Patanjali Yoga Sutra. 2.18-20 Die Wirkkräfte und das wahre Selbst

Triguna

Triguna

 

Nachdem Patanjali in den ersten 17 Versen des Sadhana Pada im Yoga Sutra aus verschiedenen Perspektiven von der Befreiung aus dem Leiden gesprochen hat, beschreibt er nun weiter das Problem welches dahinter steckt. Es ist Samyoga, die irrtümliche Verbindung des Wahrnehmenden „draṣṭa“ mit dem Wahrgenommenen „dṛśyam“.
Samyoga ist auch ein Begriff der in der Bhagavad Gita auftaucht, dort wird in VI.23 gesagt:
„Möge dies den Namen Yoga tragen: Das aufhören des einsseins mit dem Schmerz.“

Patanjali Yoga Sutra 2.18

2.18 प्रकाशक्रियास्थितिशीलं भूतेन्द्रियात्मकं भोगापवर्गार्थं दृश्यम्
prakāśa-kriyā-sthiti-śīlaṁ bhūtendriya-ātmakaṁ bhoga-apavarga-arthaṁ dṛśyam
prakāśa = Leuchten, Reinheit, Licht, (Sattva)
kriyā = Handlung, Aktivität, (Rajas)
sthiti = Stetigkeit, Trägheit, (Tamas)
śīla = Eigenschaften, Charakteristika
bhūta = fünf Elemente, grobstofflich, physisch
indriya = Feinstoffliche Organe, Wahrnehmungsorgane, Handlungsorgane
ātmakaṁ = derart, seiend, Natur
bhoga = Genuss, Vergnügen
apavarga = Befreiung, Erfüllung, Erlösung
arthaṁ = Zweck, Sinn, Ziel
dṛśyam = das Gesehene, das Wahrnehmbare, Objekte
„Die Natur der Welt, die aus Licht, Bewegung und Stillstand besteht, wird durch die Elemente und Sinnesorgane erfahren, dient dem Zweck der Erfahrung und Befreiung und bildet das Wahrnehmbare.“
oder
„Das manifeste Universium, welches  aus den Elementen und den Wahrnehmungen der Sinnesorgane besteht, besteht aus Sattwa, Rajas und Tamas und existiert zum Zwecke der Erfahrung und der Befreiung.“
Das was hier nun als dṛśyam bezeichnet wird entspricht in dem Zusammenhang dem, was auch Maya, Prakriti oder Jagad genannt wird. Alles was wahrgenommen wird, ist nicht das Selbst sondern kann vom Subjekt als Objekt erfasst werden. Im Gegensatz zu draṣṭa, dem sehenden Prinzip, es gibt hier eine Trennung von Subjekt und Objekt. In den unterschiedlichen Darshanas (Anschauungsweisen) der indischen Philosophie wird dieses ungleich verstanden. Im nondualen Vedanta wird die Welt der Objekte als unwirklich betrachtet, bzw. gesagt, dass Subjekt und Objekt eine Einheit bilden und daher Objekte nur scheinbar getrennt und damit für sich stehend unwirklich sind. In der dualistischen Philosophie des Sankhya ist die Welt zwar wirklich und zwar durchdrungen vom bewussten Subjekt, aber letztlich dann doch auch eins mit diesem reinen Bewusstsein. Dṛśyam ist die Ebene der Namen und Formen, das Schauspiel (Lila) Gottes sozusagen, draṣṭa erfährt die Welt und soll sich daraus emenzipieren. So wie es bereits im 3. Vers des 1. Kapitels (mit dem selben Begriff) als Definition von Yoga gesagt wird:
„Dann ruht der Sehende in seinem wahren Selbst.“
Patanjali ist inspiriert vom Sankhya und sagt, dass diese Prakriti eben von den drei Wirkkräften der Natur bestimmt ist, und wir in wirklichkeit Purusha sind und losgelöst davon. Alles Leid rührt letztlich von unserem Irrtum her, ein Teil von dṛśyam zu sein, also nicht der Purusha sondern die Praktiti bzw. nicht Subjekt sondern Objekt oder eben nicht das Selbst sondern Wahrgenommenes zu sein. Die Welt wird sozusagen gewoben aus den drei Eigenschaften oder Wirkkräften, die in diesem Vers nur etwas anders genannt werden. Da auch unser Körper-Geist-System aus diesen Gunas besteht, wird der Prozess der Wahrnehmung von diesen beeinflusst und gefärbt. Sinn und Zweck der Prakriti oder dṛśyam ist nach Patanjali  das Sammeln und Geniessen von Erfahrungen und das Befreien aus der Identifikation damit.  Die Welt und unsere Wahrnehmung dessen wird also bestimmt von den Wirkkräften der Natur, Ziel ist die Befreiung daraus und Zweck dessen ist das Geniessen der Erfahrungen. So erläutert uns Patanjali in wenigen Worten die Essenz der Sankhya Philosophie. In diesem Vers steckt eine Botschaft die vielleicht sehr beruhigend für manchen spirituell Suchenden ist: Das Universum ist auch zu unserer Freude da, Wir sind hier um Spass zu haben, eben nicht nur um uns daraus zu befreien! Und der Schlüssel um sich von der Welt zu lösen und Brahman zu erkennen liegt wohl darin, im Frieden damit zu sein, nicht in der Ablehnung. Aber… wir sollten uns eben nicht verlieren in der Welt, also Samyoga überwinden und erkennen: Ich bin der Wahrnehmende, nnichts was ich wahrnehmen kann. BKS Iyengar sagt:
„Das Einswerden der Natur mit dem Geistigen ist eine göttliche Hochzeit, welche durch das Werk des Yoga ermöglicht wird.“
Samyoga ist die unbewusste und leidvolle Verbindung und Abhängigkeit, Yoga die bewusste Einheit.

