Kastensystem im Hinduismus – rassistische Unterdrückung und Sozialstruktur

Harijan, Dalit

Harijan, Dalit


Umfassender Artikel zum Kastensystem im Hinduismus mit Quellsuche und historischer Entwicklung.

Bedeutung des Kastensystem im Hinduismus

Befasst man sich so wie ich intensiv mit der indischen Spiritualität, stößt man immer wieder auf das Kastensystem im Hinduismus, welches offenbar auch im modernen Hinduismus eine wichtige Rolle spielt.
Uns sogenannten „aufgeklärten Westlern“ ist ein solches System der religiös motivierten rassistischen Unterdrückung von Minderheiten zuwider, wobei wir nicht viel darüber wissen und es daher viele Vorurteile dazu gibt. Tatsächlich ist das Kastensystem im Hinduismus wohl das meist missverstandene und missbrauchte Konzept Indiens, denn ursprünglich beruht das Kastenwesen auf eine durchaus konstruktive Idee, die ich mit diesem Artikel versuche zu vermitteln. Das Kernproblem ist meines Erachtens nach nicht die Idee des Kastensystem, sondern die Durchführung, insbesondere die Übertragung  des Status durch Geburt.
Natürlich ist es  gewissermaßen arrogant (-„Kulturrelativismus“) von außen darüber zu urteilen, dennoch möchte ich genau das mit diesem Artikel tun!

Kastensystem gibt es nicht nur in Indien!

>Bevor wir mit dem Finger auf „die Inder“ zeigen, sollten wir uns klar machen, dass es in unserer ach so modernen und aufgeklärten Gesellschaft auch eine Art Kastensystem gab und gibt. Was Marx als „Klassen“ bezeichnete ist dem indischen Kastensystem ähnlich, wobei es heute nicht mehr eine so klare Trennung zwischen den Klassen gibt wie Marx sie beschrieb, aber dennoch eine deutliche soziale Ungerechtigkeit.
Ähnlich wie bei den indischen Brahmanen ist es bei europäischen Adeligen und „Edelleuten“ schon lange verpönt „nach unten“ zu heiraten, heute ergibt sich eine solche Hierarchie nach dem Kontostand und den entsprechenden Statussymbolen. Eine möglichst weiße Hautfarbe galt für Angehörige der Oberschicht lange als Edel, weil man es nicht nötig hatte draußen zu arbeiten, daraus ergibt sich ein ähnliches Bild wie bei dem indischen Kastensystem: sozialer Rang wird an die Hautfarbe gekoppelt.

Kastensystem und Rassismus sind vergleichbar

Generell ist rassistisches Denken ein vereinfachtes Kategorisieren welches mit dem Übel des modernen Kastensystem vergleichbar ist. Auch ist meiner Meinung nach durch die Agenda 2010 ein neues kasten-ähnliches System in Deutschland entstanden, die Hartz-4 Bezieher kommen ähnlich wie Unberührbare nur schwierig aus ihrer gesellschaftlichen Stellung heraus, und die UNO kritisiert schon seit Jahren das deutsche Bildungssystem weil sozial Benachteiligte kaum eine gute Bildung erreichen können. Aber es ist wohl so, dass materiell orientierte Menschen üblicher Weise einen starken Impuls haben ihren äußeren Reichtum zu schützen und dafür eine Abgrenzung zu den neidischen Leuten mit weniger Besitz kreieren.

„In religion there is no caste. Caste is social custom.
Religion kennt keine Kasten, Kasten sind Brauch.“
Swami Vivekananda

Offiziell gibt es seit der Installation der indischen Verfassung 1950 kein Kastensystem mehr in Indien, da es juristisch verboten ist Menschen wegen ihrer Kasten-Zugehörigkeit zu benachteiligen, so gibt es z.B an Universitäten eine Quote für Kastenlose, allerdings ist damit noch nicht das Kastensystem als solches abgeschafft. Als Höhepunkt der Befreiung vom unterdrückenden Kastensystem wurde 1997 ein „unberührbarer“ zum Präsidenten Indiens: K.R. Narayanan.

