Vorurteile und Mythen über den Hinduismus

Der Hinduismus ist eine der 5 großen Weltreligionen und es ist nach dem Christentum und dem Islam mit 850 Millionen Anhängern die drittgrößte Weltreligion. Sicherlich ist der Hinduismus die fremdartigste der großen Religionen aus einem westlichen Standpunkt. Indien als das Mutterland des Hinduismus verfügt über die älteste kontinuierliche Kulturgeschichte und so ist das „Sanathana Dharma“, wie die Inder ihre Religion selbst nennen, eine Zusammenfassung von sehr vielen verschiedenen Traditionen. Man kann sogar sagen, dass dem Hinduismus verschiedene eigenständige Religionen zugehörig sind, die der Einfachheit halber mit dem Begriff Hinduismus benannt werden.

Unter dem Mantel des Hinduismus sammeln sich sehr altertümliche Bräuche und zugleich sehr weit entwickelte Methoden, die Hindus haben verschiedene Wissenschaften zur Perfektion gebracht und vor allem im Bereich der Spiritualität einen unschätzbaren Beitrag für die Menschheit entwickelt. Die Inder hatten ein harmonisches und funktionierendes System voller Wohlstand, bis zuerst durch die muslimischen und später die christlichen Besatzer die Gesellschaft ausgelaugt wurde und die Strukturen des Zusammenlebens zusammenbrachen. Im Altertum ging der Einfluss des Hinduismus sehr weit über die Grenzen des heutigen Indien hinaus bis nach Afghanistan, Pakistan, Persien, Burma, Malaysia usw.

In diesem Beitrag möchte ich gerne einige gängige Vorurteile und Mythen zum Hinduismus aufklären bzw. erläutern. Ich selbst bin über Buddhismus und Yoga mit indischer Philosophie und Hinduismus in Berührung gekommen und bin sehr fasziniert von dieser Kultur. ich denke, dass wir sehr vieles lernen können vom Vermächtnis Indiens, wenn wir über ein paar kulturelle hürden kommen, dabei möchte ich hiermit helfen.

Vorurteile und Mythen über den Hinduismus

  • „Es gibt 330.000.000 Götter im Hinduismus.“

„Die indische Vielgötterei widerspricht völlig dem monotheistischen Weltbild des Christentums.“

Es gibt zwar sehr viele verschiedene Götter und Göttinen im Sanathana Dharma, es ist aber die Frage, was man genau unter „Gott“ versteht. Das Wort „Gott“ lässt sich unterschiedlich ins Sanskrit übersetzen, z.B.

  • „Devata“= Strahlender
  • „Ishwara“= höchster Herr
  • „Brahman“= das all-eine

Schaut man sich die Philosophie hinter der Religion an, stellt man fest, dass es hinter allen Formen des Göttlichen (eben die „Götter“) die eine formlose Göttliche Wirklichkeit gibt, die je nach dem unterschiedlich benannt wird. Es gibt quasi nur einen Gott, eine Göttliche Wirklichkeit, dieses aber in unendlich vielen Erscheinungsformen. Ganz im Sinne des ältesten Textes des Hinduismus, dem Rig Veda, wo gesagt wird:

„Es gibt eine Wahrheit, die Weisen benennen sie verschieden.“

Natürlich gibt es auch die Vielzahl an mythologischen Geschichten zu den einzelnen Göttern, jedoch sind diese eher symbolisch zu betrachten. Die sog Götter stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern es sind verschiedene Emanationen des Einen.

  • „Im Hinduismus werden Götzen angebetet.“

„Die Figuren und Bilder werden als Gott betrachtet und verehrt.“

Durga Ma Götze

Jein… Es ist in der Yogaphilosophie ganz klar, dass Gott immer und überall präsent ist, allem innewohnend und alles übersteigend im Kant‘schen Sinne. Somit ist Gott nirgendwo mehr oder weniger anwesend. So wird im 6.Kapitel, Vers 8 der Bhagavad Gita, dem wichtigsten Text des Hinduismus, auch sehr schön formuliert: „Der Yogi, (…) für den ein Klumpen Erde ein Stück Stein oder Gold dasselbe bedeuten ist in Harmonie befindlich.“ Allerdings gibt es in dieser Göttlichen All-Einheit Objekte und Orte an denen ist leichter fällt sich der Allgegenwart Gottes bewusst zu sein. Beispielsweise gibt es besondere Orte in der Natur die eine starke Kraft haben, und es gibt Dinge die mehr oder weniger Energie ausstrahlen. Wenn man sich dafür öffnet kann man in den verschiedenen bildlichen Darstellungen Gottes einen Zugang zu einer höheren Wirklichkeit finden und dieser Zugang wird verehrt um die Gnade des einen zu erfahren.