Patanjali Yoga Sutra 2.19

2.19 विशेषाविशेषलिङ्गमात्रालिङ्गानि गुणपर्वाणि
viśeṣa-aviśeṣa-liṅga-mātra-aliṅgāni guṇaparvāṇi
viśeṣa = besonders, bestimmt, unterschiedlich, erkennbar
liṅga-mātra = symbolhaft
aliṅgāni = jenseits von Symbolen, nicht deutbar
guṇa = Wirkkräfte, drei Grundeigenschaft
parvāṇi = Entwicklungsstufen, Zustände, Schritt, Kategorie
„Die Wirkkräfte sind kategoriesierbar in benennbar, unspezifisch, symbolhaft und jenseits von Symbolen.
 oder
„Die Grundeigenschaften der Natur haben jeweils die formbildenden Zustände ’spezifisch‘, ‚unspezifisch‘, ‚benennbar‘, und ‚unbenennbar‘.“

Um zu verdeutlichen wie tiefgreifend der Einfluss der Gunas ist, erläutert Patanjali hier nun die Weisen in denen sie auf verschiedenen Ebenen wirken. Ein gutes Verständnis des Konzeptes der Gunas kann dem Yogi sehr hilfreich sein, um seine Erfahrungen auf dem Weg zu interpretieren. Ich empfehle zum besseren Verständnis der Wirkkräfte meinen Artikel über die Gunas. Bei den Gunas handelt es sich neben Purusha/Prakriti um ein weiteres Kernkonzept des Sankhya, welches von verschiedensten anderen Philosophien übernommen wurde, weil es sehr klar die Eigenschaften der Natur im Verhältnis zum Selbst beschreibt. Da Patanjali zuvor (ausser in 2.15) noch nicht die Gunas eingeführt hat, hier eine genauere Beschreibung:

Tamas steht für Trägheit, Dunkelheit und Dumpfheit und ist die Wirkkraft welche uns wie eine Wolke verblendet und von der Erkennntis der Wirklichkeit fernhält.

Rajas steht Rastlosigkeit, Bewegung, Tatkraft und ist die Wirkkraft, welche uns durch die Unruhe und Projektion von der höchsten Erkenntnis entfernt.

Sattwa steht für Klarheit, Reinheit und Harmonie und ist die Wirkkraft welche uns durch die Neutralität zur Erkenntnis des Selbst führen kann.

Alles besteht laut Sankhya Weltbild letztlich aus einer einzigen Substanz die wiederum aus diesen 3 Kräften besteht. Also vom Felsblock bis zum Gedanken ist alles Teil von dṛśyam und wird bestimmt durch die Gunas.

Diese Kräfte können sich nun laut Patanjali auf verschiedene Weisen zeigen.

