Yoga Sutra. 1.12-16 Anstrengung und Losgelöstheit, Abhyasa und Vairagya

Durga im Westerwald

Durga im Westerwald

Im folgendem Abschnitt des Yoga Sutra führt der große Rishi Patanjali das Konzept von „Sein und Werden“ bzw. „Abhyasa und Vairagya“ ein, welches nicht nur im Werk des Patanjali eine wichtige Rolle spielt.

Die beiden Pole des spirituellen Weges sollten integriert werden in die Praxis, um den Geist zu beherrschen bzw. die Bewegungen des Geistes zu beobachten. Dieses ist mein Lieblingskonzept aus dem Yoga Sutra und es taucht auch in der Bhagavad Gita (6.35) auf. Dort wird es von Sri Krishna genannt als die Methode um den Geist zu beherrschen.

Vers 1.12 Yoga Sutra, Sein und Werden

I.12. अभ्यासवैराग्याभ्यां तन्निरोधः
abhyāsa-vairāgya-ābhyāṁ tan-nirodhaḥ

abhyâsa = beharrliche Übung, Anstrengung, Enthusiasmus
vairâgya = Nichtanhaften, Wunschlosigkeit, Losgellöstheit
âbhyâm = beides
tan–nirodhah = Abstellen, Unterdrücken, beherrschen (der Chitta–Vrittis)

„In der Balance aus Anstrengung und Gelassenheit wird der Geist beherrscht.“
oder
„Die Kontrolle der Gedanken im Geist, wird durch Übung und Losgelöstheit erreicht.“

Hier gibt Patanjali die Konkrete Anweisung wie man lernen kann den unsteten Geist zu beherrschen. Nachdem er erläutert hat, was Yoga ist und was die unterschiedlichen Geistesbewegungen sind, wird er an dieser Stelle sehr konkret. Das gleiche Modell beschreibt auch Krishna in der Bhagavad Gita, nachdem Arjuna sagte der Geist ist so schwer zu beherrschen wie den Wind mit den Händen aufzuhalten ist, nennt er genau diese Anweisung zur Geisteskontrolle:

„Krishna sprach: Zweifellos, Oh mächtig bewaffneter Arjuna, der Geist ist schwer zu beherrschen und ruhelos. Aber durch Abhyasa und durch Vairagya kann er bezähmt werden“ BhG 6.35

Die beiden von Patanjali genannten Begriffe Abhyasa und Vairagya sind gegensätzlich. Einerseits gilt es zu lernen, einfach zu „sein“. Also den Fokus der Aufmerksamkeit voll auf den Moment auszurichten, und sich nicht in den Vrittis zu verlieren. Losgelöstheit ist sicher der passendste Begriff um Vairagya zu beschreiben. Es gilt sich von allem zu lösen, was wahrgenommen werden kann, sich von keinerlei Impulsen mitreißen zu lassen. Und auf der anderen Seite gilt es, sich auszurichten und zu entwickeln, also Abhyasa ist das Bemühen. Nicht bloß zu üben die Gegenwart voll zu erfassen, sondern sich anzustrengen den Geist zu beherrschen, Übungen zu machen um auf dem spirituellen Weg vorran zu Schreiten.

Dieses Konzept habe ich bereits etwas ausführlicher vermittelt in dem Artikel über den entsprechenden Abschnitt der Gita, den ich an dieser Stelle zum besseren Verständnis empfehlen möchte.

Vers 1.13, Patanjali Yoga Sutra

I.13. तत्र स्थितौ यत्नोऽभ्यासः
tatra sthitau yatno-‚bhyāsaḥ

Tatra = von jenen, dort, hier
sthitau = um fest gegründet zu sein, standhaft
yatnoh = Anstrengung, Bemühung
abhyâsah = Übung, Beharrlichkeit

„Abhyasa ist die ständige Bemühung, die Bewegungen des Geistes zu befrieden.“
oder
„Beharrlichkeit bedeutet, standhaft in seiner Praxis zu sein.“