  • „Hindus beten Kühe an.“

„Kühe scheinen den Indern wichtiger zu sein als Menschen.“

In Indien laufen nicht nur Kühe überall frei durch die Gegend, sondern auch Ziegen, Schweine, Hühner und viele weitere domestizierte und wilde Tiere. Wobei die Kuh aus verschiedenen Gründen für den Hinduismus eine ganz besondere Rolle spielt. Kühe sind dem gläubigen Hindu sogar so heilig, dass die islamischen Eroberer ihren Armeen Kühe vorantrieben um dadurch vor Hindus geschützt zu sein. Dieser hohe Stellenwert der Kuh hat vor allem historisch bedingte Ursachen, denn die Kuh ist schon immer sehr wichtig zum Leben und Überleben gewesen. Es kann von der Kuh nahezu alles benutzt werden, nicht nur die Milch sondern auch der Urin als Medizin und die Scheiße als Brennmaterial und Putzmittel. Auch werden Ghee (gereinigte Butter), Milch und Joghurt zwingend für die archaischen Hinduistischen Rituale benötigt, so sagt man auch, dass die Kuh alles gibt und nichts dafür verlangt. Bereits in den ältesten Schriften der Inder wird die Kuh als besonders heilig erwähnt, so zB gibt es „Kamadhenu“, die Wunscherfüllende Kuh und es wird im Atharvaveda gesagt „die Kuh ist Vishnu“, also Erhalter der Welt. Sicher gibt es noch viele weitere Gründe. Gandhi sagte:

„Schutz der Kuh heißt Schutz der ganzen stummen Kreatur Gottes. Dies ist das Geschenk des Hinduismus an die Welt. Und der Hinduismus wird leben, solange es Hindus gibt, die die Kuh beschützen.“

Allerdings ist Indien da kein Sonderfall, denn nahezu in alen alten Kulturen war die Kuh sehr wertvoll und hatte einen entsprechenden Schutz im sozialen Gefüge.

  • „Der Hinduismus ist patriarchal und Frauen spielen nur eine Nebenrolle.“

„Das Weltbild des Hinduismus ist per se frauenfeindlich.“

Sicherlich ist es so, dass es aus dem Standpunkt der aufgeklärten westlichen Welt ein gänzlich anderes Frauenbild in Indien zeigt, als es für uns wünschenswert wäre. Dazu muss man natürlich betrachten, dass Indien eine gänzlich andere Kultur hat und die Gesellschaft insgesamt vor völlig anderen Herausforderungen steht als die unsere. Eine der Grundideen des Hinduismus ist „Vasudhaiva Kuṭumbakam“ die Welt als große Familie in der wir alle miteinander verbunden sind und für einander Sorge tragen. Wobei in nahezu ALLEN traditionellen Kulturen Männer und Frauen jeweils andere Rollen und Funktionen haben, somit auch in Indien. Ich denke nicht, dass es einen wesentlichen Unterschied gibt zur Rollenaufteilung einer typischen heutigen indischen Familie und einer deutschen Familie vor 50 Jahren. Etwas anderes noch sind die immer wieder auftauchenden Horrorgeschichten von Vergewaltigungen in Indien, das ist wohl etwas wo die Medien ein verzerrtes Bild vermitteln. Statistisch gibt es in Indien nicht mehr sexuelle Gewalt als in anderen armen Ländern. Eine Freundin von mir war Lehrerin und an ihrer Schule gab es eine Vergewaltigung von 3 Jungs an einer 13 Jährigen Mitschülerin, die umstehenden Mitschüler haben dies auf ihren Smartphones aufgenommen statt etwas zu unternehmen- machen wir dafür auch unsere Kultur verantwortlich?!

