Patanjali Yoga Sutra, Verse 4.9-12 – wir sind Samskaras und Smritis

Die Ganga meandert durchs Tal

In diesem Abschnitt geht es um die Samskaras und Smritis, also die Programmierungen und Erinnerungen die als Essenz unserer irdischen Existenz unseren Kern bilden und die Zeit überdauern.

Es gibt viele Verse im Yoga Sutra an denen ich große Freude entwickelt habe beim arbeiten an meinen Kommentaren und Übersetzungen, dieser Abschnitt gehört nicht dazu. Manche Verse in Patanjalis Werk sind sehr schwierig zu verstehen und noch schwieriger sie einigermaßen korrekt zu übersetzen, bei diesen Versen fiel es mir sehr schwer herauszufinden was Patanjalis Intention gewesen sein könnte, denn viele Kommentatoren analysieren diese Verse höchst unterschiedlich, ganz zu schweigen von den widersprüchlichen Übersetzungen. Nun denn, ich habe die 15 Übersetzungen und Kommentare durchgearbeitet die mir zur Verfügung stehen und hier ist das Ergebnis, welches mir erst richtig klar wurde durch den Bezug zu den Versen 4.7-8 davor.

Ich hoffe dass ich Patanjalis Ideen richtig vestanden habe und sie nicht verzerre.

Kaivalya Pada, Patanjali Yoga Sutra, Vers 4.9

4.9 जातिदेशकालव्यवहितानामप्यानन्तर्यं स्मृतिसंस्कारयोरेकरूपत्वात्
Jātideśakālavyavahitānāmapyānantaryaṁ smṛtisaṁskārayorekarūpatvāt

jāti = Klasse, Stand, Geburt, Kaste, Art, soziale Schicht
deśa = Ort
kāla = Zeit, Zeitpunkt
vyavahitānām = unterbrochen, losgelöst, getrennt, Lücke
api = sogar, auch, selbst, trotzdem
anantaryaṁ = unmittelbare Folge, Kontinuität
smr̥ti = Gedächtnis, Erinnerung
saṁskārayoḥ = Prägungen, geistige Eindrücke, Gewohnheiten, Programmierungen
eka = eins, einer, einzig, einzeln
rūpa = Form, Gestalt, Erscheinung, Wesen

„Da Erinnerungen und Programmierungen ähnlich erscheinen, gibt es eine ununterbrochene Kontinuität in der Wiedergabe dieser Merkmale, auch wenn Geburt, Ort und Zeit dazwischen liegen.“

Der älteste erhaltene Kommentator des Yogasutra von Vyasa spricht in seinem Yogabhashya zu diesem Vers von einem „Karmischen Residuum“ welches erhalten beibt durch viele Inkarnationen hindurch, also unabhängig der drei genannten Faktoren. Also die karmischen Reste, welche gemeinhin als „Sanchita“ bezeichnet werden, können sich in künftigen Leben auf vielfältige Weise manifestieren, vor allem eben durch die Samskaras und Smritis.

Dieser Vers bezieht sich unmittelbar auf den vorherigen Vers 4.8, in dem es heißt:

„Daher werden die Programmierungen durch die Früchte des Handelns offenbar.“

Also die Früchte des Handelns werden (solange die Befreiung nocht erreicht wurde) zwingend früher oder später offenbar, jedoch ist die Ursache der Erfahrungen in der Regel nicht erkennbar. Zeit spielt hierbei bloß eine Rolle aus der Perspektive des getrennten Individuums, auf anderen Ebenen unterliegt die zeitliche Abfolge anderen Gesetzmäßigkeiten, so sagt Sukadev in seinem Kommentar zu diesem Vers:

„Vom Standpunkt der vorhandenen Samskaras aus, der Eindrücke in unserem Gemüt, folgt das eine direkt auf das andere. Für unser momentanes Bewußtsein sieht es so aus, als läge eine große Zeitspanne dazwischen.“

Swami Satyananda schreibt zu diesem Vers:

„Es gibt eine Kontinuität zwischen den vielen Geburten und die Erinnerungen und Gewohnheiten aller vergangenen Geburten werden auch in diesem Leben fortgesetzt.“

Das was also von einer Geburt in die nächste übergeht ist nicht die Persönlichkeit, sondern nur die Samskaras und Smritis (Programmierungen und Erinnerungen), das was wir jetzt sind ist quasi die Folge aus den Programmierung und Erinnerungen der Vergangenheit. Es ist nur ein mentales Konstrukt damit eine Person zu verbinden, wenn man möchte kann man es aber als Seele bezeichnen.

