Patanjali Yoga Sutra, die letzten Verse 4.32-34 – Auflösung von Streben und Zeit

Kali zerstört die Dämonen

Im Jahr 2011 habe ich mit dem ehrgeizigen Projekt begonnen, 9 Jahre später nun habe ich endlich die 195 Verse des Yoga Sutra fertig! Vor allem das letzte Kapitel hat sich sehr lange hingezogen, weil mich die Muse zeitweise verlassen hat, nun aber ist sie wieder da! Mein Traum ist, irgendwann ein Arbeitsbuch zum Yoga Sutra zu erstellen, mal sehen, wie sich die Dinge entwickeln.

Im allerletzten Abschnitt des Yoga Sutra erläutrt Patanjali nochmals die Vorzüge der spirituellen Befreiung. In den drei versen geht es darum, dass der Yogi nicht mehr berührt ist vom auf und ab dieser Welt. Die Eigenschaften der Natur haben ihre Macht verloren, Raum und Zeit lösen sich für den Yogi auf, und das Streben löst sich in Leere auf. Alles verschmilzt zu einem unendlichen Punkt im Fluss des ewigen Augenblicks.

Yoga Sutra, Vers 4.32

4.32 ततः कृतार्थानां परिणामक्रमसमाप्तिर्गुणानाम्
Tataḥ kṛtārthānāṁ pariṇāmakramasamāptirguṇānām

tataḥ = dadurch, dann, daraus
kṛta = erfüllt, erreicht
arthāna = Zweck, Sinn, Ziel
pariṇāma = Veränderung, Wandel, Umwandlung
krama = Wandlung, Abfolge, Gang, Folge
samāptiḥ = das Ende, Vollendung, Abschluss
guṇānām = der Eigenschaften, Wirkkräfte

„Ist das Ziel erreicht, endet der Wandel der Gunas.“

Im vorletzten Abschnitt zum Dharma Megha Samadhi hat Patanjali bereits einige Aspekte des befreiten Weisen beschrieben. Nun spricht er über die Transzendenz der Wirkkräfte der Natur. Der Yogin wird zum Triguṇātita, dem, der die Gunas überwunden hat.

So sagt die Bhagavad Gita in Vers 14.26:

„Wer Mir mit unerschütterlicher Hingabe dient, geht über die drei Eigenschaften hinaus und ist geeignet, Brahman zu werden.“

Nur das eben das Yoga Sutra nicht nur den Weg der Hingabe empfiehlt, sondern die Überwindung der Dualität vor allem über die ununterbrochene Unterscheidung und die Meditation empfiehlt.

DieGunas wirken weiter in der Welt, und auch im Körper-Geist-Seele-Komplex des Yogis, aber er hat die Einheit erkannt und agiert unabhängig dieser Naturkräfte.

In den Versen 2.19 und 2.20 wird das Wirken der Gunas präzise erläutert. Im Vers 2.20 sagt Patanjali uns, wie der Suchende durch die Gunas getäuscht wird. Diese täuschung endet vollständig mit dem Erreichen des Zieles.

„Der Wahrnehmende nimmt zwar das zu Sehende vollständig wahr, es wird aber durch die Wahrnehmungsorgane verfärbt.“

Yoga Sutra, Vers 4.33

4.33 क्षणप्रतियोगी परिणामापरान्तनिर्ग्राह्यः क्रमः
Kṣaṇapratiyogī pariṇāmāparāntanirgrāhyaḥ kramaḥ

kṣaṇa = Augenblick, Moment, idealer Zeitpunkt
pratiyogī = zusammenhängend, in Beziehung zueinander
pariṇāma = Veränderung, Wandel, Umwandlung
aparānta = Ende, Tod
nirgrāhyaḥ = wahrnehmbar, ersichtlich, herausfinden
krama = Wandlung, Abfolge, Gang, Folge

„Die Beziehung einzelner Momente wird wahrnehmbar und Veränderung kommt als Folge zum Ende.“

Der befreite Yogi bekommt tiefe Einsichten in die Natur der Wirklichkeit. So löst sich auch die Wahrnehmung von Raum und Zeit mitunter auf, und man bekommt eine tiefere Sicht in die Dinge, jenseits der Matrix. Man erkennt, das Zeit tatsächlich eine Illusion ist, obwohl man zugleich in ihrem Ablauf existiert. Das sind Erfahrungen, die man nicht befriedigend beschreiben kann. Daher einige Zitate aus dem jeweiligen Kommentar zu diesem Vers.