„Der Westen bleibt durch das Kastensystem besessen!“ Francoise Gautier

Das wir es nicht verstehen und ist Insgesamt ist das System der Kasten durchaus auch positiv zu betrachten, denn es gab der indischen Gesellschaft eine klare Struktur und sorgte damit für Stabilität und Entwicklung. Der französische Philosoph Alain Danielou sagt, dass es ohne das Kastenwesen nicht die bemerkenswerte Kontinuität des indischen Subkontinentes trotz Invasionen durch Moslems und Europäer gegeben hätte:

„Caste system has enabled Hindu civilization to survive all invasions and to develop without revolutions or important changes, throughout more than four millennia, with a continuity that is unique in history. Caste system may appear rigid to our eyes because for more than a thousand years Hindu society withdrew itself from successive domination by Muslims and Europeans. Yet, the greatest poets and the most venerated saints  such as Sura Dasa, Kabir, Tukaram, Thiruvalluvar and Ram Dasa; came from the humblest class of society.“

Kastensystem – typisch religiöses Phänomen um Macht zu festigen

Ich sehe einerseits im Kastenwesen einen konstruktiven Ansatz um die Gesellschaft zu strukturieren, jedoch auch andererseits ein rassistisch motiviertes System der Unterdrückung von sozial schwachen, dunkelhäutigen und ethnischen Minderheiten. Man muss leider sagen, dass es im Hinduismus ähnlich ist wie im Christentum und anderen Religionen: Eliten haben die heiligen Schriften verwendet um die Machtstrukturen auszubauen, und das ist aus meiner Sicht absolut verwerflich. Beispielsweise hat sich der Klerus lange dagegen gewehrt die Bibel in jeweilige Landessprachen zu übersetzen um die Deutungshoheit zu behalten und auch im Islam wehrt sich die Elite den Koran im Historischen Kontext zu betrachten, weil sie durch die gängige Interpretation das Machtgefüge festigen.

Kernfrage: sind Kasten erblich?

Schon der älteste Text des Hinduismus trennt die eigene Aufgabe von den Tätigkeiten der Eltern, so wird im Vers 9.112.3 des RigVeda die soziale Mobilität betont:

„Ich bin Poet, mein Vater ist Arzt, meine Mutter füllt den Mahlstein auf.“

Neben der Idee der Einteilung der Gesellschaft in Aufgaben, sind die Kasten auch definiert durch die rituelle Reinheit der Angehörigen, wobei sich diese Reinheit durch das Denken und die Handlungen ergibt und eben nicht durch Geburt.  Brahmanen sind meist Gelehrte die sich mit heiligen Texten befassen und Rituale durchführen, dafür müssen sie sehr „sattwig“ sein, je niedriger die Kaste, desto „unreiner“ bis hin zur „Unberührbarkeit“.

Die erbliche Gesellschaftshierarchie des Kastensystem im Hinduismus ist weder durch eine heilige Schrift noch durch eine Institution entstanden, der Entwicklungsweg der Idee von erblichen Kasten ist tatsächlich unklar.

„Kaste ist eine durch rituelle Kommensalitäts- und Konnubialschranken nach außen abgegrenzte, durch positive oder negative Privilegierung und durch ökonomische Sondergebarung nach innen zusammengeschlossene erbliche Gemeinschaft innerhalb eines sozialen Gesamtverbandes.“ W. Schluchter

ähm… ok.

Der Begriff „Kaste“ kommt vom Wort „Rasse“

Der Begriff „Kaste“ leitet sich vom Portugiesischen „Casta“ ab, was soviel bedeutet wie „Rasse, Abstammung“ und wurde von den portugiesischen Besatzern Indiens als Begriff verwendet um die beobachteten gesellschaftlichen Strukturen Indiens zu beschreiben. Im lateinischen leitet sich das Wort von „casta“ ab, was etwa „rein, keusch“ bedeutet, also etwa das „unvermischte“. Später wurde der Begriff dann auch von den englischen Besatzern als „caste“ übernommen und die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen wurden durch die Briten rigider, insbesondere wurden Brahmanen und Kshatriyas von den Kolonialherren bevorzugt und begünstigt.

