Patanjali Yoga Sutra, Verse 4.1-3 – Entwicklung lässt sich nicht aufhalten

Yajna Kund- Ritualplatz

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Endlich ist sie da, die Muse!

Weiter geht es also mit meinen Kommentaren zum Yoga Sutra….

Das 4. Kapitel des Yoga Sutra wird Kaivalya Pada genannt und es ist sicherlich der am wenigsten beachtete Abschnitt der vier Teile in Patanjalis Werk, zumal im Kapitel 1 & Kapitel 2 bekannte Modelle wie Ashtanga und Kriya vermittelt werden und im 3. Kapitel die Siddhis besprochen werden.

Das 4. Kapitel beginnt mit einer Analyse verschiedener Wege zu übersinnlichen Fähigkeiten und bespricht dann die Ohnmacht des Suchenden aufgrund des unmöglichen Unterfangens die Erleuchtung durch eigenen Willen zu erreichen.

Kaivalya Pada, Vers 4,1 des Patanjali Yoga Sutra

4.1 जन्मौषधिमन्त्रतपःसमाधिजाःसिद्धयः
Janmauṣadhimantratapaḥsamādhijāḥ siddhayaḥ

Janmau = Geburt, Existenz, Leben
oṣadhi = Pflanze, Heilmittel, Drogen, Kräuter
mantra = Gebet, Klangschwingung, Spruch, Gedicht
tapaḥ = Feuer, Disziplin, Askese, Selbstpeinigung
samādhi = Überbewusstsein, perfekte Ausrichtung des Geistes
jāḥ = Geboren, entstanden aus
siddhayaḥ = Erfolg, Zauberkraft, Meisterung

„Übersinnliche Fähigkeiten können durch Geburt, Drogen, Zaubersprüche, Askese oder Überbewusstsein erreicht werden.“

Das 3. Kapitel dreht sich fast komplett um die aussergewöhnlichen Fähigkeiten die man mit Hilfe von Samyama bekommen kann. Nun offenbart Patanjali, dass man auch durch andere Wege zu Siddhis kommen kann, wobei diese nicht im Widerspruch zur Methodik des Samyama stehen. Er nennt also 5 Methoden um über das gewöhnliche Mensch sein hinaus zu wachsen und Siddhis auszuleben:

  1. Geburt- es gibt seltene Fälle von inkarnierten die bereits mit der Geburt ein hohes Bewusstsein und besondere Fähigkeiten haben. Beispiele für solche Menschen sind z.B. Sri Ramakrishna und Sri Anandamayi Ma die beide bereits als Kinder besondere Zustände erlebten und verehrt wurden. Patanjali spricht in den Versen 19 und 20 des 1. Kapitels bereits darüber, er sagt, dass manche durch frühere Sadhanas in der neuen Geburt hohe Samadhis erleben und andere durch „Glaube, Wille, Erinnerung, objektive Betrachtung und Weisheit“ sich dorthin entwickeln.
  2. Drogen- hiermit soll keine Legitimierung für Drogenmißbrauch gegeben werden, sondern es geht darum, dass man durch den Konsum bestimmter Substanzen im richtigen Setting die Illusionen und falschen Konzepte zumindest temporär überwinden kann. Im alten Indien gab es das Soma, welches vor allem im RigVeda sehr dominant verherrlicht wurde. Dieser Kräutermischung wird nachgesagt, dass sie zum Überbewussten führen sollte, allerdings sind die wichtigsten Kräuter seit langer Zeit ausgerottet. Natürlich gibt es in anderen Kulturen vergleichbares, wie zB Ayahuasca in Südamerika, bei Interesse an der Thematik einfach mal „entheogene“ googeln. Übrigens spricht der erste Kommentator des Yoga Sutra Vyasa davon, dass man auf diesem Weg durch das „Haus der Dämonen“ muss um das Göttliche Elixier zu finden.
  3. Mantras- es gibt im Yoga große Traditionen die sich auf die Arbeit mit mystischen Klangschwingungen spezialisiert haben, man kann durch beständiges Wiederholen der entsprechenden Mantras spezifische Kräfte erwecken. Die Arbeit mit den „Zaubersprüchen“ kann durchaus auch für schwarzmagische Ziele genutzt werden, die schwarzen Tantriker haben sehr machtvolle Instrumente entwickelt die den auf Befreiung zielenden Yogi aber nicht weiter interessieren sollten.
  4. Askese- Ziel der intensiven Praxis ist die Zähmung der Sinne durch Kultivierung eines starken Willens, das kann sehr unterschiedlich interpretiert und gelebt werden. Es gibt sehr heftige Übungen um über die Ebene des Persönlichen hinauszuwachsen und übersinnliche Zustände zu erreichen, z.B. gibt es die „Sirshasins“ die sich vornehmen sich niemals hinzusetzen oder gar hinzulegen, oder Yogis die den Arm hoch strecken und ihn nicht mehr runter nehmen. Das schadet natürlich dem Körper und wird daher nicht empfohlen, jedoch trainiert es den Geist ungemein.
  5. Überbewusstsein- dieser Weg wird sehr ausführlich von Patanjali beschrieben ab Vers 2.27 bis zum Ende des 3. Kapitels.