Swami Vivekananda:

„Für die Denksubstanz, die der Allgegenwart inne wurde, gibt es keine Aufeinanderfolge mehr. Alles wurde für sie Gegenwart; für sie gibt es nur noch diese, aber keine Vergangenheit und Zukunft mehr.“

Georg Feuerstein

„Diese atomistische Konzeption lässt in gewisser Hinsicht konträre Vorstellungen über die diskontinuierliche Natur der Zeit und des Raum-Zeit-Kontinuums erahnen.“

Swami Jnanananda

„Denken Sie an eine Filmrolle. Sie können sie und alle Einzelbilder in Ihrer Hand in einem Moment halten, und doch erwecken Sie, wenn Sie den Film über einen Projektor abspielen, den Anschein von Zeit. Es liegt an der Abfolge der Einzelbilder, eines nach dem anderen, dass es den Anschein von Zeit gibt.“

Sri Ram

„Im Zustand der höchsten Freiheit weilt der unveränderliche Kern des eigenen Selbst fortwährend im Bewusstsein, die Veränderungen stiften keine Verwirrungen mehr und für alle Taten erübrigt sich eine Zielsetzung.“

Swami Durgananda

„Rückblickend stellt man fest, dass es sich nur um aufblitzende Bilder gehandelt hat, eine Abfolge von unterschiedlichen Augenblicken, in denen das sich verändernde Spiel der Eigenschaften der Natur stattfindet.“

Der letzte Vers des Yoga Sutra, Vers 4.34

4.34 पुरुषार्थशून्यानां गुणानां प्रतिप्रसवः कैवल्यं स्वरूपप्रतिष्ठा वा चितिशक्तिरिति
Puruṣārthaśūnyānāṁ guṇānāṁ pratiprasavaḥ kaivalyaṁ svarūpapratiṣṭhā vā citiśaktiriti

puruṣārtha = Ziel des Lebens, Bedürfnisse
śūnya = Leere, leer
guṇa = Eigenschaft, Wirkkraft
pratiprasava = Gegenentwicklung, Gegenbefehl
kaivalya = geistige Befreiung, Glückseligkeit
svarūpa = eigene Natur, eigene Form, eigenes Wesen
pratiṣṭḥā = hervorstehen, Standort, Stütze
vā = oder
cit = Geist, Psyche, Bewusstsein
śakti = Kraft
iti = Ende, so gesagt habend, Abschliessend

„Wenn alles Streben sich in Leere auflöst und die Gunas transzendiert sind, wird die Befreiung den Geist erfüllen. Ende.“

Zunächst zum letzten Wort des Yoga Sutra: „Iti“. Der Text beginnt mit Atta und endet mit Iti, also „jetzt“ am Beginn und „Ende“ am Schluss. So sagt man auch im Sanskrit, dass etwas von Jetzt bis zum Ende geht. Diese beiden Worte klammern gewisser maßen etwas ein, sie begrenzen einen Gedankengang oder eine Ausführung.

Hier ist wohl der erste Teil des Verses entscheidend: Alles Streben löst sich in der Leere auf. Wenn der Yogi die Alleinheit erkannt und/oder erfahren hat, gibt es keinen Grund mehr nach etwas zu streben. Der Sehende verweilt dann in seiner wahren Natur, wie Patanjali bereits im Vers 1.3 erläuterte. Patanjali nutzt hier den Begriff „puruṣārtha“, welcher für die vier Ziele des Menschen steht. Alle Ziele sind erreicht, wenn die Befreiung den Geist erfüllt, es gibt nichts mehr zu tun, ausser alles das, was im Fluss des Augenblicks auftaucht. Die Ziele, das Streben, die Bedürfnisse – wie auch immer wir den Bergriff übersetzen wollen, lösen sich in der absoluten Leere des Seins auf. Ein solcher Yogi ist absolut spontan, ohne innere Antriebe die ihn irgendwohin streben lassen, da all seine Programmierungen sich im Sein aufgelöst haben. Er hat sich vollkommen dem Dienst an der Schöpfung zur Verfügung gestellt. Für ihn gibt es kein Ich und die Anderen, sondern nur das Alleine, das ungeteilte Bewusstsein.

Swami Vivekananda schreibt hierzu in seinem Kommentar:

„Die von der Natur gestellte Aufgabe ist erfüllt, diese uneigennützige Aufgabe, die uns von unserer freundlichen Amme, der Natur, auferlegt wurde. Sie nahm gleichsam die selbstvergessene Seele gütig bei der Hand und zeigte ihr alle Erfahrungen der Welt, alle manifestationen, und führte sie immer hööher hinaus durch verschiedene Körper hindurch bus die Seele ihre verlorene Herrlichkeit wiederfand und sich auf ihr eigenes Wesen besann. Dann ging die Mutter den gleichen Weg zurück, um anderen beizustehen, die sich in der pfadlosen Wüste des lebens verlaufen haben.“

Damit ist es vollbracht.

Narada in Tungnath

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Über Narada

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