Patanjali Yoga Sutra. 2.49-53 Pranayama – 4. Stufe des Ashtanga

Shiva in Matsyendrasana

Am Ende des 2. Kapitels „Sadhana Pada“ des Yoga Sutra beschreibt der Weise Patanjali die Stufen oder Ebenen des Yoga,  die als Ashtanga oder 8-Glieder bekannt sind. Hier nun das 4 .Glied, welches sich mit dem Pranayama befasst, dieses kann man wörtlich mit „Verwalten der Lebensenergie“ übersetzen. Patanjali beschreibt wie man über die groben Übungen zum feinen Atem gelangen kann.
Schrittweise arbeite ich nach wie vor daran die 196 Verse des Patanjali Yoga Sutra in ausführlicher Weise zu bearbeiten und biete neben der Bedeutung der einzelnen Worte aus dem Sanskrit auch verschiedene mögliche Übersetzungen an, die natürlich auch verschiedene Interpretationen zulassen.

 Patanjali Yoga Sutra 2.49

2.49 तस्मिन् सति श्वासप्रश्वास्योर्गतिविच्छेदः प्राणायामः
tasmin sati śvāsa-praśvāsyor-gati-vicchedaḥ prāṇāyāmaḥ
tasmin sati = danach gewesen, unter dieser Vorraussetzung
śvāsa-praśvāsyoḥ = Ein- und Ausatmen
gati = Bewegung, physische Bewegung, Fortschritt, Weg, Erreichen
vicchedaḥ = brechen, Unterbrechung, Aufhören
prāṇa = Lebensenergie
yāma = Binden, Regulieren, Verwalten
āyāma = Lösen, Befreien
prāṇāyāmaḥ = Harmonie mit der Lebensenergie, Regulierung der Lebenskraft
„Dann kommt die Beherrschung der Lebensenergie über Einatmung, Ausatmung und den Zwischenraum.“
 oder
„Im Anschluss dann das Beruhigen der Bewegung von Aus- und Einatmung sowie der Atempause.“
Patanjali sagt klar, dass die Körperhaltung zuerst beruhigt werden muss bevor der Atem unter Kontrolle gebracht werden kann. Es ist das erste mal, dass hier von einer art Stufensystem gesprochen wird, also zunächst muss die Sitzhaltung „Asana“ gemeistert sein, bevor man den Atem Kontrollieren kann. Es geht bei dem Begriff Pranayama im Sinne Patanjalis letztlich um die Beherrschung der subtilen Kraft hinter dem Atem, bzw. um die Energie die uns Atmen lässt, im Yoga wird dies „Prana“ genannt. Der Begriff Pranayama meint zum einen zwar die Atemübungen des HathaYoga, jedoch geht Patanjali hier um eine Meditationsanleitung über die Kontrolle des Atems. Um zu diesem subtilen Bereich der Atembeherschung zu kommen, braucht es zunächst die „grobenstofflichen“ Techniken des HathaYoga, also auch des Pranayama bzw. der konkreten Techniken. Der Atem gilt im Yoga als die Verbindung zwischen Körper und Geist, der Atem ist die grobstoffliche Manifestation des Prana. Über den Atem kann man also das Prana regulieren, was wiederum Auswirkungen auf den Geist hat. In der HathaYoga Praxis wird man zunächst mit dem Bewusstsein die Ebene des Körpers entdecken und lernen zu beherrschen, mit der Zeit dehnt sich der Geist weiter aus und der Atem rückt mehr und mehr in den Mittelpunkt der Praxis. Je mehr man sich mit dem Atem befasst, desto wichtiger werden die einzelnen Phasen. Man sagt es geht vor allem um das Kontrollieren des Ausatems und dem Ausdehnen der Atempausen.

 Patanjali Yoga Sutra 2.50

2.50 बाह्याभ्यन्तरस्थम्भ वृत्तिः देशकालसन्ख्याभिः परिदृष्टो दीर्घसूक्ष्मः
bāhya-ābhyantara-sthambha vṛttiḥ deśa-kāla-sankhyābhiḥ paridṛṣṭo dīrgha-sūkṣmaḥ
bāhya = Äußeres, Aussen, Draussen, Ausatmen
abhyantara = Inneres, Innen, Einatmen, Zwischenraum
stambha = Festigkeit, Ruhe, Unterdrückung, Anhalten, Unterstützung
vṛttiḥ = Welle, Wesen, Natur, Art, Gedanke, Bewegung, Gedankenwellen
deśa = Ort, Technik
kāla = Zeit, Zeitpunkt
saṁkhyābhiḥ =  Anzahl, Berechnung, Mathematik
paridṛṣṭo =  gemessen, betrachten, reguliert, genau beobachtet, geprüft
dīrgha = verlängert, lange, hoch, groß
sūkṣmaḥ = subtil, verfeinert, fein, Schmal, dünn
„Einatmung, Ausatmung sowie Atemhalten wird verlängert und verfeinert durch Kontrolle von Intensität, Dauer und Häufigkeit.“
oder
„Innen und Aussen stabil, durch Raum, Zeit und Zahl reguliert, lang und subtil.“
Die Zielsetzung des Yoga nach Patanjali ist wir im Vers 2 des 1. Kapitels gesagt, das „zur Ruhe bringen der Gedankenwellen im Geiste“. Um dieses zu erreichen empfiehlt er also als 4. Schritt bzw. 4. Glied seiner Anleitung das Pranayama, wobei er hier sagt, es geht konkret um das Verlängern und Verfeinern der 3 Atemphasen durch die Kontrolle der 3 genannten Faktoren. Die einzelnen Worte dieses verses lassen sich mal wieder sehr unterschiedlich zusammenstellen, einig sind sich die verschiedenen Kommentatoren ldarüber, dass es um Übung unterschiedlicher Techniken geht, die dann zur Beherrschung des Prana führen sollen. Dabei soll man mit den 3 Phasen des Atems arbeiten