  • „Hinduismus unterdrückt schwächere durch das Kastensystem.“

„Das Kastensystem ist verwerflich da es elitär und repressiv ist.“

Ursprünglich war das Kastensystem eine Weise die ideale Gesellschaft zu beschreiben und die Menschen entsprechend in 4 Arten von Aufgaben einzuteilen. Zu einer funktionierenden Gesellschaft zählten laut den heiligen Schriften der Inder:

  • Priester und Gelehrte
  • Krieger und Herrscher
  • Händler und Bauern
  • Arbeiter und Tagelöhner

Wobei das Kastenwesen ursprünglich kein Instrument der Unterdrückung war, sondern eine Hilfe zur organisation der Gesellschaft und der Konservierung des Wissens. Erst im Laufe der Zeit entwickelte sich aus diesem Modell der idealen Gesellschaft ein System der Unterdrückung der unteren sozialen Schichten. Die Brahmanen und Kshatriyas, also die oberen beiden Kasten haben gemeinsam ein System etabliert und religiös begründet um ihre Macht aufrecht zu erhalten. Verlierer dieses Systems waren vor allem die Besitz- und Statuslosen, die „Kastenlosen“. Diese mussten die unwürdigsten Aufgaben erledigen und hatten keine Chance Teil der etablierten Gesellschaft der durch Geburt privilegierten Kasten zu werden. Im weiteren Verlauf der Geschichte wurden die 4 Kasten immer weiter eingeteilt in sogenannte Varnas. Dieses sind eher Berufsgruppen, vergleichbar mit den Mittelalterlichen Ständen in unserer Kultur. Also: die Idee der Kasten war nicht verkehrt, nur ist das Konzept im Laufe der vielen Jahrhunderte zu einem verwerflichen Instrument der Unterdrückung geworden.

  • Karma als Konzept des Hinduismus ist Fatalismus.“

„Laut Karmalehre ist jeder an seinem Leid selbst Schuld.“

Die Karmalehre ist ein Konzept um die Zusammenhänge unserer Wirk- und Erfahrungswelt zu erläutern. Es geht vor allem darum, die Gegenwärtigen Erfahrungen zu nutzen um zu lernen und daraus das Beste für die Zukunft zu machen. Es geht bei der Karmalehre nicht darum rückwirkend Gründe für unser Schicksal zu finden und Schuld zuzuweisen, ich denke das ist ein falsches Verständnis der Karmalehre. „Karma“ bedeutet Handlung und es ist das Prinzip von Ursache und Wirkung gemeint, Raum und Zeit wird als ein großes Netzwerk betrachtet in dem alles einer kosmischen Ordnung folgt.

  • „Für Hindus ist die Bhagavad Gita wie die Bibel für Christen.“

    Bhagavad Gita

„Der Hinduimus ist eine Buchreligion genau wie die Abrahamitischen Religionen.“

Der Hinduismus kennt weder einen Gründer, noch eine zentralen Text, es gibt kein gemeinsames Glaubensbekenntnis und auch keine allgemeingültige Praxis. Man kann sagen, dass der Hinduismus ein Mischmasch aus ganz vielen verschiedenen mystisch-religiösen Traditionen Indiens ist mit jeweils unterschiedlichen Philosophien und Büchern. Es gibt tatsächlich tausende von Büchern die als Heilig betrachtet werden, die je nach religiöser Gesinnung mehr oder weniger wichtig sind. Wobei die Bhagavad Gita am weitesten verbreitet ist und von Hindu-gelehrten allgemein anerkannt und hochgeschätzt wird.

  • „Alle Hindus sind Vegetarier.“

„Als Anhänger des Hinduismus darf man grundsätzlich kein Fleisch essen.“

Tatsächlich sind Hindus nicht automatisch Vegetarier, dieses ist abhängig von der Strömung und vom Grad der Frömmigkeit. Im Yoga gehört klassischer Weise die vegetarische Ernährung zwingend dazu, da man sich ja auf Gott ausrichten möchte und in Harmonie mit der Schöpung kommen will. Zwar sind 25% der Indischen Gesamtbevölkerung Vegetarier, aber es ist eben kein Muss. Ich bin vor einigen Jahren mal nach Indien geflogen und beim Buchen des Fluges konnte ich wählen zwischen verschiedenen Kategorien, unter anderem „vegetarian meal“ und „hindu meal“, da ich dachte ein Hindu ist immer auch ein Vegetarier, bestellte ich mir in Erwartung eines leckeren Indischen Essens das „Hindu Meal“, leider war es mit Hähnchen. 🙁

 

Über Narada

Ich bin als Lehrer & Ausbilder für Meditation, Yoga und Advaita Vedanta tätig und koche für Geld. Nebenbei betreibe ich diese Seiten um meinem großen spirituellen Mitteilungsbedürfnis einen weiteren Kanal zu geben. Alle Inhalte meiner Seite stehen dir kostenfrei zur Verfügung und sie dürfen unter Angabe der Quelle gerne weiter verwendet werden! Wenn du mich bei meiner Arbeit unterstützen willst, Kommentiere, Like und Teile einfach meine Beiträge... :-)