Patanjali Yoga Sutra. 2.3-9 Kleshas- Die Arten und Ursachen des Leidens

Kali Puja in Haridwar

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Die Kleshas sind wörtlich gut mit „gebrechen“ zu übersetzen, es sind die 5 Ursachen des Leidens.

Kleshas: Ursachen für Leid

In den ersten beiden Versen des 2. Kapitels des Yoga Sutra hat Patanjali das Konzept des Kriya Yoga eingeführt, also seine Methode um Leiden zu überwinden.  In den weiteren Versen beschreibt er die Kleshas– die verschiedenen Ursachen des Leidens die uns auf dem spirituellen Weg behindern. Diese Verse bilden einen Schlüssel zum verstehen des spirituellen Weges.

Patanjali Yoga Sutra 2.3

2.3 अविद्यास्मितारागद्वेषाभिनिवेशः क्लेशाः
avidyā-asmitā-rāga-dveṣa-abhiniveśaḥ kleśāḥ 

avidyā = Unwissenheit, Verwechslung, Illusion
asmitā = Selbst/ Ich- bezogenheit, Egoismus
rāga = Gier, Anziehung, Wunsch, Verlangen
dveṣa = Ekel, Abneigung, Ablehnung
abhiniveśa = Todesangst, am Leben hängen
kleśa = Schmerzen, Leiden, Bürden, Gebrechen

„Mangel an Erkenntnisfähigkeit, Identifikation mit dem Wandelbaren, der Glaube, durch äußere Umstände Glück oder Unglück zu erfahren und Todesangst sind die Leiden auf dem Weg.“

 oder
„Unwissenheit, Selbstbezogenheit, Anziehung und Abneigung sowie Furcht vor dem Tod sind Ursachen des Leidens.“
 Hier nennt Patanjali also die 5 Kleshas, und damit ein weiteres grundlegendes Konzept seiner Yoga Sutras. Diese Ursachen des Leidens sind wichtig zu verstehen, um sie zu überwinden. Es sei denn, wie im letzten Vers erläutert, man ist sehr fest begründet in der Praxis des Kriya Yoga. Laut Prof. Mittwedes Sanskrit Wörterbuch ist das Wort kleśa eine Sammelbezeichnung für alle Hindernisse auf dem Weg des Yoga, und daher sind sie wichtig zu verstehen. Manche bezeichnen die Kleshas auch als die fünffache Fessel, die uns an die Welt bindet.
  • avidyā ist die Unwissenheit über das Wesen des Selbst, bzw. die Unkenntnis über die wirklichkeit jenseits der Illusion.
  • asmitā ist das festhalten an der Idee ein begrenztes, vergängliches und individuelles Wesen zu sein.
  • rāga ist das Streben nach schönen Erfahrungen von denen wir annehmen darin echtes Glück zu finden.
  • dveṣa ist das Ablehnen von schlechten Erfahrungen in der Annahme, dass sie unser wahres Glück verhindern.
  • abhiniveśa ist das festhalten am Leben und die Angst davor den Körper und diese Welt zu velassen.
Letztlich ist avidyā die Quelle allen Leidens, also die Ursache auch für die anderen Kleshas. Uns so kann uns die Erkenntnis der Wirklichkeit (vidya) auch von allen anderen Leiden befreien. Im weiteren Text erläutert Patanjali dann die einzelnen Kleshas.