Von den Indern wurden ursprünglich andere Begriffe verwendet die den Begriff der Kaste noch etwas weiter differenzierten, so gibt es vor allem zweierlei:

  1. Varnas – „Klasse“, die Einteilung des sozialen Gefüges in 4 verschiedene Bereiche, siehe unten.
  2. Jaatis – „Stände“, die Einteilung der Gesellschaft in unterschiedlichste Berufe.

Es gibt in Indien tausende von Jaatis (= Gattung, Wurzel) wie z.B. die Topfflicker, die Krematoriumsreiniger und die Schuhputzer, diese hängen aber häufig familiär und ethnisch zusammen. Das System der Jaatis entspricht etwa bei uns den mittelalterlichen Ständen oder Zünften und so ist es ja bei uns oft auch heute noch üblich, dass der Sohn eines Landwirts den elterlichen Hof übernimmt. Manche Berufsgruppen wurden auch in Europa früher aus der Gesellschaft ausgestoßen, so z.B Henker und Gerber.

Die 4 Varnas, Varna Vyavastha

Das Wort Varna bedeutet wörtlich „Farbe“ und sinngemäß „Klasse, Stand, Volk, Art, Sorte, Natur, Charakter“ und es sind damit die vier wichtigsten Gruppen eines sozialen Gefüges gemeint, wobei der Begriff noch weit mehr beinhaltet. Mit Farbe ist hier entgegen anderslautender Aussagen nicht die Haut gemeint, sondern die Farbe der entsprechenden Gunas. Als „Gunas“ bezeichnet man im Yoga die drei Eigenschaften oder Wirkkräfte der Natur die sich vor allem im Denken, Fühlen un Handeln zeigen.

Im RigVeda wurden etwa 1000 v.Chr. die vier Kasten festgelegt als ein Modell um zu beschreiben wie eine Gesellschaft funktionieren kann. Dieses Konzept ist zu finden im Vers 10.90.11-12 des RigVeda, dem berühmten Gleichnis aus dem Purusha Suktam, welches als erste Quelle für das Kastenwesen gilt.

„Als sie den Purusha zerlegten, in wie viele Teile teilten sie ihn? Wie nannten sie seinen Mund, wie seine Arme, wie seine Schenkel, wie seine Füße? Sein Mund wurde zum Brahmanen, seine beiden Arme zum Krieger, seine beiden Schenkel zum Vaishya, aus seinen Füßen entstand der Shudra.“

Und so sind es die folgenden 4 Varnas oder Kasten:

  1. Brahmanen intellektuelle Elite, Ausleger des Veda, Priester
  2. Kshatriyas Krieger und Fürsten, höhere Beamte
  3. Vaishyas Händler, Kaufleute, Grundbesitzer, Landwirte
  4. Shudras Handwerker, Pachtbauern, Tagelöhner

Modernes Kastensystem vs. Varnas der Veden

4 Varnas. Kasten

4 Varnas- Kasten im Hinduismus

Varna Vyavastha bedeutet Kastensystem und es war entgegen der heutigen Interpretations- und Lebensweise auch ein System um Toleranz und Gemeinschaft zu stärken, denn es ermöglichte den Menschen einer Gesellschaft ein Leben zu führen gemäß der Talente und Eigenschaften, denn es waren die Kasten nicht rigide an Abstammung und Geburt gebunden, unten sind verschiedene Quellen aufgeführt aus den heiligen Texten der Inder und der Konflikt „Kastenübertragung per Geburt“ wird schonn immer kontrovers betrachtet. Die Idee seine soziale Aufgabe als Kaste per Erbe an die Nachfahren zu übertragen ist sicher nachvollziehbar aber sie ist meines Erachtens nach die Quelle des Übels, und sie ist nicht wirklich gedeckt durch die Schriften des Hinduismus.