Letztlich ist jedes Bemühen um Beherrschung des Geistes als Abhyasa zu verstehen. Also jede Art von Sadhana (spiritueller Praxis), psychologischer Arbeit und vor allem das bestreben um Achtsamkeit ist letztlich Abhyasa. Die Beherrschung des Geistes ist letztlich eine Lebensaufgabe, es benötigt viel Zeit um sich immer wieder daran zu erinnern der Beobachter zu sein, sich nicht in den Vrittis zu verlieren. So ähnlich wie wir einen Muskel trainieren, lernt auch das Gehirn durch beständige Anstrengung sich mehr und mehr auf das gegenwärtige Geschehen auszurichten. Je mehr wir präsent im Hier und Jetzt sind, desto mehr erfahren wir den Moment als einen ständigen Fluss. Immer mehr Facetten des Augenblicks werden uns bewusst. Unsere Wahrnehmung erweitert sich, indem wir darauf achten, was ist. Patanjali sagt, es geht um ein ständiges bemühen um Geistesbeherrschung. Er sagt nicht, dass wir den Zustand irgendwann erreichen, und dann ist alles gut. Es ist meines Erachtens nach wichtig zu wissen, was konfuzius so schön sagte: „Der Weg ist das Ziel„. Wir sollten uns frei von Wünschen und Erwartungen einfach versuchen immer darum zu bemühen „Jetzt zu sein“. Dann wird sich alles weitere von selbst entwickeln, denn wenn unsere Aufmerksamkeit im Jetzt ist, können wir tun was vor der Nase liegt und abwägen welchen Impulsen wir folgen.

Vers 1.14, Patanjali Yoga Sutra

I.14. स तु दीर्घकाल नैरन्तर्य सत्कारादरासेवितो दृढभूमिः
sa tu dīrghakāla nairantarya satkāra-ādara-āsevito dṛḍhabhūmiḥ

Sah = das, das gleiche
tu = in der Tat, jedenfalls
dîrgha = lang
kâla = Zeit
nairantarya = ununterbroche Aufeinanderfolge
satkârâ = Ernst, voller Hingabe, Sorgfältig
âsevitah = geübt, befolgt, fortgesetzt
dridha = fest begründet, fundiert
bhûmih = Grund, Basis, Fundament

„Sicher kommt Erfolg, wenn geeignete spirituelle Übungen über lange Zeit, durchgehend, Ernsthaft und Bedächtig ausgeführt werden.“
oder
„Die Praxis wird fest begründet, wenn sie über lange Zeit hinweg ohne Unterbrechung und mit aufrichtiger Hingabe fortgesetzt wird.“

Das ist doch beruhigend. Wenn wir beständig üben, so sagt Patanjali, wird die Übung irgendwann quasi automatisch ablaufen. Je mehr wir in diesem ständigen Bemühen verankert sind, umso selbstverständlicher wird es sich auf das zu konzentrieren, was ist. Yoga findet nur zu einem geringen Teil auf der Yogamatte oder dem Meditationskissen statt. Um auf dem Weg weiter zu kommen, gilt es die Spiritualität in den Alltag zu bringen. Es gilt, diese Ausrichtung auf den Augenblick, die Übung der Selbstbeherrschung mit ganzer Hingabe in jedem Moment zu üben. Dann werden wir immer weniger Abschweifen, uns seltener in Vrittis verlieren und zu einer gewohnheitsmäßigen Achtsamkeit auf die Gegenwart kommen. Mit Hingabe Üben bedeutet, sich durch nichts davon ablenken zu lassen. Es ist eine Frage der Prioritäten die wir für unser Leben haben. Wenn wir ernsthaft die Selbstverwirklichung anstreben, müssen wir daraus die Konsequenzen für unser ganzes Leben ziehen. Der spirituelle Weg ist eine Einbahnstrasse ohne Raststätte. 😉

Vers 1.15, Patanjali Yoga Sutra

I.15. दृष्टानुश्रविकविषयवितृष्णस्य वशीकारसंज्णा वैराग्यम्
dṛṣṭa-anuśravika-viṣaya-vitṛṣṇasya vaśīkāra-saṁjṇā vairāgyam

Drîshta = gesehen, sichtbar
ânushravika = gehört, verheißen, enthüllt
vishaya = Objekte, Dinge
vitrishna-sya = von dem, der aufgehört hat zu dürsten, der Durstlose
vashîkâra–samjñâ = Bewußtsein vollkommener Beherrschung, im Gleichgewicht
vairâgyam = Nichtanhaften, Losgelöstsein

„Gelassenheit ist das Gleichgewichts im Bewusstsein, wenn das Verlangen nach allen Dingen erloschen ist.“
oder
„Verhaftungslosigkeit ist der Bewußtseinszustand, in dem der Durst nach sichtbaren und unsichtbaren Dingen durch Meisterung des Willens besänftigt ist.“

