Patanjali Yoga Sutra. 2.35-39 Die Yamas – Umgang mit Anderen

Der Gott der SimpsonsIn diesen 5 Versen des Patanjali Yoga Sutra werden die Yamas erläutert, welches die Grundlage des Yoga darstellen, es geht dabei um den Umgang mit den Mitmenschen. Diese 5 Empfehlungen sind sowas wie der kategorische Imperativ des Yoga und sie formulieren eine Ethik die sicher für jeden normal denkenden Menschen annehmbar ist oder sein sollte. Man sagt, dass diese Eigenschaften bei einem ausgeglichenen und bewussten Menschen ganz natürlich entwickelt sind, und das diese Punkte die Basis für jeden spirituell Suchenden darstellen. Ich halte es für wichtig diese Punkte für sich immer wieder zu überprüfen und zu schauen, wie man sie noch mehr zum Ausdruck bringen kann.

Patanjali Yoga Sutra 2.35

2.35 अहिंसाप्रतिष्ठायं तत्सन्निधौ वैरत्याघः
ahiṁsā-pratiṣṭhāyaṁ tat-sannidhau vairatyāghaḥ
ahiṁsā = Nicht Verletzen, Gewaltlosigkeit
pratiṣṭha = fest, begründet, beständig, stabil, Stütze
tat = dessen
sannidhau = Nähe, Umgebung, Umkreis
vaira = Feindseligkeit, Streitigkeit
tyāghaḥ = aufgeben, loslassen, lassen, verlassen

„Im Umfeld eines beständig Gewaltlosen, verschwinden Feindseeligkeiten.“
oder
„Wenn man im Nichtverletzen Bergündet ist, wird auch die Umgebung friedlich.“

Ahimsa oder die Gewaltlosigkeit gilt als wichtigste Verhaltensempfehlung im Yoga und die anderen Yamas und Niyamas lassen sich auch davon ableiten. Jemand der sich beständig im Einheitsbewusstsein befindet, wird ganz natürlich niemandem schaden, weil er erkennt eins mit allem zu sein. Um zu diesem hohen Bewusstsein zu gelangen, versuchen wir so zu leben, dass wir nicht im Konflikt mit unserer Umwelt sind, also respektvoll und einsichtig zu sein gegenüber allem dem wir begegnen. Gewaltlosigkeit auszudrücken ist entscheidend um in Harmonie mit dem zu kommen was uns umgibt, also nicht nur andere Menschen in Gedanke, Wort und Tat nicht zu verletzen, sondern auch Tieren und Dingen. Die Aussage Patanjalis zum Ahimsa ist sehr bemerkenswert, und ein wichtiger Schlüssel zu einem friedlichen Miteinander in der Gesellschaft. Jeder Mensch hat eine bestimmte Ausstrahlung die quasi magnetisch auf unsere Umwelt wirkt, wir ziehen immer die Erfahrungen in unser Leben, die unserem Denken und Fühlen entsprechen. Wenn wir also aggresive Gedanken haben, unser Leben als Überlebenskampf verstehen und immer in Erwartung einer Gegenwehr sind, werden wir auch entsprechendes erleben. Im Gegensatz dazu wird sich auch unsere Erfahrung der Welt wandeln, wenn wir beständig geworden sind in Gewaltlosigkeit. Der geübte und gefestigte Yogi kann tatsächlich in seiner Umgebung beobachten, wie Ahimsa sich ausbreitet, so ist es auch meine eigene Erfahrung. Ein gutes Beispiel für die Kraft von Ahimsa ist das Leben und Lebenswerk des großen Yogis Mahatma Gandhi, der durch die Kraft der Gewaltlosigkeit eine friedliche Revolution ausgelöst hat, die eine Jahrhundertelange Besatzung beendete. Er nannte seinen politischen Weg „Satyagaha“ das „festhalten an der Wahrheit“, welches auf den nächsten Punkt der Yamas begründet ist.

