YogaVidya Kongress 2016: mein Beitrag „das Ziel des Yoga“

Narada und Narada

Im November 2016 war ich als Speaker (klingt besser als „Redner“) beim Yoga Kongress in Bad Meinberg geladen um über das Ziel des Yoga zu sprechen.

Ich wurde etwa 10 Monate vorher gefragt welches Thema ich zum Kongesstitel Erfolgreich Yoga unterrichten – das Geheimnis, die Tiefenwirkung und die Bandbreite des Yoga Vidya Stils“ beitragen wolle. ich hatte mich damals entschieden etwas über das Ziel des Yoga zu beizutragen. Ein wenig überrascht war ich dann über die Programmplanung bei der mir mit meinem VortragMoksha und Samadhi – über das Ziel des Yoga“ ein zentraler Moment des Kongresses zugeteilt wurde und ich vor über 350 Leuten dazu referieren durfte. Glücklicher Weise verflog meine anfängliche Nervosität recht schnell, da ich von netten ZuhörerInnen aus den ersten Reihen wohlwollend angelächelt wurde…

Was ist das Ziel von Yoga?

Ich beobachte immer wieder, dass die verschiedenen diesbezüglichen Konzepte aus dem Yoga mit eigenen Vorstellungen und Modellen aus anderen Traditionen munter gemischt werden und dadurch viel Verwirrung entsteht. Der Begriff „Erleuchtung“ kommt beispielsweise aus dem Christentum (bzw. genauer gesagt sogar aus der griechischen Philosophie) und er ist sehr unscharf, da diesbezüglich im Yoga noch viel weiter differenziert wird. Ich denke es ist wichtig sich ein wenig damit zu befassen um sich klarer im Yoga auf das Ziel ausrichten zu können.

Im Audio-Beitrag einige Erläuterungen über erschiedenen Begriffe rund um Erleuchtung und das Ziel des Yoga.

Vortrag über das „Ziel des Yoga“:

Viele Worte für das Ziel des Yoga

Hier einige Begriffe aus dem Yoga die man mit „Erleuchtung“ übersetzen kann:

  • Moksha, Mukti: Befreiung, Erlösung bzw. „Überwindung aller Begrenzungen“
  • Jivanmukti: lebend befreit, freie verkörperte Seele
  • Brahmanishta: jemand der fest in Brahhman verankert ist
  • Krtakrtya: jemand für den es nichts mehr zu tun gibt
  • Mahatma: eine große Seele
  • Turya: wörtl. „das Vierte“, Bewusstsein welches den drei Zuständen zu grunde liegt
  • Unmani Avastha: „Jenseits des Geistes“ Atemruhe und aktivierte Chakras nach Hatha Yoga Pradipika
  • Kaivalya/ Kevala: wörtl. Einsamkeit, Absonderung, Abgehobenheit, Losgelöstheit, Isolation
  • Atma Nivedana: „vollständige Hingabe des Selbst“, Begriff aus dem Bhakti Yoga
  • Paramapada: wörtl. „der letzte Schritt“, Begriff aus dem Bhakti Yoga
  • Samadhi: „Versenkung, Sammlung, Meditative Absorption“ wörtl. „fixieren, festmachen“
  • Savikalpa/Nirvikalpa Samadhi: mit/ohne Samen bzw. mit/ohne Dreiheit von Beobachter, Beobachtung und Beobachtetes
  • Samprajnati/Asamprajnata Samadhi: „ohne Unterscheidung“ mit oder ohne bewusstes erleben
  • Sahajasamadhi: immerwährendes Samadhi
  • Bhusamadhi: lebendig begrabener Yogi
  • Mahasamadhi: physischer Tod eines Meisters
  • Amrta: „Göttlicher Nektar“- Segenskraft eines Meisters

„Samadhi bringt Kaivalya, absolute Unabhängigkeit. Samadhi schenkt Moksha. Das ist der Gipfel und Höhepunkt von Yoga.“ Swami Sivananda

Hier noch ein paar weitere Gedanken zum Thema „Ziel des Yoga“

„Erleuchtung“ ist ein schwieriger Begriff denn er ist sehr unklar und es verbinden sich damit höchst unterschiedliche Konzepte, ebenso komplex ist es das Ziel des Yoga zu definieren. In der Indische Philosophie und dem Hinduismus sind sehr viele Unterscheidungen bekannt die ein tieferes Verstehen dieses Mysteriums ermöglichen. Die Lehre des Advaita Vedanta sagt klar, dass es nicht um eine Erfahrung bzw. einen Zustand geht, da beides vergänglich ist, vielmehr geht es um eine Erkenntnis die dauerhaft ist und dann das ganze Wesen transformiert.

