, jeder einzelne Satz hat so viele Deutungsebenen und eben auch so viel Potential um falsch gedeutet zu werden. Der Vergleich von verschiedenen Übersetzungen und Kommentaren ist wirklich sehr spannend und jedem zu empfehlen der tiefer in das Yoga Sutra eintauchen will.

In diesem 2. Abschnitt des Yoga Sutra vertieft Patanjali nochmals die Aussagen über die Überwindung der Identifikation mit der individuellen Persönlichkeit und die Entwicklung des Yogi hin zum kosmischen universellen Bewusstsein. Die zentrale Ursache für unsere Misere, also auch die Notwendigkeit zur Praxis des Yoga, ergibt sich aus der uns dominierenden Unwissenheit vom wahren universellen Selbst, universeller Geist ist unsere Natur.

Patanjali Yoga Sutra, Kaivalya Pada, 4.4

4.4 निर्माणचित्तान्यस्मितामात्रात्
Nirmāṇacittānyasmitāmātrāt

nirmāṇa = bilden, schaffen, erzeugen, entstehen lassen
cittāni = das Wandelbare des Menschen, Denken, Geist, Gemüt, Verstand
asmitāḥ = Ich-Identifikation, Selbstbezogenheit, Egoismus
mātrāt = allein daraus, nichts außer, nur

„Das individuelle Gemüt entsteht nur durch die Ich-Identifikation.“

Durch die Identifikation unseres Geistes mit sich selbst und seiner angeblichen Individualität festigt sich selbiger in Form der persönlichen Psyche bzw. des Gemüts. Nur dadurch, dass wir uns für eine Person bzw. den Körper mit seinen Funktionen halten, generieren wir ein Geistfeld welches uns einnebelt in einem schier endlosen Traum der Getrenntheit. Durch diese fatale Identifikation bekommen wir die starke Illusion eines individuellen Geistes und leiden unter der selbstgeschaffenen Begrenztheit. So wie Patanjali es auch in den Versen 2.3-9 über die Kleshas ausführt, ist unsere eigene Unwissenheit die Ursache unseres Leidens und diese gilt es vor allem zu überwinden.

Patanjali Yoga Sutra, Kaivalya Pada, 4.5

4.5 प्रवृत्तिभेदे प्रयोजकं चित्तमेकमनेकेषाम्
Pravṛttibhede prayojakaṁ cittamekamanekeṣām

pravr̥tti = Funktion, gezielte Gedanken, Hervorkommen, Aktivität, Erscheinungsformen
bhede = Unterschied, Zerbrechen, Zerspalten, Abgrenzung
prayojakam = lenkend, veranlassend, bewirkt, initiierend
cittam = das Wandelbare des Menschen, Denken, Geist, Gemüt, Verstand
ekam = eins, einer, einzig, einzeln
anekeṣām = von vielen, mehr als eins, viele

„Die verschiedenen Tätigkeiten des Geistfeldes werden durch den einen Geist beherrscht.“

Das eine allesumfassende Bewusstsein liegt dem individuellen Geist zugrunde, lösen wir die Identifikationen auf und überwinden so das starre egozentrierte Denken können wir mit dem universellen Geist einswerden. Diese Einswerdung ist Ziel des Yoga, sie ist Kaivalya von dem in diesem Kapitel des Yoga Sutra die Rede ist. Der eine Geist der sich in der Vielfalt offenbart ist was wir wirklich sind, nicht der Geist unserer selbstgeschaffenen Person. Patanjali greift hier nochmals seinen zentralen Satz, den bekanntesten des ganzen Werkes, aus dem 2. Vers des 1. Kapitels auf und erläutert diesen:

yogaś-citta-vṛtti-nirodhaḥ
„Yoga ist das zur Ruhe bringen der Gedankenwellen im Geiste.“

Wenn die Gedankenwellen im individuellen Geistfeld durch die Methodik des Yoga zur Ruhe gebracht wurden kann, wie hier beschrieben, sich das individuelle Geistfeld mit dem universellen Bewusstsein eins werden, denn universeller Geist ist unsere wahre Natur. Letztendlich sind wir niemals getrennt von dem einen Geist, jedoch in der Illusion des individuellen Geistes gefangen und durch den selbsterzeugten Nebel unfähig zu erkennen, dass wir eins sind.

Sukadev sagt in seinem Kommentar hierzu:

„Die Samkhya-Philosophie sagt dasselbe mit anderen Worten. Aus dem einen Gemüt, Mahat, sind die ein-zelnen Chittas als individuelle Gemüter entstanden. Aber alle diese Chittas werden letzlich beherrscht von dem einen kosmischen Geist.“

Patanjali Yoga Sutra, Kaivalya Pada, 4.6

4.6 तत्र ध्यानजमनाशयम्
Tatra dhyānajamanāśayam

tatra = von ihnen, dort, daran, darin, bei dem Anlass
dhyāna = Meditation, Kontemplation, Versenkung
jam = geboren, entstanden
aśaya = Überbleibsel, Ort, Sitz, Lagerstelle
anāśayam = frei von Rückstand, Übrigen, Eindrücken

„Bewusstsein aus Meditation entwachsen ist frei von persönlichen Eindrücken.“

Hier bestätigt Patanjali nochmals meine Analyse: wenn wir durch die Praxis von Meditation die Fähigkeit erlernen den eigenen Geist wohlwollend zu beobachten, kann sich dieses reine Gewahrsein kultivieren und die Kraft unseres individuellen Geistes wird schwächer, die persönlichen Eindrücke verlieren ihre Kraft über uns.

Der erste Kommentator des Yoga Sutra Vyasa sagt in seinem Bhashya zu diesem Vers:

„Der Yogi hat alle Hindernisse zerstört und für andere bleiben ihre karmischen Reste.“

Also die Identifikation mit den eigenen Programmierungen des Geistes binden uns an das Karma und erzeugen neue karmische Samen.

Ein Gott, viele Manifestationen

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