Tatsächlich gibt es bei den Brahmanen ein Ritual bei dem in das Gayatri Mantra eingeweiht wird und durch welches man dann zum vollwertigen Brahmanen wird, also sollte doch dadurch klar sein: Brahmane wird man nicht durch Geburt!

Der größte Lehrer des Hinduismus Adi Shankaracharya aus dem 8. Jahrhundert warf sich vor einem unberührbaren auf dem Boden als er erkannte, dass dieser Gott verkörperte. Seit Ewigkeiten gibt es Meinungsverschiedenheiten darüber, ob nun Varna von Geburt zu erreichen ist oder durch spirituelle Übung.

Neben den 4 Varnas gibt es noch die „Unberührbaren“ welche heute meist als „Dalits“ (gebrochene Menschen) oder „Paria“ (ausgestoßener) bezeichnet werden, also Menschen die in keine der 4 Kasten geboren wurden und die traditionell unterdrückt bzw. nicht in die Gesellschaft integriert werden durch die 4 Varnas, die Volkszählung 2011 hat ergeben, dass 17% der Inder kastenlos sind. Mahatma Gandhi bezeichnete diese stets als „Harijans“, also „Kinder Gottes“ und half ihnen damit zu besserem Ansehe

Ach… Gandhi!

Gandhi und die Kasten

Leider haben wir ein sehr verklärtes Bild von Mahatma Gandhi der nicht so durch-und-durch heilig war wie man annehmen könnte.

Hier ein Zitat der Bürgerrechtlerin Arundhati Roy aus einem sehr informativen Interview mit der Zeit:

„Wir alle hier in Indien sind mit der Geschichte aufgewachsen, wie Gandhi zuerst politisiert wurde, weil man ihn in Pietermaritzburg (Südafrika) aus einem Zugabteil geworfen hat, das für Weiße reserviert war. Aber das ist bloß die Hälfte der Geschichte.

ZEIT: Und die andere?

Roy: Gandhi war nicht über die Rassentrennung an sich empört. Die wirkliche Geschichte ist, dass er deshalb in diesem Abteil für Weiße saß, weil er glaubte, wohlhabende Inder aus den höheren Kasten sollten nicht mit „Kaffern“, wie er die Schwarzen nannte, im selben Abteil reisen. Sich das klarzumachen war ein bisschen schockierend.“

Ausserdem kritisiert Roy im Interview, dass sich Gandhis späterer Kampf gegen das Kastenwesen auf die Rechte der Unberührbaren beschränkt hat, er also das Konzept der 4 Varnas nicht wirklich in Frage gestellt hat, sicherlich wäre er nicht so erfolgreich gewesen wenn er die Macht der Brahmanen und Kshatriyas angezweifelt hätte.

„Er hat die politische und soziale Kastenproblematik auf das symbolische, totemhafte Thema Unberührbarkeit reduziert. Die Kastenfrage ist in erster Linie eine Frage von Rechten – auf Land, Bildung, öffentliche Dienstleistungen. Unberührbarkeit ist eines von mehreren gewaltsamen Mitteln, mit denen Dalits terrorisiert werden; man wäscht ihnen das Gehirn, damit sie bleiben, was sie sind: ein Reservoir an billigen Arbeitskräften, die ein System nicht herauszufordern wagen, das angeblich von den Göttern gewollt ist. Gandhi hat darauf bestanden, alle Kasten sollten bei ihrer erblichen Arbeit bleiben, aber keine Kaste solle für nobler gelten als eine andere – damit wollte er die Menschen dazu bringen, sich über ihre Erniedrigung sogar noch zu freuen. 1936, als Ambedkar seine Polemik gegen das Kastensystem veröffentlichte, schrieb Gandhi einen Essay, in dem er die idealen Qualitäten beschrieb, die die Kaste der Latrinen-Arbeiter haben solle.“

Historische Hintergründe des Kastensystem

Heilige Kuh

Heilige Kuh

Eine der gängigen, jedoch zum Teil widerlegten Theorien zur Entstehung des Hinduismus und insbesondere des Kastensystem ist die Idee von der Einwanderung der „Arier“ aus dem Bereich des heutigen Iran nach Nordindien, auf die sich tatsächlich später auch Hitler bezogen hat. Die hellhäutigen Einwanderer hatten mit den Veden einige heilige Texte im Gepäck und sie haben sich mit ihrer militärischen und intellektuellen Überlegenheit Strukturen gefestigt um dauerhaft über die Ureinwohner zu herrschen.