Kaivalya Pada, Patanjali Yoga Sutra, Vers 4.10

4.10 तासामनादित्वं चाशिषो नित्यत्वात्
Tāsāmanāditvaṁ cāśiṣo nityatvāt

= der, die, das
tāsām = sie, von denen
anāditvaṁ = kein Anfang
ca =  und, auch
āśiṣ = Wunsch, Bitte

āśiṣaḥ = Wunsch zu leben
nityatvāt = ständig, Ewig, von Dauer, ohne Ende

„Sie (Samskaras und Smritis) sind anfangslos und durch Wünsche endlos.“

Man kann keinen Anfang der Erinnerungen und Programmierungen finden, sie bilden eine Kette ohne Anfang und ohne Ende. Am Ursprung stand der Wunsch zu Leben der wohl auch nicht aus dem Nichts entstand sondern eine wesentliche und elementare Kraft hinter der Evolution bedeutet. Ebensowenig wie einen Anfang gibt es hier ein Ende, da jeder Wunsch wiederum neue Wünsche enthält und jede Wunschbefriedigung uns weiter an die Idee bindet Glück sei durch die Erfüllung der Wünsche zu erreichen. Dieses ist der ewige Kreislauf den wir als „Samsara“ bezeichnen, die Befreiung daraus ist das Ziel des Yoga.

Swami Vivekananda sagt in seinem Kommentar zu diesem Vers:

„Es gab keinen Anfang der Erfahrung, da jede neue Erfahrung aus der Tendenz hervorgeht, die von einer früheren Erfahrung kommt.“

Das Ende dieser Kette ist nur durch Gnade erreichbar die wir nicht durch unser Handeln erreichen können, Sadhana bedeutet immer nur ein sich-öffnen für die Befreiung, sie kann nicht willentlich erreicht werden.

Kaivalya Pada, Patanjali Yoga Sutra, Vers 4.11

4.11 हेतुफलाश्रयालम्बनैः सङ्गृहीतत्वादेषामभावे तदभावः
Hetuphalāśrayālambanaiḥ saṅgṛhītatvādeṣāmabhāve tadabhāvaḥ

hetu = Veranlassung, Mittel, Ursache
phala = Wirkung, Erfolg, Frucht, Ergebnis
āśraya = Basis, Sitz, Standort, Unterstützung, beruhend auf
ālambanaiḥ = Objekt, Berührung, Stütze, Erhalten
saṁgr̥hītatvāt = Zusammenhang, erfasst, gefasst, gesammelt
eṣām = von diesen, deren
abhāve = abwesend, nicht sein
tad = von diesen, er, sie, es, dies,da, dahin, damals, auf diese Weise

„Ursache, Wirkung, Basis und Objekt halten sie aufrecht, mit diesen verschwinden sie.“

Es geht hier wieder um die „Smritis und Samskaras“ aus dem 9.Vers, die zwar ewig sind aber dennoch überwunden werden müssen um die Freiheit „Kaivalya“ zu erlangen. Sie werden deshalb als ewig beschrieben, weil wir ewig in diesem Kreislauf feststecken wenn wir uns nicht aktiv um die Befreiung bemühen. Wir können diesen Vers als Anleitung verstehen um unsere Wünsche zu transzendieren, indem wir versuchen einen dieser Punkte zu schwächen, wird auch der daraus resultierende Wunsch schwächer, bzw. wir lösen so aktiv unsere Programmierungen auf. Also z.B. wenn wir uns in Karma Yoga üben, dann durchtrennen wir die Kette von Ursache und Wirkung, ganz einfach indem wir uns bei jeder Handlung und Erfahrung der allmacht Ishvaras bewusst sind. Ebenso können wir spezifische Wünsche auflösen indem wir uns im Verzicht der Wunscherfüllung üben und daran arbeiten zu erkennen, dass das Wunschobjekt nur ein Symbol für das Bedürfnis nach spiritueller Freiheit darstellt.

