Satsang Talk: werdet wie die Kinder!

In diesem kurzen Beitrag ein paar Gedanken von mir über das Kind-Sein und die Arbeit mit dem inneren Kind. Wir sollten aufhören zu versuchen erwachsen zu sein und wieder lernen die Dinge einfach frei und ungezwungen fließen zu lassen. Mit Kindern zu spielen und Kinder bei ihrem Sein zu beobachten kann sehr lehrreich sein.

An den folgenden Worten von Jesus Christus lässt sich kaum herum deuten:

„Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Reich der Himmel eingehen“ Mt 18,3

Ich glaube Jesus möchte wohl, dass wir uns nicht so viele Gedanken machen. Wir sollen loslassen und genießen:

„So seid nun nicht besorgt für den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat an seinem Übel genug.“ Mt 6,34

Werdet wie die Kinder!

Jesus Christus sagt zu Recht: Werdet wie die Kinder!

Ich musste gerade an ein Zitat von Jesus Christus denken. Der hat wohl mal gesagt: Ihr sollt werden wie die Kinder!
Wenn wir uns Kinder anschauen, dann sehen wir: Kinder verkörpern eigenkörpergenau das, wo wir als erwachsene Yogis hinwollen. Sie sind gegenwärtig und spontan. Sie sind ganz mit ihrer Liebe verbunden und können sich beim Spielen ganz hingeben. Sie sind unbeschwert, machen sich nicht so viele Sorgen um die Zukunft.

Vom spontanen Kind zum neurotischen Erwachsenen

Im Laufe der Kindheit, im Laufe des Älterwerdens, kommt dann von außen immer mehr Druck. Die Eltern wollen, dass die Kinder pünktlich zum Essen kommen, dass sie sich vernünftig hinsetzen und ordentlich danke und bitte sagen. Dann kommt der gesellschaftliche Druck, der schon im Kindergarten ein bisschen spürbar ist und spätestens in der Schule als Leistungsdruck stärker auf das Kind einwirkt. Aus dem freien, spontanen und liebevollen Kind wird immer mehr ein begrenzter Erwachsener, der Komplexe und seltsame neurotische Tendenzen entwickelt und sich immer mehr von sich selbst entfernt, von dem spontanen, offenen, liebenden Kind, das er einmal war.
Dieser Leistungsdruck, den wir von außen bekommen, der wird heutzutage immer stärker. Man hört von Kindern in der Schule, was sie schon in der ersten Klasse für Druck bekommen, dass sie die Empfehlung fürs Gymnasium bekommen. Naja, und das führt dann dazu, dass immer mehr auf Gesamtschulen und Gymnasien gehen. Jetzt im Moment haben wir eine Schwemme von Abiturienten, die mit einem enormen Druck aufgewachsen sind. Und dieser Druck, der lässt ja nicht nach, wenn wir aus der Schule kommen. Der wird ja sogar noch mehr, wenn es in die Arbeitswelt geht.

Yoga als Gegenmittel zum Leistungsdruck

Das Yoga möchte das so ein bisschen wieder auflösen. Wir arbeiten im Grunde als Yogis daran, dass wir uns von den Begrenzungen, die wir von der Gesellschaft, von unseren Eltern und der Schule aufoktroyiert bekommen haben, wieder lösen und wieder frei und unbeschwert werden ‒ eben so, wie wir das als Kind mal waren.
Ich glaube, das ist ein ganz wesentlicher Punkt bei der Yogapraxis, dass man sich das anschaut, was Leistungsdruck mit einem gemacht hat und inwieweit wir es dann auch im Yoga leben. Denn man kann ja in Yogastunden beobachten, dass ganz viele Leute so um sich herumgucken, „Was können die anderen?“; „Was machen die anderen?“ und dann ein Druck entsteht, dass man auch möglichst schnell den Kopfstand beherrscht, oder den Skorpion, und dadurch wieder genau in diese alten Muster hineinfällt, dass man irgendwie etwas Besonderes leisten muss. Und darum geht’s ja im Yoga nicht!

Gegenwärtig sein: Einfach das tun, was gerade zu tun ist

Es geht im Yoga nicht darum, dass wir etwas Besonders machen, dass wir von unserm Yogalehrer gelobt werden oder dass wir uns mit den tollen Körperverrenkungen, die wir machen, in Szene setzen. Sondern es geht genau darum, das loszulassen und einfach in ein entspanntes Verweilen in der Gegenwart zu kommen. Da soll uns das Yoga bei helfen, dass wir ohne Leistungsdruck einfach das tun, was zu tun ist, also z.B. in der Yogastunde zu sein und Übungen machen. Aber dabei ist eben nicht entscheidend, was wir letztlich mit dem Körper machen, dass wir irgendwie gerade fünf Minuten kerzengerade im Kopfstand stehen. Sondern entscheidend ist, was dabei in unserem Kopf passiert. Und wenn wir fünf Minuten im Kopfstand stehen und uns dabei super fühlen, weil alle das jetzt mitkriegen, weil die sind ja alle schon aus dem Kopfstand raus und schon bei der nächsten Übung, und alle sehen, wie toll, wie wir kerzengerade im Kopfstand stehen und wir darüber nachdenken, wie super wir sind ‒ dann haben wir es nicht verstanden. Sondern entscheidend ist, was dabei in unserem Kopf passiert.

