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Patanjali Yoga Sutra 1.1-4 Was ist Yoga?

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Jayna im Ashram



Die ersten vier Verse des Patanjali Yoga Sutra geben eine Erklärung darüber, was Yoga aus dem Blickwinkel des Raja Yoga ist. Patanjali versucht in den ersten 4 Versen knapp zu erläutern worum es aus seiner Sicht im Yoga geht, um dann im weiteren Text detailliert zu vertiefen, wie man den Zustand erreicht und was es für Möglichkeiten gibt.

Verse 1-4 des Samadhi Pada

I.1. अथ योगानुशासनम्
atha yoga-anuśāsanam

atha = jetzt, nun, sofort
Yoga = Yoga; Einheit, Vereinigung
anusasanam = Lehre, Auslegung, Erklärung

“Jetzt wird die Erfahrung der Einheit erklärt.”
Oder
“Einssein Erklärt sich im Jetzt.”

Der 1. Vers des Patanjali Yoga Sutra beginnt mit “Jetzt/ Nun”, der letzte Vers des Yoga Sutra endet mit “Ewig/ Unendlich”. “Von Atha bis Itti”- Von Jetzt bis zur Ewigkeit ist also der Inhalt der 196 Verse. “Jetzt/ Nun” deutet darauf hin, dass vorher schon etwas war, das Raja Yoga gilt als ein fortgeschrittenes Übungssystem, und bedingt einige Grundlagen und Vorübungen. So kann man klassischer Weise erst in den Patanjali Yoga Sutra einsteigen, wenn man bereits ein Stück auf dem spirituellen Weg gegangen ist, und bereit ist tiefer zu gehen. Es braucht einen starken Willen und einen klaren Geist um in den Weg des Raja Yoga einzusteigen. “Jetzt zu sein” also gegenwärtig, achtsam und present zu sein ist Ziel und Übung aller Spiritualität. Und so erklärt sich die Erfahrungswissenschaft des Yoga nur durch das ausrichten der Wahrnehmung auf das momentane Geschehen, nicht durch intellektuelles erfassen der Theorien. “Jetzt erklärt sich das Yoga”, es ist keine Theorie und nichts was man irgendwann am Sankt Nimmerleinstag erfährt. Nur das Ausrichten auf die Gegenwart ermöglicht das erleben des Zustands des Yoga. “Yoga” bedeutet Einssein, Verschmelzen, in Harmonie sein. “Yoga” ist ein Wort mit vielen möglichen Übersetzungen. Letztlich ist mit dem Zustand des Yoga das Erfahren bzw. Erkennen des Einheitsbewusstseins gemeint, das Überwinden des beschränkten Alltagsbewusstseins hin zu einem Erfahren dessen was die Natur des Selbst ist. Und so beginnt diese Erläuterung mit dem klaren ausrichten auf “Atha”, Jetzt. Und natürlich leitet er mit diesem Vers die Erläuterung des “Yoga”-Philosophiesystems ein. Yoga ist eines der sechs “Darshanas” der orthodoxen Sichtweisen des Hinduismus, und ist begründet in diesem Text.

I.2. योगश्चित्तवृत्तिनिरोधः
yogaś-citta-vṛtti-nirodhaḥ

Yogash = Yoga ist, Einheitsbewusst sein
chitta = Geist, Verstand, Geistfeld
vritti = Gedankenwellen, Geistesbewegungen; auch Prägungen, Vorurteile, Impulse
nirodhah = Zur–Ruhe–Bringen, Aufhören, Beherrschen, Kontrollieren

“Yoga ist das zur Ruhe bringen der Gedankenwellen im Geiste.”
oder
“Im Zustand der Einheit sind die Bewegungen des Geistfeldes zur Ruhe gekommen.”

Sicherlich gibt das Yoga Sutra hier die zugleich bekannteste und präziseste Beschreibung dessen, was Yoga ist. Wenn wir die Bewegungen des Geistes, die Gedankenwellen, die Impulse zur Ruhe bringen, können wir den Zustand des Yoga erfahren. Das zur Ruhe bringen oder Beherrschen der regungen des Geistes ist das Ergebnis eines Prozesses, nicht die Aufgabe die es zu bewältigen gilt. Je mehr wir uns auf die Vrittis, also die Gedankenwellen, ausrichten, desto so lauter werden sie. Im Buddhismus wird der menschliche Geist oft als “Monkeymind” bezeichnet. Die Vrittis sind wie eine Horde wilder Affen die um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Je mehr wir uns auf die Bewegungen des Geistes ausrichten, desto intensiver werden sie. Der Prozess des zur Ruhe bringen der Gedankenwellen sollte also ein anderer sein als mit den Gedanken zu kämpfen, sie zu unterdrücken oder sie zu bearbeiten. Wenn wir durch Achtsamkeit und Meditation lernen die Aufmerksamkeit beständig auszurichten auf das was ist, ohne dabei durch die Vrittis abzuschweifen, bekommen die Gedankenwellen, die Affen keine Energie mehr, und kommen zu Ruhe. Die Vrittis werden also nicht aktiv zur Ruhe gebracht, sondern sie werden durch wohlwollendes, gleichmütiges akzeptieren nach und nach transparenter und verblassen.