 Patanjali Yoga Sutra 2.51

2.51 बाह्याभ्यन्तर विषयाक्षेपी चतुर्थः
bāhya-ābhyantara viṣaya-akṣepī caturthaḥ
bāhya = Äußeres, Aussen, Draussen, Ausatmen
abhyantara = Inneres, Innen, Einatmen, Zwischenraum
viṣayā = Bereich, Sphäre, mit Sinnen wahrnehmbar
ākṣepī = darüber hinausgehend, transzendieren, betreffend, befassend, hindeutend
caturthaḥ = das Vierte
„Das Vierte transzendiert Innen und Aussen.“
oder
„Die vierte Methode transzendiert Anhalten, Aus- und Einatmen.“
 Neben den Übungen die sich mit den 3 Phasen der Atmung (Einatmung, Ausatmung sowie Atemhalten) befassen, gibt es laut Patanjali noch eine 4 Weise der Praxis durch die das Prana beherrscht werden kann. Hierbei spielt das Atmen an sich keine Rolle mehr, da es ganz von alleine geschieht und harmonisch ist. Dieses wird Kevala Kumbhaka genannt, der „meditative Atem“, bei dem man das Gefühl hat kaum noch zu atmen bzw. dass kaum Luftaustausch geschieht. Es kommt sogar vor, dass der Atem sogar ganz aussetzt, was als höchste Form des Pranayama gilt und ganz natürlich („Kevala“) geschieht. Um diesen Zustand zu erreichen reicht es nicht aus, Atemübungen zu machen, sondern Asana und die Yamas und Niyamas bilden das konkrete Fundament um den Atem so weit zur Ruhe zu bringen. Es wird verglichen mit den Wellenn auf dem Ozean: Die drei Atemphasen sind wie die Wellen, das Aufsteigen ist das Einatmen, das Absteigen das Ausatmen und die Zwischenräume bilden die Atempausen. „Das Vierte“ ist wie das eintauchen in das Meer unter den Wellen. Allerdings kann es auch sein, dass Patanjali mit „Das Vierte“ auch einfach nur das vierte Glied des Ashtanga gemeint hat, welches Pranayama ist. Hier stehen wir wieder vor dem Problem, dass die meisten Kommentatoren den Ausführungen des ältesten Kommentares von Vyasa gefolgt sind und sich evtl. Fehler eingeschlichen haben.
Passend dazu noch ein Zitat aus Shankaras Aparoksha Anubhuti:
„Die Verneinung der phänomenalen Welt ist Rechaka (Ausatmung), der Gedanke „ich bin wahrhaftig Brahman“ ist Puraka (Einatmung) und das feste Verbleiben in diesem Gedanken wird Kumbhaka (Zurückhalten des Atems) genannt. Dies ist für die Erleuchteten das wahre Pranayama. Dagegen quälen die Unwissenden lediglich ihre Nasen.“

 Patanjali Yoga Sutra 2.52

2.52 ततः क्षीयते प्रकाशावरणम्
tataḥ kṣīyate prakāśa-āvaraṇam
tataḥ = dann, davon, daraus
kṣīyate = wird aufgelöst, verschwindet, reduziert sich, baut ab
prakāśa = Licht, hell, leuchtend, öffentlich, bekannt
āvaranam = Bedeckung, Verhüllung, Schleier, Hülle
„Dadurch wird der Schleier vom Licht des wahren Selbst gelöst.“
 oder
„Dies zerstört die Verhüllung des Lichtes.“
 Durch den Zustand von „Kevalka Kumbhaka“, dem zur Ruhe kommen des Atems was Patanjali als die vierte Methode bezeichnet, lösen sich die Bewusstseinsverhüllenden  Schleier ganz von selbst. Vivekananda sagt es werden Rajas und Tamas vom Sattwigen Geist gelöst, es geschieht also ein Transzendieren der Gunas. Man kann also sagen, dass es beim Pranayama letztlich darum geht, den Atem soweit in Harmonie zu bringen, dass der meditative Atem einsetzt welches dann die Verschmutzungen des Geistes reinigt. Viele Yogis betrachten das Üben von Pranayama als wichtigste Praxis überhaupt, da man durch den Atem sehr tief den Geist läutert.

  Patanjali Yoga Sutra 2.53

2.53 धारणासु च योग्यता मनसः
dhāraṇāsu ca yogyatā manasaḥ
dhāraṇāsu = für Dharana, Konzentration, Harmonie mit den Gedanken, Ausrichtung
ca = und
yogyatāḥ = Eignung, Befähigung, Kompetenz
manasaḥ = Geist, Sinn, Denken, Verstand
„Und der Geist wird auf Ausrichtung vorbereitet.“
oder
„Und die Gedanken Sammeln sich auf eines.“
Also je mehr der Atem zur Ruhe kommt desto klarer wird der Geist und entsprechend wird unsere Fähigkeit gesteigert den Geist zu konzentrieren. Wenn der Atem und das Prana unruhig ist, und somit auch der Geist voller Regungen, wird es unmöglich den Geist innerlich auszurichten. Daher empfiehlt Patanjali ein schrittweises vorgehen auf dem Yogaweg, bevor wir nicht eine gewisse Ruhe haben wird es sehr schwierig zu meditieren.
Soweit meine Kommentare zu den Versen 49-53 des 2. Kapitels des Patanjali Yoga Sutra.

Hanuman, Mahavira, Bajarangi, kleiner Tempel

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