Vor allem das Üben von Dharana, Dhyana und Samadhi ist laut Patanjali zielführend, wobei Mantras und Tapas unterstützend wirken.

Kaivalya Pada, Vers 4,2 des Patanjali Yoga Sutra

4.2 जात्यन्तरपरिणामः प्रकृत्यापूरात्
Jātyantarapariṇāmaḥ prakṛtyāpūrāt

Jāti = Geburt, Art, Stand, Stellung
antara = innen, nahe, angrenzend
pariṇāma = Veränderung, Umwandlung
prakṛti = Natur, Materie, Erscheinungswelt
apūra = fluten, überfluten, sich füllend

„durch das Überfluten mit der eigenen, inneren Natur entsteht der vollkommene Wandel.“

Wenn wir anerkennen wer wir wirklich sind können wir unser evolutionäres, schöpferisches Potential abrufen, nicht indem wir versuchen jemand anderes, besseres zu sein. Die große Transformation kommt nicht durch den egogeleiteten Willen, sondern durch die Akzeptanz dessen was schon ist. Das ganze Universum folgt den Naturgesetzen, nichts ist davon losgelöst, auch unsere eigene Entwicklung ist abhängig vom Kosmos indem alles seinen inhärenten Regeln folgt. Folgen wir unseren echten Impulsen jenseits der Egostimme können wir die Transformation geschehen lassen.

Kaivalya Pada, Vers 4,1 des Patanjali Yoga Sutra

4.3 निमित्तमप्रयोजकं प्रकृतीनां वरणभेदस्तु ततः क्षेत्रिकवत्
Nimittamaprayojakaṁ prakṛtīnāṁ varaṇabhedastu tataḥ kṣetrikavat

Nimitta = Ursache, das Bestimmende, Vorzeichen, Ziel
prayojakaṁ = nicht hinzugehörig, Zwecklos
prakṛti = Natur, Materie, Erscheinungswelt
varaṇa = verhindern, Bewässerungswall im Reisfeld
bheda = Zerbrechen, Zerspalten
tu = stark sein,
tataḥ = der, die, das, daraus
kṣetrika = Besitzer eines Feldes
vat = wie, Ähnlichkeit mit, vergleichbar mit

„Was dem Fluss der Natur im Wege steht wird gebrochen, wie im Reisfeld so im Menschen.“
oder
„So wie ein Feldbesitzer die Wasserschleusen des Reisfeldes zur rechten Zeit öffnet, kann auch unser Wille kein schnelleres Wachstum zur wahren Natur erzeugen.“

Zwar geht es im Yoga um spirituelle Praxis, also um die zielgerichtete Handlung zum Zwecke der Transformation, jedoch ist diese an einem gewissen Punkt nicht mehr zielführend. Letztlich ist jede Handlung bis zur Befreiung aus einer Identifikation mit Körper und Person heraus geboren, daher kann uns keine Handlung über die duale Perspektive entheben. An einem gewissen Punkt müssen wir unser Wissen und unseren Willen loslassen und uns dem Strom hingeben, wir müssen unserer Natur freien Lauf geben. Allerdings ist es schwierig den genauen Punkt zu erkennen wann wir die Anstrengung (Abhyasa) loslassen müssen (Vairagya) um uns ganz dem Fluss des Augenblicks hinzugeben, dafür brauchen wir u.a. einen Guru. Auch Krishna drückt selbiges in der Bhagavad Gita  Vers 2.46 mit dem Bild des Wassers aus:

„Es nutzt das Wissen dem Erkennenden soviel, wie ein Wassergefäß bei einer Flut.“

Swami Vivekananda formuliert in seinem Kommentar zu diesem Vers sehr schön:

„Alle religiösen Übungen und alle Anstrengungen dienen nur dazu, jene Schranken zu beseitigen und der Vollkommenheit Einlass zu gewähren die unser Geburtsrecht und Wesen ist.“

Alakananda und Bhagiratri werden zum Ganges

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