Um das funktionieren des Geistes an dieser Stelle noch etwas umfassender zu verstehen, empfehle ich den Artikel über das Antahkarana, das Modell des Menschlichen Geistes zu lesen.

I.3. तदा द्रष्टुः स्वरूपेऽवस्थानम्
tadā draṣṭuḥ svarūpe-’vasthānam

tadâ = dann
drastuh = Sehen, das sehende Prinzip
swarûpe = eigene Natur, eigene Form
avasthânam = Niederlassung, Ruhestelle, Wohnsitz

“Dann ruht der Sehende in seinem wahren Selbst.”
oder
“Dann weilt das wahre Selbst in der Erkenntnis seiner eigenen Natur.”

Dies ist also der Zustand des Yoga. Im Jnana Yoga wird der Zustand beschrieben durch “Sat-Chid-Ananda”- Sein Bewusstsein Glückseeligkeit. Alles außer den drei Attributen wird zu einer selbstgeschaffenen Illusion. Sämtliche Identifikationen und Bindungen mit den Gedankenwellen, den Bewegungen des Geistes werden aufgegeben und der Urgrund des Individuums, die Seele, das höhere Selbst wird erfahren. Der Wahrnehmende löst sich vom Wahrgenommenen und ruht in seiner Quelle. Wobei das Selbst, die Instanz die Wahrnimmt, der Prozess der Wahrnehmung und das Objekt der Wahrnehmung dabei zu einer Einheit verschmilzt: das Bewusstsein der Einheit. Wir sind nicht der Körper, nicht der Geist, nicht die Gedanken, nicht das Erfahrbare. Wir sind die Instanz die Erfährt und letztlich eins ist, mit dem was wahrgenommen wird. Wenn wir uns immer mehr zurückziehen auf den unberührten Beobachter, den unbeteiligten Zeugen, kommen wir dahin das “das sehende Prinzip” in seinem wahren Selbst ruht. Entscheidend ist die Frage: Was bin ich? Objekt oder Subjekt? Oder Eins mit allem?

I.4. वृत्ति सारूप्यमितरत्र
vṛtti sārūpyam-itaratra

vritti = Gedankenwellen, Verhaltensweisen, Bewegungen des Geistes
sârûpyam = Identifizierung, ähnliche Form
itaratra = in anderen Zuständen, an sonsten

“Sonst verzerren Gedanken die Wahrnehmung.”
oder
“In anderen Zuständen ist der Geist mit seinen Bewegungen identifiziert.”

In allen anderen Zuständen außer dem des “Yoga” sind wir also laut Patanjali und seinem Yoga Sutra mit unseren Denkmustern und Programmierungen verhaftet. Man sagt das über 90% der menschlichen Gedanken Wiederholungsschleifen sind. Wir sind quasi den ganzen Tag damit beschäftigt die gleichen sich wiederholenden Gedanken durch zu denken. Wir sind Opfer unserer eigenen Gedanken geworden, die sich verselbstständigt haben und über die wir keine Kontrolle haben. Wir identifizieren uns mit den Gedanken über die wir uns definieren. Hier zeigt uns Patanjali ganz klar einen Schlüssel zur Selbstverwirklichung: das Auflösen der Identifikation mit den Gedanken. Wenn wir es also durch spirituelle Praxis schaffen uns von den Gedanken zu lösen und sie zu beobachten, können wir uns selbst aus den Ketten des eigenen Geistes Befreien. Der Weg dorthin geht über die Kontrolle unserer Aufmerksamkeit: lernen wir diese zu fixieren, können wir uns von den Denkmustern lösen und frei von falschen Vorstellungen sein. Über die Achtsamkeit und bewusstes Sein im Hier und Jetzt habe ich einen Artikel erstellt der sicher hilfreich ist.

Soweit mein Kommentar zu den ersten 4 Versen des Patanjali Yoga Sutra.

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108-facher Leuchter

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