Erleuchtung ist Advaita- Ziel des Yoga die Befreiung vom Leid

Auf dem Spirituellen Weg gibt es verschiedenste Phasen und Stufen, wie im „richtigen Leben“ ist auch der Weg zu „Gott“ ein ständiges Auf und Ab. Der Weg ist keine gerade Strecke, sondern es braucht immer wieder Kraft und Geduld um sich innerlich und äusserlich auf das Ziel auszurichten. Wir geraten immer wieder in Versuchung stehen zu bleiben, in Sackgassen zu gehen, zurück zu wollen, oder wir probieren gerne Abkürzungen, die uns letztlich immer wieder zum Selben führen: wir müssen einen Schritt nach dem anderen gehen und wir müssen den Weg selbst gehen. In jedem Moment haben wir die Möglichkeit uns neu zu entscheiden, ob wir nach Rechts oder Links gehen. In jedem Augenblick können wir uns entweder auf den Weg ausrichten oder abschweifen.

„Der Weg ist das Ziel“

sagte Konfuzius, und so gilt es sich auszurichten auf die Gegenwart. Alles andere entfernt uns vom Weg, der Wirklichkeit, dem Sein.

Ziel des Yoga ist die Befreiung

Die Meister sagen, dass wir die Möglichkeit haben aus unserem Alltagsbewusstsein auszusteigen, und dass wir uns öffnen können für ein höheres Bewusstsein. Sie sagen: Gott ist erfahrbar, wir können zum Gefäß werden durch welches das Göttliche wirkt, Gott ist kein bloßes Konzept sondern erkennbar und erlebbar. Das Ziel des Yoga ist zugleich Ziel des Lebens: zu erkennen wer oder was wir in Wirklichkeit sind und dadurch frei zu werden von allen Begrenzungen.

Maha Shiva in Haridwar

Die Erkentnis der wahren Natur des Selbst wird von manchen Erleuchtung, Erwachen, Kaivalya, Gottesverwirklichung, Unio Mystika, Selbstbefreiung oder Wieauchimmer genannt. Natürlich will jeder gerne das versprochene unendliche Glück in einem solchen Zustand erfahren denn das Konzept von Erleuchtung scheint die ultimative Erfahrung zu sein die uns vom leiden befreit. jedoch ist das Ziel des Yoga nicht willentlich zu erreichen, sondern es geschieht aus Gnade.

Es wird gesagt das um dort hinzukommen es aber zunächst durch vieles hindurch zu gehen gilt, auch durch schmerzliches. Der Weg zum Licht geht durch die Dunkelheit, wir müssen uns mit unseren eigenen Schatten konfrontieren um die Glückseeligkeit in uns zu entfalten. Und das kann nur geschehen, in dem wir geduldig einen Schritt vot den anderen setzen und liebevoll jede Erfahrung annehmen die sich auf dem Weg befindet. Glücklicherweise findet auf dem Weg zu „Erleuchtung“ eine „Erleichterung“ statt, die uns hilft die unangenehmen Aspekte des Lebens gleichmütiger zu erleben.

Ziel des Yoga ist dauerhafte Erkenntnis, nicht vergängliche Erfahrung

Die Natur jeder Erfahrung ist vergänglich, Erfahrungen die wir machen kommen und gehen und können niemals dauerhaft sein. Jedoch ist die Befreiung etwas dauerhaftes und wird im Advaita Vedanta eben nicht als eine Erfahrung sondern als eine Erkenntnis beschrieben. Es gibt viele Ideen darüber was Erleuchtung ist, jedoch führen viele davon meiner Meinung nach in die Irre. Denn Erleuchtung ist kein Zustand, keine Erfahrung. Das Ziel des Yoga ist ein Perspektivwechsel der dauerhaft ist und aus dem wir nichtmehr herausfallen.

Erleuchtung ist z.B. nicht

  1. ganz im Hier und Jetzt Sein
  2. ein aufgelöstes Ego zu haben
  3. Alles Wissen und Superkräfte haben

Denn

  1. auch ein Erleuchteter plant seinen Einkauf und ist dann im Geiste woanders
  2. Das Ego ist ein Teil von uns und lässt sich nicht wegmeditieren
  3. besondere gaben zu haben bedeutet erstmal nicht erkannt zu haben

Der Weg zu dieser höchsten Erkenntnis beinhaltet das Loslösen von allen Bindungen und Identifikationen mit der Welt der Erfahrungen. Und das bedeutet aus meiner Sicht nicht, dass man sich in die Höhle zurückzieht und die Welt negiert. Swami Sivananda sagte sinngemäß:

„Erfreue dich am Duft der Blumen aber vermisse sie nicht wenn keine da sind!“

Also sollen wir auch Spass in der Welt haben wenn es angesagt ist, aber eben Gleichmut entwickeln wenn wir gerade keine tolle Erfahrung machen und dabei Wissen, dass die Identifikation mit der Welt uns von der Erkenntnis des reinen Seins entfernt.