Deutlich ist, dass je höher die Kaste ist, desto heller die Haut und dass es genetische Unterschiede zwischen den Kasten gibt. Und ebenso klar ist, dass es in den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung eine sukzessive Vermischung der südindischen Dravidenvölker und der nordindischen vedischen Stämme gab, wobei die nordindischen Stämme die Veden und das Varnasystem durchgesetzt haben. So organisierten sich die indogermanischen Sprachgruppen des Nordens in den drei oberen Kasten und die dunkelhäutigeren Südinder bzw. die Einheimischen wurden in die vierte Kaste kategorisiert, darunter eben noch alle anderen, die außerhalb der Gesellschaftsordnung die niedrigsten Aufgaben zu erledigen hatten.

Diese Theorie wird gestützt durch modernste Untersuchungen des Genpools der verschiedenen Kasten, so kann man tatsächlich einen deutlichen genetischen Unterschied zwischen den einzelnen Kasten feststellen. Die unteren Kasten sind den übrigen Asiaten genetisch ähnlicher als die oberen Kasten, welche eher den Europäern ähneln, dieses wurde bei den Untersuchungen insbesondere in Tamilnadu deutlich, wo das Kastenwesen sehr strikt gehandhabt wurde. Diese Arierthese ist vor allem durch die Ausgrabungen im Industal wacklig und erklärt nicht wirklich den Verlauf des frühen Hinduismus.

Das heutige rigide Kastensystem hat sich vor allem gegen Ende der Mogulherrschaft und in der anschließenden Besetzung durch die britische Krone entwickelt. Ein wesentlicher Mechanismus der kolonialen Machterhaltung ist die Zusammenarbeit mit bestehenden Eliten und so haben die britischen Kolonialherren das Kastensystem als Mechanismus zur Administration eingesetzt und damit zum eigenen Machterhalt genutzt und gefördert.

Kasten und Varnas in den klassischen Texten des Hinduismus

Sri Krishna sagt in der Bhagavad Gita, dass er (also das universelle Göttliche welches personifiziert wird) die Kasten erschaffen hat, jedoch wird im Vers 4.13 angedeutet, dass es nicht um eine Übertragung durch Geburt, sondern durch Guna und Karma geht:

„Die vier Varnas wurden von Mir gemäß der Unterschiedlichkeit von Guna und Karma geschaffen; obwohl Ich ihr Urheber bin, wisse, dass Ich nicht handle und unwandelbar bin.“

Und so wird dies auch genauer definiert im Vers 18.41 der Bhagavad Gita, Kasten sind als System zur Definierung von Verschiedenen Gliedern des sozialen Gefüges zu verstehen.

„Die Pflichten von Brahmanen, Kshatriyas, Vaishyas und auch von Shudras sind so verteilt, wie es den sich aus ihrem Wesen ergebenden Eigenschaften entspricht.“

Auch im Manu Smriti wird die These der Kaste durch Handlung und Eigenschaften klar gestützt, obwohl dieser Text als maßgebliche Quelle für die Festigung des unterdrückenden Kastenwesens gilt.

„Der Brahmane bekommt seinen Status durch Weisheit, der Krieger durch seine Kampkraft, der Vaishya durch seinen Wohlstand und nur der Shudra durch Geburt.“

Das ManuSmriti oder auch ManuSamhita gilt als erster Text der 1794 aus dem Sanskrit ins Englisch übersetzt wurde, damit prägte dieser Text die interpretation des Kastenwesens durch die Britischen Kolonialherren und festigte die Hierarchie der Varnas durch die Zuammenheit der Besatzer mit den bestehenden Eliten.

In Vers 11.157 des Manu Smriti wird zwar einerseits von „gebürtigen Brahmanen“ gesprochen, aber zugleich diese Idee kritisiert.

