Patanjali Yoga Sutra. 2.10-11 Involution und Meditation

Hari Ki Pauri in Haridwar

Hari Ki Pauri in Haridwar

 

Nachdem Patanjali in den ersten 9 Versen des 2. Kapitels des Yoga Sutra die Kleshas und das Kriya Yoga genau erläutert hat, geht er hier nun darauf ein, wie man die Vrittis die aus den Kleshas entstehen auflösen kann. Die einzelnen Verse und die erläuterten Praktiken bauen dabei systematisch aufeinander auf.

Patanjali Yoga Sutra 2.10

2.10 ते प्रतिप्रसवहेयाः सूक्ष्माः
te pratiprasava-heyāḥ sūkṣmāḥ
te = sie (die Kleshas, siehe 3-9 )
prati = dagegen, ähnlich, vergleichbar
prasava = Ursprung, Ursache, Keim, Erwerb, Geburt
pratiprasava = Rückläufigmachen der Schöpfung, involution, Zurück zur Quelle führen
heya = zu Vermeidendes, zu Überwindendes, zerstören
sūkṣmāḥ = subtil, fein, unfassbar
„Den subtilen Ursachen des Leidens soll an ihrer Wurzel entgegengewirkt werden.“
 oder
„Werden die Leidensursachen beim aufkeimen gemieden, so bleibt ihr subtiler Einfluß gering.“
Die Aussage macht natürlich an sich sehr viel Sinn, klar ist es Gut ein Problem mit der Wurzel herauszureissen. Keine Frage. Aber wie können wir diesen Vers im Zusammenhenag mit den anderen betrachten? Patanjali sagt, wenn wir ein Problem bereits beim Entstehen an der Ursache meiden, werden wir kaum beeinflusst durch die Wirkungen. Also müssen wir die leidvollen Wirkungen, die sich uns als Erfahrung zeigen, wieder zurückführen zu der jeweiligen Klesha welches wir als Ursache identifizieren können, um sie zu überwinden. Es werden also die auftretenden Leiden durch Svadhyaya (Sebstreflexion) immer wieder zurückgeführt zu ihrem Ursprung, also dem entsprechenden Klesha. Das können wir bewerkstelligen, in dem wir die 5 Kleshas einzeln in Bezug setzen zum auftretenden Problem. Wenn wir dazu die Kleshas rückwärtig betrachten, und sie vom groben ins feine zurückverfolgen, kommen wir immer zur Wurzel: Avidya. Da letztlich alle aufretenden Probleme aus Verwechslung bzw. Unwissenheit kommen, können wir sie dadurch auflösen, sie ins rechte Licht zu rücken. Erkennen wir also klar das Problem und setzen es mit der Ursache in Verbindung, löst es sich wie von selbst auf. Hier wird dieser Vorgang Pratiprasava genannt, dies gleicht dem später im Text auftauchenden Pratyahara und lässt sich gut mit Involution übersetzen. Tatsächlich gehen wir im Yoga davon aus, dass sich alle Probleme im eigenen Geist auflösen lassen, wenn wir nur die Wurzel durch erkennen auflösen.Und so ist die essentielle Praxis ein wachsendes Verständnis über das Funktionieren des eigenen Geistes zu bekommen. Patanjali hat uns hierfür die nötigen Mittel schon aufgezeigt, die nun immerwieder zum Einsatz kommen. Zum Beispiel wird hier einerseits Vairagya und Abhyasa, also Beharrlichkeit und Losgelöstheit, angewendet. Das bedeutet: man bemüht sich zwar bewusst zu sein über die Wurzel des Leidens und strengt sich an darüber hinaus zu wachsen, während man jedoch zugleich dabei locker und losgelöst bleibt. Und dann nutzen wir auch die Praxis des Kriya Yoga um mit dem Leiden umzugehen: Mit Tapas können wir die Geisteskräfte Sammeln, mit Svadhyaya das Geistfeld Analysieren und mit Ishwara-Pranidhana vertrauen wir uns dem Fluss des Augenblicks bedingungslos an. Aber eben nur durch bewusstes, gleichmütiges und neutrales hinschauen, fühlen, spüren und wahrnehmen (der Wurzel) können wir der Sache (Klesha) auf den Grund gehen und es auflösen. Funktioniert.

Patanjali Yoga Sutra 2.11

2.11 ध्यान हेयाः तद्वृत्तयः
dhyāna heyāḥ tad-vṛttayaḥ
dhyāna = Meditation, Versenkung
heyāḥ = zu Vermeidendes, zu Überwindendes, zerstören
tat = deren, dessen, diese
vṛttayaḥ = Wellen, Gedankenwellen, Trübungen des Geistfeldes
„Die aktiven Formen der Leiden können durch Meditation überwunden werden.“
oder
„Durch Meditation werden die leidvollen Gedankenwellen vermieden.“

Wenn die Leiden offenkundig, aktiv, laut und quälend werden, können sie durch Meditation zurückgedrängt werden. Bzw. wenn wir leidvolle Gedankenwellen wahrnehmen, wissen wir dass sie letztlich den Kleshas entspringen und sie können durch einen meditativen Geist aufgelöst werden. Vivekananda sagt:

„Meditation ist eines der großen Mittel, diese Wellen am Entstehen zu hindern.“

Also können wir (wie im letzten Vers beschrieben) die auftretenden Wirkungen (die Gedankenwellen) nach und nach zur Quelle (Kleshas) zurückführen (Involution) und sie dann durch Meditation immer subtiler werden lassen, bis sie sich von selbst ganz auflösen. Tatsächlich ist es meine Erfahrung und Überzeugung, dass wir alle Schwierigkeiten im geistigen Bereich letztlich durch diesen Prozess bewältigen können. Durch die Kraft der Unterscheidung stellen wir fest, dass ein Problem vor allem im Kopf stattgefunden hat, und im rechten Lichte betrachtet keinerlei Gewicht mehr hat. So wie es auch im Uralten VedantaGleichnis vom Seil und der Schlange beschrieben wird, sobald sich die Täuschung auflöst, verschwindet auch das Problem. Durch die Übung der Meditation lernen wir nach und nach ein Problem zu betrachten, ohne uns weiter zu identifizieren. Wobei allerdings das Patanjali Yoga Sutra mit Dhyana wohl den Zustand von Meditation meint, das ist eine wichtige Unterscheidung. Der Zustand der Meditation wird von Patanjali beschrieben als „Ein ungebrochener Fluß der Wahrnehmung zwischen dem Geist und den Objekten“. Durch diesen tiefen Zustand können wir alle Kleshas auflösen und zur reinen Erkenntnis des Einen kommen. Dann sehen wir, dass letztlich alles eins ist und die Vorstellung ein getrenntes unvollkommenes Individuum zu sein nur eine Illusion gewesen ist. Die Kleshas lösen sich nach und nach auf und zuletzt überwinden wir Avidya.

Soweit mein Kommentar zu den Versen 10 und 11 des Sadhana Pada des Patanjali Yoga Sutra.

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Über uns Narada

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