Patanjali Yoga Sutra 2.36

2.36 सत्यप्रतिष्थायं क्रियाफलाश्रयत्वम्
satya-pratiṣthāyaṁ kriyā-phala-āśrayatvam

satya = Wahrhaftigkeit, Wirklich, Echt, Ehrlich
pratiṣṭham = fest, beständig, stabil
kriyā = Handlung, Tat, Aussage
phalā = Frucht, Ergebnis, Resultat
āśrayatvam = Grundlage, Basis

„Ist die Begründung in der Wahrhaftigkeit stabil, besteht eine Verbindung zwischen ursächlicher Handlung und der erfahrenen Wirkung.“
oder
„Ist man stabil in der Wahrheit, wird jede Aussage die Wirklichkeit kreieren.“

Wenn wir klar und fest in der Wahrheit verankert sind, säen wir mit jeder Handlung eindeutige Samen die wir dann entsprechend als Frucht ernten können. Wenn wir mehr und mehr Zugang zur Wirklichkeit jenseits der Namen und Formen entwickeln, bekommen wir Einsichten in die Realität und je mehr wir uns in Gedanke, Wort und Tat daran orientieren, desto eindeutiger wird unser Blick auf die Wirklichkeit.Und es geht sogar soweit, dass sich bei einem Yogi der diese Wahrheiftigkeit unerschütterlich lebt, seine Worte in der Wirklichkeit manifestieren. Weil sich mehr und mehr das höchste Selbst im Körper-Geist System reflektieren kann. Die Ausrichtung auf Satya im Alltag ist von höchster Wichtigkeit für den spirituelen Aspiranten und ist eine sehr effektive Methode die Wirklichkeit zu gesatalten. Jemand der immer bemüht ist bei der Wahrheit zu bleiben, also zB. auch auf rethorische Stilmittel wie Ironie, Sarkasmus und Zynismus verzichtet, dessen Worte werden stets machtvoller. Letztlich bedeutet Satya aber nicht nur, dass man selbst Wahrhaftig ist, sondern eben auch, dass man von anderen keine Lügen erwartet. Es geht darum sich möglichst nicht von der Wahrheit zu entfernen.

Rafael kommentiert zu diesem Vers:

„Sein Wort wird so wahr wie die Ereignisse, die eintreten.“

…weil es eben keine Differenz mehr dazwischen gibt. Jedoch gibt es im wahren Leben oftmals den Konflikt zwischen Ahimsa und Satya, beispielsweise in der Frage, ob wir auch die wahrheit sagen sollen wenn es den anderen sehr verletzt. Darauf ist die Antwort ganz klar, und zwar hat Ahimsa den höheren Stellenwert als Satya, wobei das natürlich in jeder Situation abzuwägen ist.

Patanjali Yoga Sutra 2.37

2.37 अस्तेयप्रतिष्ठायां सर्वरत्नोपस्थानम्
asteya-pratiṣṭhāyāṁ sarvaratn-opasthānam

asteya = nicht stehlen
pratiṣṭhāyām = fest, beständig, stabil
sarva = alles
ratna = Juwel, Edelstein, Besitz, Habe
upa = nahe
sthānam = Platz
upasthānam = vorhanden sein

„Ist der Geist von Nichtstehlen stabil, wird aller Reichtum da sein.“
oder
„Wer nicht klaut, bekommt alles.“