„So wie ein hölzerner Spielzeug-Elefant kein echter Elefant sein kann und ein ausgestopftes Reh kein echtes Reh ist, kann ohne Studium der Veden und die Entwicklung der Unterscheidung kein „gebürtiger Brahmane“ ein echter Brahmane genannt werden!“

Im selben Text sind auch solcherlei Verse (3.17) zu lesen, welche eher für eine restriktive Interpretation des Kastenwesens sprechen:

„Ein Brahmane, der eine Shudra-Frau in sein Bett nimmt, wird (nach seinem Tode) in die Hölle sinken; wenn er ein Kind von ihr bekommt, wird er seinen Rang als Brahmane verlieren“

Das Shrimad Bhagavatam spricht sich im Vers 7.11.35 sehr deutlich gegen die Deklaration des Geburtsrechts auf eine Kaste aus:

„Wenn jemand die genannten Kennzeichen eines Brahmana, Kshatriya, Vaishya oder Shudra aufweist, sollte er diesen Merkmalen gemäß eingestuft werden, selbst wenn er in einem anderen Varna geboren wurde.“

Die Bhagavad Gita drückt im Vers 18.42 je nach Lesart aus, dass man nicht durch seine Abstammung in eine bestimmte Kaste kommt, sondern nur durch die natürlichen Eigenschaften, :

„Gelassenheit, Selbstbeherrschung, Mäßigung, Reinheit, Nachsichtigkeit und auch Rechtschaffenheit, Wissen, Verwirklichung und Glaube an Gott sind die natürlichen Eigenschaften der Brahmanen, welche aus ihrer Natur erwachsen.“

Und der Vers 5.18. sagt nochmals ganz klar, dass aus der Perspektive des Absoluten kein Unterschied besteht.

„Weise sehen keinen Unterschied zwischen einem gelehrten und frommen Brahmanen, einer Kuh, einem Elefanten, einem Hund und einem Kastenlosen.“

Auch die Chandogya Upanishade, welche neben der Brihadaranyaka Upanishade zu den beiden ältesten gehört die auf etwa 800 v.Chr. datiert werden, enthält ein deutliches Indiz für die Idee, dass Kasten nicht durch Geburt festgelegt sein sollten, aber auch dafür, dass diese Frage schon damals ein Thema war. Insgesamt lässt sich feststellen, dass der Konflikt dder Kastenzugehörigkeit durch Geburt schon etwa 3000 Jahre alt ist und es für beide Interpretationen Quellen gibt. Satyakama, der von niederer Geburt war, wollte gerne Schüler eines Brahmanen werden, dessen Prüfung er durch seine Klarheit bestand:

„Er sprach zu ihm: „Nur ein Brahmane kann so offen sprechen; hole das Brennholz herbei, mein Lieber [das zur Zeremonie erforderlich ist], ich werde dich aufnehmen, weil du nicht von der Wahrheit abgegangen bist.“

Auch im Mahabharata Epos welches auch über 2000 Jahre alt ist findet man viele Erläuterungen zum Kastenwesen, so wird im Kapitel 3.180 gesagt:

„Die Weisen sagen, dass derjenige, in welchem Wahrhaftigkeit, Güte, Vergebung, gutes Betragen, Wohlwollen, Beachtung der Riten und Mitgefühl zu sehen sind, ein Brahmane ist. Und was man erkennen sollte, oh Schlange, ist das höchste Brahma, in dem weder Glück noch Elend sind. (…) Ein Shudra, in dem diese Qualitäten sind, ist kein Shudra, sondern ein Brahmane. Und ein Brahmane, in dem diese Tugenden fehlen, ist kein Brahmane, sondern ein Shudra. Denn nur diese Qualitäten unterscheiden zwischen Shudra und Brahmane.“

Im Kapitel 12.269 wird nochmals sehr schön erläutert was einen wahren Brahmanen ausmacht:

„Wer sein Übergewand abgelegt hat, auf der bloßen Erde schläft, nur seinen Arm als Kissen hat und im Innersten voller Stille ist, den kennen die Götter als Brahmanen. Wer der Kontemplation gewidmet ist, in der Einsamkeit die ungeteilte Seligkeit findet und nicht nach den Freuden und Sorgen der Leute greift, den kennen die Götter als Brahmanen. Wer alles durchschaut hat, die Urnatur (Prakriti) und ihre vielfältigen Gestaltungen, und wer um das Werden und Vergehen aller Geschöpfe weiß, den kennen die Götter als Brahmanen. Wer sich vor keinem Geschöpf fürchtet, wen kein Geschöpf fürchten muß und wer zum Selbst aller Wesen geworden ist, den kennen die Götter als Brahmanen. Doch ohne Reinheit des Herzens als wahres Ergebnis aller frommen Taten, wie das Geben und Opfern, können unwissende Menschen niemals jene hohe Erkenntnis erreichen, womit man ein Brahmane wird, selbst wenn es ihnen die besten Lehrer erklären.“

Nicht-Brahmanen dominieren die Geschichte des Hinduismus

Hier einige Rishis und Götter die nach der Idee der Übertragung von Kastenzugehörigkeit durch Geurt nicht zur oberen Kaste gehörten, die Rishis „Seher“ sind die Begründer des Hinduismus:

  • Vyasa gilt als Vefasser des Mahabharata und Ordner der Veden, er war Sohn einer Fischerin.
  • Rama war eine Inkarnation von Vishnu und gehörte als König zur Kriegerkaste.
  • Krishna war eine weitere Inkarnation Vishnus und er gehörte zu den Yadavas, einem benachteiligten Jaati.
  • Shiva war quasi ein Aussätziger und gehört nach heutiger Kategorie zu den benachteiligten Ureinwohnern.
  • Vishvamitra war ein Kshatriya und wurde zum Brahmanen durch den Empfang des Gayatri Mantras.
  • Valmiki war ein Räuber und Unberührbarer bevor er zum Rishi und Brahmanen wurde.
  • Vasishta war Sohn einer Prostituierten und wurde durch Erkenntnis zum Brahmanen.

Swami Sivananda spricht über das Kastensystem

Abschliessend noch ein Text von Swami Sivananda über das Kastenwesen. Er fordert eine neue Betrachtung und eine Reformation des Kastenwesens, da es für die indische Gesellschaft zur vedischen Zeit sehr hilfreich war. Er kritisiert zum einen auch die Einteilung durch Geburt, und zum andern die Abkehr von den Pflichten der einzelnen Kasten.

Es gibt drei Qualitäten oder Gunas, nämlich Sattva (Reinheit), Rajas (Leidenschaft) und Tamas (Trägheit). Diese drei Qualitäten finden sich in den Menschen in unterschiedlichem Ausmaß. In manchen Personen überwiegt Sattva. Dies sind Brahmanen. Es sind weise Menschen oder Denker. Sie sind die Priester, Minister oder Philosophen, die Könige und Herrscher beraten. In anderen ist Rajas vorherrschend. Dies sind Kshatriyas. Sie sind Krieger oder Männer der Tat. Sie bekämpfen Feinde oder Eindringlinge und verteidigen das Land. In manchen ist Tamas vorherrschend. Sie sind Vaisyas oder Händler. Sie machen Geschäfte und betreiben Landwirtschaft und häufen Reichtum an. Sudras sind die Diener. Keine dieser Qualitäten ist in ihnen sonderlich weit entwickelt. Sie dienen den anderen drei Kasten.

Im weiteren Sinne ist ein sattwiger Mensch, der fromm ist und rechtschaffen und ein gottesfürchtiges Leben lebt, ein Brahmane. Ein rajasiger Mensch mit heroischen Eigenschaften ist ein Kshatriya, ein rajasiger Mensch mit einer Neigung zum Handel ist ein Vaisya, und ein tamasiger Mensch ist ein Sudra.