Unser Geist ist es gewöhnt sich in den sichtbaren und unsichtbaren Objekten zu verlieren. Wir verlangen nach Befriedigung unserer Wünsche. Vairagya ist die Loslösung von jeglichen Objekten. Alles was wir wahrnehmen können ist in diesem Sinne ein Objekt. Wir sind identifiziert bzw. definieren uns über den Körper, die Gefühle, die Gedanken, die Weltanschauung, den Glauben, unsere Besitztümer, unsere Träume, unsere Wünsche, unsere sozialen Verbindungen… kurz: mit dem was wir wahrnehmen. Wenn wir es schaffen uns ganz von jeglichen Objekten zurückzuziehen, verschmelzen wir mit dem Bewusstsein welches wir sind. Unsere wahre Natur ist definiert als Sein/ Existenz, Bewusstsein/ Erfahrung/ Wissen und der damit verbundenen Glückseeligkeit. Diesen Urzustand erfahren wir nur, wenn wir uns von allen Objekten lösen, und ganz in das Gottesbewusstsein eingehen. Das Problem ist: wir haben Wünsche, Erwartungen und Vorurteile die hartnäckig mit der Welt der Objekte verbunden sind. Diese können wir auch nicht einfach ignorieren, und so ist es ein langwieriger Prozess dieses reine Sein, diese Losgelöstheit von den Objekten zu erfahren. Swami Sivananda hat dazu etwas bedeutendes angemerkt: „Du sollst dich weiterhin auch am Duft der Blumen erfreuen!“. Also wir sollten uns nicht ganz von der Welt lösen, sondern in ihr aktiv bleiben. Schließlich haben wir unser Dharma, unsere Lebensaufgabe, und wollen dem auch gerecht werden!

Vers 1.16, Patanjali Yoga Sutra

I.16 तत्परं पुरुषख्यातेः गुणवैतृष्ण्यम्
tatparaṁ puruṣa-khyāteḥ guṇa-vaitṛṣṇyam

Tat = das
param = höchste
purusa = das wahre Selbst, das unwandelbare Selbst, Brahman im Vedanta
khyâteh = durch Gewahrung, Verständnis, Bewusstsein des
guna = Eigenschaft der Natur, Wirkkräfte
gunavaitrishnyam = Freiheit von den Gunas, wötl. nicht nach den Wirkkräften dürsten

„Die höchste Gelassenheit kommt durch Erfahrung des wahren Selbst, dann verlieren die Wirkkräfte der Natur ihre Macht.“
oder
„Die absolute Verhaftungslosigkeit ist im Bewußtsein des Selbst begründet, losgelöst von den Eigenschaften der Natur.“

Letztendliches Vairagya können wir erst durch die Selbstverwirklichung im spirituellen Sinne erfahren. Erst wenn wir endgültig in die Erfahrung des Selbst oder unseres Göttlichen Wesenskernes eingehen, haben wir die Losgelöstheit gemeistert. Hier führt Patanjali zwei sehr wichtige Konzepte der Yogaphilosphie ein: Gunas und Purusha. In der Samkhya-Weltsicht ist letztlich alles Dual, bis wir das Einheitsbewusstsein erfahren haben. Es gibt Prakriti, die Ebene der Manifestation, der Natur, der Dynamik und der Energie. Andererseits die Ebene des Purusha, des statischen Bewusstseins jenseits und unberührt von der Prakriti. Im Vedanta wird es als Brahman und Maya bezeichnet,im Tantra als Shiva und Shakti. Das Selbst ist Purusha, Brahman, Shiva, Bewusstsein, Sein, Statisch, Unberührt, Alldurchdringend und Immerwährend. Alles andere ist Prakriti, Maya, Avidya, Shakti, Täuschung, Materie, Natur, Manifest, Dynamisch, Veränderbar. Das andere Konzept ist das der Wirkkräfte in der Prakriti, der Gunas die letztlich die Natur bestimmen. Um das Selbst zu erfahren, um mit dem Göttlichen zu verschmelzen, um in Purusha einzugehen, müssen wir die drei Gunas transzendieren. Da die Gunas unseren Willen, unsere Handlung und unser Denken bestimmen, ist das nur durch loslösen zu bewerkstelligen. Über das Studium indischer Philosophie kam Schopenhauer zu der Aussage:

„Der Mensch kann zwar tun was er will, aber nicht wollen was er will!“

Unser freier Wille wird durch die Gunas bestimmt. Werden wir der unberührte Beobachter, befreien wir uns von den Gunas. Diese drei Wirkkräfte sind:

  • Tamas= Dunkelheit, Trägheit, dumpf, passiv
  • Rajas= Leidenschaft, Aktiv, dynamisch
  • Sattwa= rein, neutral, Göttlich

Soweit meine Ausführungen zu Vers 12-16 des Samadhi-Pada des Patanjali Yoga Sutra.

Hanuman fliegt mit Berg davon

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