Swami Jnaneshvaranandaji schreibt in seinem Kommentar zu diesem Vers:

„Diese vier halten die tiefen Eindrücke oder samskaras zusammen, die in den letzten zwei Sutras beschrieben wurden. Wenn diese vier aufgelöst sind, lösen sich auch die Samskaras auf.“

Swami Vivekananda kommentiert recht ähnlich hierzu:

„Nur wenn es gelänge sich von Ursache, Wirkung, Basis und Objekt frei zu machen, würden auch die Wünsche vergehen.“

Aber was können wir tun um diese vier bindenden Aspekte zu überwinden?

Swami Durgananda gibt in ihem Kommentar eine klare Antwort:

„Karma wirkt nur dann, wenn immer wieder die Ursache geschaffen wird und dadurch eine Wirkung entsteht. Die Ursache wird gebildet durch Unwissenheit…“

Kaivalya Pada, Patanjali Yoga Sutra, Vers 4.12

4.12 अतीतानागतं स्वरूपतोऽस्त्यध्वभेदाद्धर्माणाम्
Atītānāgataṁ svarūpato’styadhvabhedāddharmāṇām

atīta = Vergangen, Zurückliegend
anāgataṁ = Zukünftig, Bevorstehend
svarūpataḥ = eigene Form, Gestalt, Wesen, Erscheinung
asti = existieren, sein, bleiben
adhva = Weg, Pfad, Entfernung
bhedāt = Zerbrechen, Zerspalten, wegen der Unterschiedlichkeit
adhva-bhedāt = wegen unterschiedlichen Pfaden, Veränderungen
dharma = Pflichterfüllung, Aufgabe, Ordnung, Religion

„Die eigene Form existiert auch in Vergangenheit und Zukunft, Unterschiede in den Wegen folgen einer Ordnung.“

Die Zeit akkumuliert sich sozusagen immer in der Gegenwart, die Vergangenheit und die Zukunft sind über den Augenblick zu jeder Zeit miteinander verbunden bzw. sie sind abhängig voneinander weil das Kausalprinzip immer wirksam ist, dieses wird manifest in den Samskaras und Smritis. Also über die Ketten von Ursache (Vergangenheit) und Wirkung (Zukunft) sind alle Ereignisse letztlich miteinander verbunden, jedoch sind die Impressionen selbstverständlich bloß in der Gegenwart erlebbar, so wie Vivekananda kommentiert:

„Das heißt, dass mein Sein niemals aus Nichtsein entstehen kann. Wenn auch Vergangenheit und Zukunft nicht sichtbar vorrhanden sind, dann doch in subtiler Gestalt.“

Darüber hinaus filtert der Geist die Erinnerungen an die Vergangenheit auf drastische Weise und rückt sich selbst damit stets in ein passendes Licht, dieses wiederum hat auch einen Effekt auf die Zukunft, da wir mit unseren Erwartungen und Intentionen unserem künftigen Erleben eine Richtung geben.

Iyengar kommentiert hier sehr schön:

„Das verstehen von Zeit erlöst von allen Bindungen.“

Da sich letztlich Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart treffen und nur der Augenblick tatsächlich wahr und existent ist, im akzeptieren des Momentes als einzige Realität liegt ein Schlüssel zur freiheit. Die imVers benannte „eigene Form“ existiert durch Samskaras und Smritis über die Grenzen des Momentes und lösen sich auf mit den Begrenzungen der Existenz. In der Entwicklung der eigenen Form und der Samskaras und Smritis liegt eine Gesetzmäßigkeit, es quasi jede Handlung und jedes Erleben eine logische Konsequenz aus dem Vergangenen, jedoch nur in der relativen Ebene und leider nicht nachvollziehbar.

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