Es gibt nichts zu erreichen

Natürlich, wenn wir beharrlich üben, dann können wir all diese Übungen vielleicht irgendwann beherrschen und dann können wir tatsächlich entspannt im Kopfstand stehen. Und wenn wir das dann einfach machen, weil es sich gut anfühlt ‒ wunderbar! Aber entscheidend ist, dass wir keine neue Egonummer daraus machen und dass wir den Leistungsdruck ganz rausnehmen.
Es kommt im Yoga nicht darauf an, irgendetwas zu erreichen. Es gibt nichts zu erreichen im Yoga. Letztendlich kann man sagen, es gibt im Leben eigentlich nichts zu erreichen. Ein Lehrer von mir hat immer gesagt: „Hier gibt’s keinen Blumentopf zu gewinnen!“
Befreiung ist etwas, was wir nicht erreichen können. Was wir auch Erleuchtung nennen, Moksha, ist etwas, was uns vielleicht irgendwann als Gnade gegeben wird. Aber das ist nichts, was wir durch Leistungsdruck oder durch enorme Anstrengung erreichen können. Und die Befreiung ist etwas, was dann passiert, wenn wir diesen Leistungsdruck, der ja immer verbunden ist mit einer Ego-Identifikation, loslassen.

Ich bin allumfassendes Bewusstsein, unabhängig von personenbezogener Leistung

Das ist eben das ganz große Problem: Wir können alles im Leben durch Anstrengung erreichen, aber die Erleuchtung eben nicht. Weil es geht ja darum, dass wir die Identifikation mit der Idee, eine Person zu sein, überwinden.
Jegliche Anstrengung, jegliche Bemühung, auch im Yoga, ist immer damit verbunden, dass ich die Idee füttere, eine Person zu sein, also ein getrenntes Individuum zu sein. Und eigentlich bin ich ja Bewusstsein.
Das, was ich eigentlich bin, das ist es, worum es im Yoga geht. Es geht darum, dass wir die Perspektive wechseln zu der Sichtweise, dass ich Bewusstsein bin, dass ich allumfassendes Gewahrsein bin. Und dieses Bewusstsein ist vollkommen unabhängig von mir als Person und den Erfahrungen, die ich mache, und den Dingen, die ich tue. Sondern ich bin einfach allumfassendes Bewusstsein, unabhängig davon, was in diesem Bewusstsein passiert.
Ob ich jetzt zehn Minuten im Kopfstand stehe oder irgendetwas anderes mache, das spielt aus dieser absoluten Perspektive betrachtet keine Rolle.

Karma Yoga: Die Verantwortung als Teil eines größeren Ganzen übernehmen

Insofern ist es wirklich hilfreich, dass wir uns wieder zurückorientieren daran, so zu werden wie die Kinder, nämlich gegenwärtig und verspielt und lebenslustig. Und uns nicht so viele Sorgen machen um die Zukunft, denn die Zukunft wird sowieso ganz anders sein, als man sie sich vorstellt. Und auch in Zukunft wird es so sein, dass für uns gesorgt ist. Es macht keinen Sinn, ständig etwas leisten zu wollen. Sondern wir tun halt das, was gerade zu tun ist.
Das ist ja auch ein ganz wichtiger Aspekt im Yoga, dass wir unsere Verantwortung übernehmen. Das ist Karma Yoga. Wir sind Teil eines größeren Ganzen, und als Teil eines größeren Ganzen habe ich hier in dieser Welt eben auch eine Aufgabe zu erfüllen. Das mache ich mit Hingabe, ich diene sozusagen der Welt. Aber das eben einfach aus einem entspannten Bewusstsein heraus und nicht ständig mit einem fokussierten Leistungsbewusstsein, nur weil ich glaube, ich muss irgendetwas erreichen.

Wünsche sind Tretmühlen

Es gibt hier nichts zu erreichen. Es gibt ja nach oben keine Grenzen, was Ziele angeht. Reichtum zum Beispiel, da gibt es ja wirklich keine Grenzen nach oben. Oder Sinnesfreuden. Mit jedem Wunsch, den ich mir erfülle, entstehen wieder mindestens zwei neue Wünsche.
Das sind alles Tretmühlen, in denen wir uns festsetzen, wenn wir meinen, wir müssten hier auf dieser irdischen Ebene irgendetwas erreichen.
So sagt Jesus eben, ihr sollt werden wie die Kinder, wieder in dieses losgelöste Verweilen in der Gegenwart kommen. Und das funktioniert auch als Erwachsener: Wir können trotzdem unsere Verantwortung erfüllen und in dieser Gesellschaft funktionieren. Und dennoch kindlich verspielt sein. Und gegenwärtig. Und ohne Leistungsdruck.

Befreiung ist im Grunde genommen nur eine Veränderung der Perspektive

Dann kann vielleicht irgendwann diese Gnade passieren, dass sich die Perspektive verändert, dass wir aus der relativen, begrenzten, dualen Perspektive wechseln in die absolute Sichtweise. Das, was wir Befreiung nennen, ist im Grunde genommen nur eine Veränderung der Perspektive: Dass wir erkennen, dass wir schon immer eins mit allem waren ‒ und dass wir dazu nichts machen brauchen. Sondern im Gegenteil, dass wir aufhören, ständig etwas machen zu wollen.

Jesus und Yoga

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Über uns Narada

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