Jiddu Krishnamurti sagte mal sinngemäß:

„Du kannst nichts Tun um das Ziel zu erreichen,
aber wenn du nichts Tust wirst du es nicht erreichen!“

Damit wollte er (wie ich meine) sagen, dass der Spirituelle Weg letztlich paradox ist. Es gibt keine universelle Technik, keine Methode, keinen Weg der uns verlässlich zum Ziel führt. Jede Handlung wird vom Handelnden ausgeführt, das wahre Selbst kann durch keine Tätigkeit erkannt werden, da das Selbst kein Objekt ist.

Ein Ziel, viele Wege

Essenz der Upanishaden

Jeder Mensch ist anders, hat ein anderes Schicksal und eigene Gewohnheiten. Und so hat auch jeder seinen eigenen Weg zu gehen um das Ziel des Yoga zu erreichen. Es hat jeder einzelne für sich herauszufinden, was er tun kann um die Erfahrung des Göttlichen in sich zu ent-wickeln, es gibt zwar erprobte Übungssysteme wie z.B. das Yoga, die uns helfen auf dem Weg zu Bleiben und uns auf dem Weg Fortzubewegen. Diese sind auch Sinnvoll und Hilfreich, aber werden uns letztlich nicht zu der Erkenntnis des Höchsten führen. Denn die Erleuchtung (oder wie wir sie auch nennen mögen) ist letztlich „nur“ ein Akt der Gnade, und kann wie gesagt nicht willentlich herbei geführt werden.

Alle spirituelle Praxis soll uns nur öffnen für diese höchste Erkenntnis. Was wir tun können ist, uns immerwieder auf den Weg begeben, den Augenblick zu Erfahren, zu erledigen was vor der Nase liegt und uns bewusst sein das wir eigendlich Advaita- eins mit allem sind. Durch Yoga und ähnliches entwickeln wir Körper, Geist und Seele um uns von Blockaden zu lösen und in Harmonie zu kommen mit uns und der Welt, dadurch schafen wir die Voraussetzung um irgendwann zu erkennen.

Inspiration: Sadhana ist wie Gartenarbeit

Während des Vortrages ist mir eine schöne Inspiration gekommen die hilfreich ist um zu verstehen wie das Ziel des Yoga erreicht werden kann. Und zwar das Sinnbild eines Gartens: wir können zwar Blumen Giessen, die Pflanzen jäten und Dünger unter die Erde mischen, aber wir können nicht die Pflanze durch unseren Willen wachsen lassen, das geschieht von Selbst. Wir können nicht das Öffnen eine wunderschönen Blüte erzwingen, die wird sich zur rechten Zeit quasi durch Gnade öffnen, aber nur wenn die Bedingungen dafür stimmen. Ebenso können wir durch unsere Spirituelle Praxis nur den Boden bereiten damit Wachstum geschieht und das Ziel des Yogas wird sich durch Gnade offenbaren ebenso wie sich die Blüte öffnet.

Erleuchtung geschieht in der Regel nicht plötzlich, es ist nicht wie ein Blitz der uns durchfährt. Wir entwickeln uns stetig in die Erkenntnis des Absoluten hinein. Daher nützt uns jegliches Sehnen und Streben danach nur wenig, denn dieses ist auf die Zukunft ausgerichtet. Wobei wir einen gewissen ansporn benötgen um uns auf die Erleuchtung zuzubewegen, aber die Frage „Wer ist es der Erleuchtet sein will?“ ist entscheidend. Das Wesentliche aller Spirituellen Praktiken ist, bei allem was wir tun Gegenwärtigkeit zu üben. Natürlich macht es auch einen Unterschied welche Tätigkeit wir ausüben, entscheidend ist aber das Bewusstsein darüber. Das Fokussieren auf die Wirklichkeit, Das Hier und Jetzt, das Sein, das Bewusstsein, den Weg.

In diesem Sinne wünsche ich dir, das du die „ultimative Erfahrung“ nicht suchst, sondern dich für die Erkenntnis öffnest!

Wobei suchen nichts schlechtes ist. Der spirituelle Weg ist wie gesagt paradox. Es geht nicht um Richtig oder Falsch, nicht um Entweder Oder, sondern um Sowohl als Auch! Gemeinsamkeiten statt Widersprüche…

Manikarnaka Ghat

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About Narada

Ich bin als Lehrer & Ausbilder für Meditation, Yoga und Advaita Vedanta tätig und koche für Geld. Nebenbei betreibe ich diese Seiten um meinem großen spirituellen Mitteilungsbedürfnis einen weiteren Kanal zu geben. Alle Inhalte meiner Seite stehen dir kostenfrei zur Verfügung und sie dürfen unter Angabe der Quelle gerne weiter verwendet werden! Wenn du mich bei meiner Arbeit unterstützen willst, Kommentiere, Like und Teile einfach meine Beiträge... :-)