Bei diesem Vers geht es natürlich erstmal darum, dass wir anderen nichts klauen. Ich denke das sollte sowieso  klar sein und es geht Patanjali hier sicher noch um mehr. Es geht um die Überwindung von Begehrlichkeiten und Wünschen und darum unabhängig von Dingen zu sein. Wenn wir uns ganz frei machen von unseren materiellen Bedürfnissen, werden wir ganz von selbst alles bekommen was wir benötigen. Was nun aber gewiß nicht implizieren soll, dass wir zB. nicht mehr arbeiten gehen oder taten- und wunschlos abwarten. Wir sollten unsere eigene Aufgabe in der Gesellschaft finden, der Allgemeinheit dienen und damit gute Samen säen, aber eben ohne Erwartungen die Früchte akzeptieren die wir bekommen. Wenn wir nehmen was uns nicht zusteht, werden wir später auf irgendeine Weise dafür zahlen müssen, so gerecht ist das Gesetz des Karma. Ich denke es geht hierbei noch um einen weiteren Punkt, nämlich um das feinstoffliche und energetische. Es geht womöglich in diesem Vers auch darum, sich mit seinem Energiefeld unabhängig zu machen, also nicht die Energie von anderen Leuten abzuziehen. Wir können lernen unsere Energie aus der unerschöpflichen Quelle zu beziehen und sie durch die bedingungslose Liebe nach aussen abzugeben. Übrigens hängt der individuelle Energiehaushalt direkt mit der Aufmerksamkeit zusammen, diese sollten wir lernen zu bündeln und uns unabhängig davon machen anderleuts Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen.

Patanjali Yoga Sutra 2.38

2.38 ब्रह्मचर्य प्रतिष्ठायां वीर्यलाभः
brahma-carya pratiṣṭhāyāṁ vīrya-lābhaḥ

brahman = Gott ohne Eigenschaften, das Absolute
carya = wandeln in, gehen in
brahmacarya = das Wandeln im Bewusstsein des Absoluten, Sexuelle Mäßigung
pratiṣṭhāyām = fest, beständig, stabil
vīrya = Lebenskraft, Vitalität, Stärke, Kraft, Männlichkeit
lābhaḥ = erlangen, erreichen

„Handlung im Bewusstsein des Absoluten, bringt Lebenskraft.“
oder
„Wenn die sexuelle Kraft kontrolliert ist, wird kraftvolle Vitalität erlangt.“

Der Begriff Brahmacharya wird sehr unterschiedlich gedeutet und wird eben je nach Zusammenhang auch unterschiedlich interpretiert. Zunächst mal ist die wörtliche Bedeutung einfach „jemand der sich der natur Gottes immer Bewusst ist“, der also „im Gewahrsein der Göttlichen omnipräsenz wandelt“. Allerdings ist das Wort Brahmacarya ein stehender Begriff für die sexuelle Enthaltsamkeit bzw. für die Kontrolle der sexuellen Kraft. Es wird der Begriff meistens einfach mit sexueller Enthaltsamkeit übersetzt, obwohl er eben wörtlich eine andere Bedeutung hat. Ein „Brahmachary“ ist quasi ein Novize, ein meist junger Aspirant der gerne eine Einweihung in einen Swamiorden bekommen möchte, er lebt also auch die Enthaltsamkeit auf Probe. Ausserdem ist mit Brahmacharya die erste Lebensphase gemeint, in der sich Heranwachsende auf das weitere Leben vorbereiten, mit der Hochzeit oder dem Entschluss zur lebenslangen Entsagung wird dann auch diese erste Phase beendet, in der eben auch Enthaltsam gelebt wird. Die meisten Yogatraditionen haben einen monastischen Hintergrund, also eine Lehrer-Schüler Linie, die vor allem von Entsagten und Mönchen mit bestimmten Gelübten getragen wurde. Daher wird von den Yogameistern meistens die Enthaltsamkeit empfohlen. Wir wollen uns die Idee der Enthaltsamkeit aber unter modernen Gesichtspunkten anschauen, schliesslich leben wir nicht im Kloster oder in der Höhle, und haben das in der Regel auch nicht vor. Zweifelsohne ist die sexuelle Kraft eine der stärksten Mächte mit denen wir im Leben zu tun haben, wir haben einen starken Trieb in uns, der mitunter einen Großteil unseres Handelns dominieren kann. Diese Kraft wollen wir uns im Yoga zunutze machen, wir wollen sie sublimieren und für unser Spirituelles Wachstum nutzbar machen. Dies bedingt eine gewisse Reife im Umgang mit Gedanken, Gefühlen und Energien, denn ein unterdrücken dieser Kraft würde uns Krank machen. Swami Jnaneshwara kommentiert hierzu sehr schön:

„Zölibat ist hier nicht die Ursache, sondern der Effekt!“

Also es kommt mit der Zeit ganz von selbst eine Entsagung zu stande, je mehr wir uns unserer Göttlichen Natur bewusst werden. Entsagung ist nichts, was wir forcieren sollten, sondern was von selbst geschieht, es entwickelt sich durch Erkenntnis. Was wir aber tun sollten ist, einen bewussten Umgang mit Sexualität kultivieren und das Wirken dieser Kraft in uns zu beobachten lernen. Ich würde den Begriff übersetzen mit „vernünftiger Umgang mit Sexueller Kraft“, eben im Bewusstsein der ungeheuren Macht dessen, und des großen Potentials welches in der ungezwungenen Enthaltsamkeit steckt.

Patanjali Yoga Sutra 2.39

2.39 अपरिग्रहस्थैर्ये जन्मकथंता संबोधः
aparigraha-sthairye janma-kathaṁtā saṁbodhaḥ

aparigraha = Unbestechlichkeit, nicht Annehmen von Geschenken, Anspruchslosigkeit, Armut
sthairye = Stabilität, festigkeit, Härte
janma = Geburt, Existenz, Geburtenfolge, Inkarnation, Erdenleben
kathaṁtā = das Wie und Warum, Ziel
saṁbodhaḥ = Verständnis, Wissen, Erkenntnis

„Ist Bedürfnislosigkeit beständig, entsteht Wissen über den Sinn der Inkarnation.“
oder
„Mit der stabilität in Anspruchslosigkeit erlangt man Wissen über das Leben.“

Dieses ist auch wieder ein interessanter Vers. Er beschreibt die Ergebnisse einer inneren Einstellung zur Materiellen Welt, nämlich ein Verständnis der Zusammenhänge unseres Erdenlebens. Wobei wir das Wort Aparigraha sehr verschieden übersetzen können, und es wichtig ist diese verse im rechten Geiste zu verstehen. Daher hier eine kleine Auswahl an Möglichkeiten von verschiedenen Übersetzern:

  • Sukadev: Nicht Besitzgier
  • Rafael: Nicht Besitzergreifen
  • Sri Ram: Anspruchslosigkeit
  • Iyengar: Freiheit von Besitzgier
  • Swami Vivekananda: Nicht Annehmen
  • Swami Jnaneshwara: Nicht Gewinnsüchtig
  • Swami Sivananda: Nicht-Akzeptieren von Geschenken

Patanjali sagt also, wenn wir frei von Bedürfnissen sind, können wir den Sinn unseres Seins erfahren. Wenn wir uns frei machen von unserem ständigen „Haben und Vermeiden wollen“, wenn wir unabhängig von all den Dingen und Erfahrungen in dieser Welt werden, dann können wir in die Wirklichkeit jenseits des Erfahrbaren eintauchen. Dann werden wir auch tiefe Erkenntnis über die großen Fragen des Lebens erlangen, so sagt es Patanjali. Dieser begriff erinnert an 2 der 5 Kleshas, der Leidensursachen aus dem Beginn des 2. Kapitels. Raga und Dvesha ist das Vermeiden und das Begehren, welches zu überwinden ist. Sathya Sai Baba hat es sehr schön formuliert:

„Wenn es keine Begierde mehr gibt, die den Verstand verrückt macht,
kann die Liebe wahrhaftig, voll und ganz sein.“

und Sami Sivananda schreibt:

Die Praxis von aparigraha bringt wundervollen Nutzen hervor. Sie beseitigt auf einen Streich Furcht, Anhaftung, Enttäuschung, Beklemmung, Aufregung, Ruhelosigkeit, Hass, Eifersucht, Ärger, Lust, Gier, Kummer, Sorgen, Verzweiflung und Depression. Praktiziert deshalb aparigraha und werdet zu einem dynamischen yogi.“

Soweit meine Ausführungen über die Yamas im 35.-39.Vers des 2. Kapitels „Sadhana“ des Patanjali Yoga Sutra.

Jayna im Ashram

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