Patanjali Yoga Sutra 2.4

2.4 अविद्या क्षेत्रमुत्तरेषाम् प्रसुप्ततनुविच्छिन्नोदाराणाम्
avidyā kṣetram-uttareṣām prasupta-tanu-vicchinn-odārāṇām
avidyā = Unwissenheit, Verwechslung, Illusion
kṣetram = Acker, Feld
uttareṣām = Folgende, Weiteren, Spätere, Nördliche
prasupta = latent, schlummernd, schlafend
tanū = vermindern, ausdünnen; dünn, schlank, fein
vicchinnā = ausgewachsen, unterbrochen, verstreut
udāra = erhaben, edel, mächtig, riesig
āṇām = von all diesen
„Fehlende Erkenntnis ist der Nährboden für die übrigen Leiden, diese Unwissenheit kann schlummernd, keimend, ausgewachsen oder übermächtig sein.“
oder
„Unwissenheit ist die Ursache der nachfolgenden Leiden. Sie sind schlafend, gering, unterbrochen oder aktiv.“
 Also alles Leiden bzw. alle Hindernisse auf dem spirituellen Weg kommen von der Unwissenheit bzw. vom nicht-Erkennen. Dem zu folge gibt es ein passendes Gegenmittel um alle Leiden mit der Wurzel auszureißen, das Wissen oder Erkennen. Wenn wir erkennen, dass wir das unsterbliche, alldurchdringende und unberührte Selbst jenseits aller Vorstellungen und Konzepte sind, verlieren alle Leiden ihre Macht über uns.
Wenn wir avidyā überwunden haben, wissen wir dass:
  1. (asmita) unser Körper, Die Gedanken und Gefühle, Ich als Individuum und die Begrenztheit nur eine Illusion war.
  2. (raga) nichts in der Welt uns glücklich machen kann, weil das Selbst an sich höchste Glückseligkeit ist.
  3. (dvesha) es nichts gibt was uns aus der Erfahrung der absoluten Wonne des Selbst holen kann.
  4. (abhinivesha) im Todesfalle nur die Hülle vom wahren Selbst abfällt und wir in Wahrheit unsterblich sind.
In diesem Vers wird auch wieder die Nähe von Patanjalis Yoga Sutras zum Buddhismus deutlich. Zum Vergleich hier Buddhas vier edle Wahrheiten:
  • Alles Bedingte Sein ist Leidvoll.
  • Das Leiden hat eine Ursache, die Unwissenheit.
  • Leid ist nicht endgültig, man kann sich befreien.
  • Es gibt einen konkreten Weg zum Ende des Leids.
Die höchste Erkenntnis ist natürlich in jedem von uns als Potential angelegt, jedoch mehr oder weniger durch die Unwissenheit verhüllt. So kann diese Unwissenheit oder Ignoranz verschiedene Dichtigkeitsstufen enthalten.

Patanjali Yoga Sutra 2.5

2.5 अनित्याशुचिदुःखानात्मसु नित्यशुचिसुखात्मख्यातिरविद्या
anityā-aśuci-duḥkha-anātmasu nitya-śuci-sukha-ātmakhyātir-avidyā 
anitya = Vergängliches, Unbeständiges, nicht ewig
aśuci = Unreine, nicht Sauberes
duḥkha = Schmerz, Leid, Elend
anātma = nicht-Selbst
nitya = Beständig, Ewig, Immerwährend
śuci = Rein, Sauber, Strahlend
sukha = Glück, Glück bringend
ātma = das wahre Selbst
khyāti = Erkennen, Wissen
avidyā = Unwissenheit, Verwechslung, Illusion

„Vergängliches mit Ewigem, Unreines mit Reinem, Leidbringendes mit Freudvollem, Nicht-Selbst mit dem wahren Selbst zu verwechseln, wird Mangel an Erkenntnis genannt.“
oder

„Vergängliches, Unreines, Leidvolles oder das Nicht-Selbst als Ewiges, Reines, Angenehmes oder das Selbst anzusehen- ist Unwissenheit“
Zunächst mal fallen bei diesem Vers wieder drei typisch Buddhistische Begriffe ins Auge, ja sogar drei Begriffe die als grundlegend für die Buddhistische Philosophie gelten! Die drei Daseinsmerkmale trilaksana stehen im Theravada für die Gemeinsamkeit von allen existenten Phänomenen:
  • Anitya – Alles ist vergänglich und wandelbar.
  • Dukha – Alles ist Leidenvoll, bzw. hat das Potential dazu.
  • Anatman – Alle Dinge und Phänomene existieren ohne einen unveränderlichen Wesenskern.

Wobei gerade der letzte Begriff seit Urzeiten zu erbitterten philosophischen Diskussionen führt. Es geht um die Frage ob es ein Selbst im Sinne des vedantischen Atmans gibt, also ein alldurchdringendes Bewusstsein jenseits von Name, Form und Veränderung, oder ob es kein allem zugrundeliegendes und absolutes Selbst gibt. Da Buddha sich nahezu jeglicher Aussagen zu transzendenten Themen enthalten hat, hat er eben auch gesagt, dass es keinen Atman gibt welcher transzendent und Immanent ist. Damit ist aus nicht definitiv gemeint, dass es keinen Atman gibt, ich denke es geht (wie so oft) um eine Frage der Begrifflichkeiten und der Definition von Wörtern. Aber wir können diesen Vers durchaus als kleinen Seitenhieb Patanjalis an die Buddhistische Philosophie sehen, zumal dieser Streit sich meistens um Atman/ Anatman dreht.