Das dem Kastenwesen unterliegende Prinzip oder Varna Dharma ist die Aufteilung von Arbeit. Rishis studierten die menschliche Natur sorgfältig. Sie kamen zu dem Schluss, dass nicht alle Menschen für jede Art der Arbeit gleich gut geeignet sind. Infolgedessen erachteten sie es als notwendig, unterschiedliche Pflichten unterschiedlichen Klassen von Menschen zuzuordnen, je nach Fähigkeit, Belastbarkeit oder Qualität. Die Brahmanen waren für spirituelle und intellektuelle Angelegenheiten verantwortlich. Die politische Verwaltung und die Verteidigung war die Arbeit der Kshatriyas. Den Vaisyas wurde die Aufgabe anvertraut, das Volk mit Nahrung zu versorgen und den ökonomischen Wohlstand zu verwalten. Die Sudras verrichteten niedere Arbeiten.

Die Rishis sahen all diese Notwendigkeiten für die Hindu Nation und begannen das System von Varnas und Asramas. Diese Arbeitsunterteilung begann zu vedischen Zeiten. Die Veden lehrten, dass der Brahmane das Gehirn der Gesellschaft war, die Kshatriya ihre Arme, die Vaisya ihr Bauch, und die Sudra ihre Füße. Ein Brahmane ist kein Brahmane, wenn er nicht mit Reinheit und einem guten Charakter ausgestattet ist, und stattdessen ein Leben voller Genusssucht und Immoralität führt. Ein Sudra ist ein Brahmane, wenn er ein rechtschaffendes und frommes Leben führt.

Das Kastenwesen ist tatsächlich eine wunderbare Sache. Es ist eigentlich fehlerlos. Der Schaden kommt von anderswo. Die Klassen vernachlässigten nach und nach ihre Pflichten. Die Prüfung von Fähigkeit und Charakter verschwand langsam. Die Geburt wurde die Hauptbetrachtung, um die Kaste zu bestimmen. Alle Kasten verloren ihre Ideale und vergaßen ihre Pflichten. Brahmanen wurden eigennützig und behaupteten ihre Überlegenheit über andere allein durch ihre Geburt, ohne die nötigen Qualifikationen zu besitzen. Die Kshatriyas verloren ihre Ritterlichkeit und ihre Einstellung zur Selbstaufopferung. Die Vaisyas wurden sehr gierig. Sie kamen nicht mehr durch ehrliche Mittel zu Wohlstand. Das wirtschaftliche Gemeinwohl des Volkes interessierte sie nicht mehr. Sie gaben keine Almosen mehr. Sie verloren ebenfalls ihre Einstellung zur Selbstaufopferung. Sudras dienten nicht mehr. Sie wurden Beamte. Sie wünschten, dass andere sie bedienen sollten. Die Gier und der Stolz der Menschen führten zu Zwietracht und Disharmonie.

An Varnasrama ist nichts verkehrt. Es sind die Arroganz und der Hochmut der Menschen, die zu Schwierigkeiten führten. Der Mensch oder der kleine Jiva ist fehlbar. Er ist voller Makel. Er wartet nur darauf, sich anderen überlegen zu fühlen. Der Brahmane denkt, dass die anderen drei Kasten ihm unterlegen sind. Der Kshatriya denkt, dass Vaisya und Sudra ihm unterlegen sind. Ein reicher Sudra denkt, dass er einem armen Brahmanen oder einem armen Kshatriya oder Vaisya überlegen ist.

Momentan existiert das Varnasrama System nur namentlich. Es muss ordentlich neu aufgebaut werden. Brahmanen, Kshatriyas, Vaisyas und Sudras, die ihre Ideale verloren haben und die ihre jeweiligen Pflichten nicht ausführen, müssen diese wieder anständig verrichten. Sie müssen unter rechter Anleitung ausgebildet werden. Sie müssen sich wieder zu ihrem ursprünglichen hohen Niveau erheben. Der sektiererische Geist muss sterben. Sie sollten ein neu verstehendes Herz voller Liebe und Hingabe entwickeln, mit einem Geist der Kooperation, Aufopferung und des Dienens.

Heilige am Wegesrand

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Über uns Narada

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