  • viśeṣa grob, also von jedem wahrnehmber
  • aviśeṣa subtil, also nur von feingeistigen Menschen wahrnehmbar
  • liṅga-mātra manifest, nur angedeutet meint laut Vivekananda den Intellekt, Buddhi
  • aliṅgāni unmanifest, nicht zu bezeichnen meint die unbenennbare Quelle der Gunas

Patanjali Yoga Sutra 2.20

2.20 द्रष्टा दृशिमात्रः शुद्धोऽपि प्रत्ययानुपश्यः
draṣṭā dṛśimātraḥ śuddho-‚pi pratyaya-anupaśyaḥ

draṣṭā = der Seher, der Wahrnehmende, das wahre Selbst
dṛśi = Sehen, das wahrnehmende Prinzip
mātraḥ = ausschließlich, nur
ṣuddha = unvergänglich, rein
api = obgleich, trotzdem
pratyaya = richtige Wahrnehmung, tiefe Eindrücke
anupaśyaḥ = scheint zu sehen mit, das Sehen basiert auf

„Der Wahrnehmende nimmt zwar das zu Sehende vollständig wahr, es wird aber durch die Wahrnehmungsorgane verfärbt.“
oder
„Der Sehende ist reines, unveränderliches Bewußtsein und nimmt durch den Filter des Geistes wahr.“

Tatsächlich sind wir ja schon das Selbst bzw sind schon das Bewusstsein welches zu erkennen Ziel des Yoga ist, aber wir sind getäuscht oder verblendet durch unsere Vorstellungen und Konzepte. Um es mit des Worten Patanjalis zu sagen. Der „draṣṭa“ ist durch „avidya“ mitdṛśyam“ in „samyoga“ geraten. Im Yoga gehen wir tatsächlich davon aus, dass das Bewusstsein (hier draṣṭa oder Purusha) reines Gewahrsein also losgelöst von der Welt (hier dṛśyam oder Prakriti) existiert. Dieses ist das wahre Selbst, welches man im größeren Zusammenhang auch als Gott bezeichnen kann, und im Vedanta „Atman“ sowie im TantraShiva“ genannt wird. Es gibt den uralten philosophischen Konflikt zwischen den Anhängern des Sankhya und denen des Uttara Mimamsa bzw. Advaita Vedanta bezüglich der Eigenschaften des Bewusstseins. Im Samkhyakarika des Ishvarakrishna, einem Standartwerk der dualistischen Samkhya Denkweise, heisst es:

„Purusha ist Zeuge, isoliert, unberührt, wahrnehmend und nicht handelnd.“

Wohingegen die Vedanta Lehre sagt: Alles ist eins, also letztlich ist Atman und Maya eine Einheit. Die Unwisenheit oder Verwechslung „Avidya“ verschleiert unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit und wir halten Maya für die Wahrheit. Also wie oben gesagt ist hier der springende Punkt die Weise wie die Welt betrachtet wird: ist sie  wirklich und getrennt vom Selbst wie im Samkhya, oder ist sie unwirklich und eins mit dem Selbst wie im Vedanta. Das Samkhya gilt heute als eine der erloschenen Traditionen des alten Indiens, bildet jedoch die Wurzel  der Philosophie hinter dem Yoga und dem Ayurveda. Viele Modelle daraus werden in anderen Denkweisen wie zB dem Vedanta benutzt. Patanjali sagt hier ganz klar, dass wir zwar die Wahrheit vor Augen haben, sie aber eben durch den Nebel von Avidya, also unsere Konzepte, Programme, Denkweisen und Vorstellungen nicht sehen können. Letztlich kann man die bisherigen Verse damit zusammenfassen, dass es eben gilt Avidya aufzulösen. Durch die Trägheit und die Bewegung der Welt (Tamas und Rajas) kommen wir nicht zur Reinheit und Klarheit (Sattwa) die es braucht um Samyoga mit Prakriti zu überwinden. Es ist also ein entscheidender Schlüssel die Gunas zu transzendieren und das geht nur durch das Ausrichten auf Sattwaguna. Es wird mehr und mehr unser Filter gereinigt und der Blick auf die Wirklichkeit freigelegt, dann erst können wir erkennen das wir selbst schon immer waren wonach wir gesucht haben!

Soweit mein Kommentar zu den Versen 18-20 des 2. Kapitels „Sadhana Pada“ des Patanjali Yoga Sutra.

Shiva im Saptarishiashram

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