Aber wir können den Vers auch als Verweis an die Konzepte des Vedanta sehen, und damit ist uns sicher mehr geholfen als dieser alten Diskussion beizuwohnen. Im Sadhana Chatustaya werden die 4 Vorraussetzungen für das Vedanta genannt, hier ist eine grundlegende Praxis die der Unterscheidungskraft, Viveka. Es soll letztlich im Vedanta genau zwischen den im Vers genannten Punkten intellektuell getrennt werden. Wenn wir also immer unterscheiden zwischen den vier Punkten, werden wir bald avidya überwinden, und damit auch alle Leiden.

Patanjali Yoga Sutra 2.6

2.6 दृग्दर्शनशक्त्योरेकात्मतैवास्मिता  
dṛg-darśana-śaktyor-ekātmata-iva-asmitā
dṛk = der Sehende, der Wahrnehmende,
darśana-śakti = Kraft des Sehens, Instrument der Wahrnehmung
ekātmatā = Einheit, Einssein, Verschmelzung
eva = als ob, allerdings,
asmitā = Selbst/ Ich- bezogenheit, Egoismus
„Verwechslung Wahrnehmenden mit dem Wahrgenommenen wird Identifikation mit dem Vergänglichen genannt.“
oder
„Wird der Sehende mit dem Organ des Sehens gleichgesetzt, so ist das Ich-Bezogenheit.“
Wenn wir nicht wissen oder erkennen, dass wir das unsterbliche Selbst jenseits des Körpers mit all seinen Funktionen sind, identifizieren wir und natürlich mit unserem Werkzeug. Wir glauben der Körper, die Gefühle, die Gedanken, unsere Besitztümer, unsere Konzepte und unsere Vorstellung von uns selbst zu sein. Da aber all diese genannten Punkte Veränderungen unterworfen und vergänglich sind, verursachen sie Leiden. Unsere Identifikationen die wir mit uns und den Ideen über uns haben, sitzen sehr tief. Durch fortlaufende Unterscheidung wie im letzten Vers erläutert, erkennen wir mehr und mehr, dass wir einer Illusion zum Opfer gefallen sind. Wir sind nichts von dem was wir wahrnehmen können, sondern wir sind das Bewusstsein in dem das alles stattfindet.

Patanjali Yoga Sutra 2.7

2.7 सुखानुशयी रागः
sukha-anuśayī rāgaḥ
sukha = Wohlbefinden, Genuß, Glück, Vergnügen, Freude
anuśayī = treu anhängend, verbunden mit, vertrauen auf, resultierend, festhaltend
rāga = Gier, Verlangen, Anziehung, Zuneigung, Mögen
„Verlangen ist das, was am Wohlbefinden festhält.“
oder
„Anziehung ist das, was sich mit Vergnügen beschäftigt.“
Das die beiden Punkte rāga und dveṣaḥ zusammen gehören, kommentiere ich sie nach dem nächsten Vers.

Patanjali Yoga Sutra 2.8

2.8 दुःखानुशयी द्वेषः
duḥkha-anuśayī dveṣa
duḥkha = Unbehagen, Schmerz, Leiden, Unglück
anuśayī = treu anhängend, verbunden mit, vertrauen auf, resultierend, festhaltend
dveṣaḥ = Ekel, Abneigung, Nichtmögen
„Ablehnung ist das, was am Unglück festhält.“
oder
„Nichtmögen vermeidet Leiden.“
Rāga und dveṣaḥ sind wie zwei Seiten einer Medaille, sie gehören zusammen und müssen beide zugleich überwunden werden. Sehr viel von unserer Energie geht dabei verloren, dass wir immer danach trachten etwas zu bekommen oder etwas zu vermeiden. Wir wollen immer etwas schnelleres, besseres, größeres und anderes, anstatt uns zufireden zu geben mit dem was wir haben. Ebenso versuchen wir ständig Dinge zu vermeiden von denen wir annehmen, dass sie uns unglücklicher machen könnten. Letztlich ist das was wir auf dem spirituellen Weg zu erreichen versuchen, jenseits von aller Bewegung, allen Konzepten und allem Lärm. Das was wir in Wirklichkeit sind, ist die Stille, das reine Bewusstsein, Sat-Chid-Ananda. Jedes rāga und dveṣaḥ entfernt uns von diesem Selbst, da es immer eine Bewegung irgendwo hin ist, bzw. ein nicht haben wollen was ist. Wir wollen letztlich das neutrale und unberührte Selbst erkennen, dazu müssen wir uns innerlich von den Verhaftungen an die Welt lösen. Uns können hier die beiden Begriffe „Annehmen“ und „Loslassen“ helfen, die immer wieder in spirituellen Zusammenhängen auftauchen.Wir müssen (innerlich) Annehmen was wir nicht haben wollen und Loslassen was wir nicht bekommen, dann werden wir mehr und mehr Zufrieden mit dem was jetzt da ist, statt immer nach anderem zu streben.
Der große Vedanta Meister Nissargadatta sagte:
„Was ist nur verkehrt mit dem Geist, der immer die Freude sucht und zugleich das Leid vermeidet? Denn zwischen den Ufern von Freude und Leid fliesst der Fluss des Lebens. Nur wenn der Geist nicht mit dem Fluss fliesst, sondern an den Ufern festhängt, gibt es Probleme.“
Die Bhagavad Gita formuliert es ähnlich in Vers 2.64:
„Der selbstbeherrschte Mensch jedoch, der sich mit beherrschten Sinnen zwischen den Dingen bewegt und frei ist von rāga und dveṣaḥ, erlangt Frieden.“
Und Swami Sivananda sagt dazu:

„Der Zug von rāgadveṣaḥ. Die zwei Strömungen des Geistes – Zu- und Abneigung – bestimmen die Welt von Samsara. Ein weltlicher Mensch ist Sklave dieser zwei mächtigen Strömungen. Er wird wie ein Strohhalm hin- und her geschleudert. Er lächelt, wenn er Vergnügen erfährt; er weint, wenn er Schmerz erfährt. Er klammert sich an das Angenehme; er läuft vor Dingen davon, die Schmerz verursachen.“

Und der Ausweg ist Vairagya, die Losgelöstheit oder Verhaftungslosigkeit.

Patanjali Yoga Sutra 2.9

2.9 स्वरस्वाहि विदुषोऽपि समारूढोऽभिनिवेशः oder तथा रूढोऽभिनिवेशः
svarasvāhi viduṣo-‚pi samārūḍho-‚bhiniveśaḥ tathā-rūḍho’bhiniveśaḥ
svarasa = gestützt auf seine eigenen Kräfte, automatisch fliessend Natur, Essenz, Kern
vāhī = Träger
viduṣa = der Gelehrte, Weise
api = sogar
samā = sehr, völlig
tathā = so, auf diese Weise
rūdhaḥ = reitend, beherrschend
abhiniveśa = Todesangst, am Leben hängen, wunsch nach Beständigkeit
„Die Todesangst besteht aus sich selbst heraus, auch Weise sind davon betroffen.“
oder
„Der Wunsch nach Beständigkeit ist, an der eigenen Persönlichkeit zu hängen, es geschieht auch den Weisen.“

Wenn wir einen Körper mit all seinen Funktionen haben, wollen wir ihn natürlich auch gerne behalten. Das Leben ist schön und trotz allen auf und ab`s haben wir gelernt es zu geniessen, daher wollen wir es nicht verlieren. So weit, so gut. Dagegen ist auch ncihts zu sagen, warum ist also die Angst zu Sterben eine so essentielle Ursache des Leidens, dass Patanjali es im Rahmen der 5 Kleshas aufzählt? Die Arterhaltung ist sicher  der wichtigste Trieb des Menschen und äussert sich im Fortpflanzungsdrang und eben in der Angst zu Sterben. Die Yogis sagen aber, dass es für die höchste Erkenntnis entscheidend ist, innerlich die Welt ganz loszulassen. Erst wenn wir uns ganz von der Welt gelöst haben, öffnet sich die Tür des höchsten Wissens. Und so kann uns eben dieser Wunsch nach Beständigkeit im Leben davon abhalten ganz losgelöst zu sein und zu erkennen. Und so ist es auch wohl bei den Weisen der Fall, dass sie, wenn alles aufgelöst ist, noch an ihrem Körperlichen Leben hängen. Klar, denn sie haben viele Jahre und Jahrzehnte spiritueller Praxis benötigt um „Weise“ zu werden. Im täglichen Leben, geht es hierbei wohl um Loslassen, um die Veränderungen des Lebens zu bejahen und eben an ncihts festzuhalten. Nur so können wir jedem Augenblick wieder ganz neu begegnen. Man muss also sozusagen zum Sterben bereit sein, um zum wahren Leben zu erwachen.

Soweit mein Kommentar zu den Versen 3-9 des Sadhana Pada des Patanjal Yoga Sutra.

Hier noch ein passendes Video dazu.

Typische Darstellung von Ganesha

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