Patanjali Yoga Sutra. 2.54-55 Pratyahara – die Sinne umkehren

Warten auf das Licht

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Ganz am Ende des 2. Kapitels des Yoga Sutra erläutert Patanjali das Pratyahara, welches meist als „nach Innen ziehen der Sinne“ übersetzt wird. Interessant ist hier, dass Patanjali die Erläuterungen des Achtgliedrigen Weges (Ashtanga) auf zwei Kapitel ausdehnt und in der Mitte teilt. Aus diesem Grund nehmen manche Wissenschaftler an, dass das Ashtanga erst später dem Yoga Sutra hinzugefügt wurde. Pratyahara wird verglichen mit einer Schildkröte die ihre 5 Glieder nach innen zieht, es geht darum den Geist von der Anziehungskraft der Sinnesobjekte zu lösen.

Patanjali Yoga Sutra 2.54

2.54. स्वविषयासंप्रयोगे चित्तस्य स्वरूपानुकारैवेन्द्रियाणां प्रत्याहारः
svaviṣaya-asaṁprayoge cittasya svarūpānukāra-iv-endriyāṇāṁ pratyāhāraḥ
sva = eigen, sein
viṣaya = Wahrnehmbar, Erfahrbar, Objekt, Gegenstand
a = verneinung, nicht
saṁprayoge = in Berührung kommend, Zusammenkommend, Vereint
cittasya =  Denken, Bewusstsein, Geist, Geistfeld
svarūpa = eigene Form, eigene Natur
anukāra = nachahmen, übernehmen
eva = als ob, wie
indriyāṇām = durch die Sinne, mit den feinstofflichen Organen
pratyāhāraḥ = wörtlich: nicht nähren, nach Innen richten der Sinne

„Pratyahara führt zum natürlichen Zustand und ist durch das Zurückziehen der Sinne von ihren Objekten erreicht.“
oder

„Wenn man die Sinne vom Erfahrbaren abzieht, und die wahre Natur im Geiste durchscheint wird es Pratyahara genannt.“
Pratyahara ist ein sehr wichtiges und oftmals unterschätztes Element des Yoga. Es stellt das Bindeglied zwischen den äusseren und den inneren Praktiken des Yoga dar. Die ersten 4 Glieder des Ashtanga sind konkrete Methoden die ein physisches Handeln enthalten, die letzten 3 sind inere Ausrichtung die letztlich nicht willentlich herbeigeführt werden. Pratyahara verbindet die beiden Ebenen der Praxis, wobei es darum geht den Geist von Aussen nach Innen zu richten. Die Interpretationen von Pratyahara sind verschieden, manche sagen es geschieht von selbst, also als resultat von Pranayama. Andere behaupten es soll willentlich geschehen, also durch das richten der Aufmerksamkeit nach innen. In Gorakshas Gorakshashataka ist Pratyahara sogar eine konkrete Körperübung zugeardnet, in Vipanitakaranimudra soll der Energiefluss von Sonne und Mond umgekehrt werden, was dort Pratyahara genannt wird. Wie dem auch sei, die gelehrten sind sich darüber einig, dass es darum geht den Geist vom ständigen Umherwandern abzuziehen und nach innen auszurichten. Es gilt in diesem Schritt zu lernen, nicht mehr jedem Impuls aus den Sinnen zu folgen, sondern im inneren zu beobachten. Die einfachste Methode dazu ist so oft wie möglich in den Körper hinein zu spüren und zu akzeptieren was da auch immer wahrzunehmen ist.
Hier noch einige Zitate von Meistern zu Pratyahara:

Swami Sivananda:

„Ein Yogi praktiziert Abstraktion oder Zurückziehen der Sinne. Das wird Pratyahara  genannt; Mit pratyahara
beginnt das wahre innere spirituelle Leben.Pratyahara hält die Tendenz der Sinne, sich nach außen zu orientieren, an. Es schaltet sozusagen die Sinne aus. Pratyahara folgt automatisch auf die Pranayamapraxis.“

 

Yogi Bhajan

„Du beobachtest jedes Gedankenmuster, das in dein Bewusstsein eindringt. Du entscheidest, ob es dich der Unendlichkeit näher bringt (…). Du setzt an die Stelle eines negativen Gedankens einen positiven und entwickelst so eine neutrale Einstellung.“

 

Dr. David Frawley

„Manche Yogis zählen es zu den äußeren Aspekten des Yoga, für andere ist es ein innerer Aspekt. Beides ist richtig, denn Pratyahara ist ein Bindeglied, wie eine Tür zwischen den inneren und äußeren Aspekten des Yoga, und es zeigt uns, wie wir von der einen Seite zur anderen gelangen.“

 

4. Kapitel der Gerandhasamhita

„Wohin auch immer der wandernde und unstete Geist hingeht, von dort soll er zurückgenommen werden und unter die Kontrolle des Atman gebracht werden.“

Patanjali Yoga Sutra 2.55

2.55. ततः परमावश्यता इन्द्रियाणाम्
tataḥ paramā-vaśyatā indriyāṇām
tataḥ = dann, davon, daraus, so
paramā = höchste, größte, fernste, äusserste
vaśya = Herrschaft, Macht, Kontrolle, Gewalt
indriyāṇām = Durch die Sinne, Orgene
„Daraus entsteht die absolute Kontrolle über die Sinnesorgane.“
oder
„Daraus kommt die Meisterschaft über die Sinne.“

Mit den Sinnen nehmen wir die Welt auf verschiedenen Ebenen wahr, wir können Sinneserfahrungen geniessen und daraus lernen. Allerdings verlieren wir uns allzuoft in unserem Wunsch die Sinne zu befrieden und vergessen darüber, dass wahre Freude dem einfachen Sein entspringt. Pratyahara ist die Praxis den Sinneserfahrungen nichtmehr so viel Wert zu geben und die Eindrücke als gleichwertig zu betrachten bzw. sie neutral wahrzunehmen.

In der Ashtavakra Gita wird gesagt:

„Wenn du nach Erlösung suchst, Oh Kind, dann meide die Sinnesgenüsse wie Gift, und trinke Vergebung, Offenheit, Güte, Zufriedenheit und Wahrhaftigkeit wie Nektar.“

Hierbei geht es nicht darum das Leben nicht zu geniessen, sondern einfach zu akzeptieren was gerade gegeben ist, ohne ständig nach etwas anderem zu streben. Wenn wir in der Yogapraxis oder bei der Meditation üben uns nach innen auszurichten und nichtmehr nach anderem Streben, erreichen wir nach und nach die „Meisterschaft über die Sinne“. Hat man den Geist von den Sinnen unabhängig gemacht, kann man sich innerlich konzentrieren und tiefer ins Mysterium eintauchen.

Soweit mein Kommentar zu den letzten beiden Versen 54 und 55 des 3. Kapitels „Sadhana Pada“ der Patanjali Yoga Sutra, damit ist das 2. Kapitel beendet.

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