Patanjali Yoga Sutra, Verse 4.7& 8 – Ursache und Wirkung ist Karma

Ursache und Wirkung

Daksha Prajapati Mandir, Haridwar

Dieser Abschnitt 4.7-8 von Patanjalis 2000 Jahre alten Yoga Sutra im Kaivalya Pada befasst sich mit dem Prinzip von Ursache und Wirkung und erläutert wie der Yogi über das Karma hinauswachsen kann.

Solange wir uns selbst auf die duale Perspektive begrenzen erzeugen wir mit jeder einzelnen Handlung wieder neues Karma (Ursache und Wirkung) welches uns an den Daseinskreislauf bindet. Wenn sich durch die spirituelle Praxis unsere Identifikation mit dem scheinbaren Individuum auflöst, wird sich unsere Perspektive transformieren und wir Erkennen die Einheit allen Seins.

Kaivalya Pada, Patanjali Yoga Sutra, Vers 4,7

4.7 कर्माशुक्लाकृष्णं योगिनस्त्रिविधमितरेषाम्
Karmāśuklākṛṣṇaṁ yoginastrividhamitareṣām
karmā = Handlung und Tat verbunden mit Ergebnis, Kausalprinzip
aśuklā = nicht hell, weiß
a-kr̥ṣnam = nicht schwarz, dunkel (Kr̥ṣna- der all-anziehende)
yoginaḥ = für den verbundenen, für einen Yogi
tri-vidham = dreifach, dreierlei, von dreierlei Art
itareṣām = das Andere, es

„Handlungen sind für den Yogi weder schwarz noch weiß, für andere sind sie dreifach.“

Wie im letzten Abschnitt 4.4-6 besprochen geht es im Yoga um die Befreiung von der Identifikation mit Körper und Perönlichkeit, es geht bei „Kaivalya“ um das Erkennen der Einheit mit dem alles-umfassenden Bewusstsein. Ein Yogi der über die scheinbare Trennung von Subjekt und Objekt hinausgewachsen ist und weiß, dass sein wahres Selbst eins ist mit allem, wird zu jedem Zeitpunkt im Einklang mit der Schöpfung agieren, er kann gar nicht anders.

Alle Wesen die nicht im Gewahrsein der Einheit allen Seins sind, werden dominiert von den drei Wirkkräften des manifesten Universums, den Gunas. Alternativ zu dieser Interpretation des Begriffes tri-vidham als Gunas kann mit dreifach auch gemeint sein schwarz/weiß/gemischt was im Zusammenhang auch Sinn ergibt aber etwa auf das Selbe hinaus läuft. Statt schwarz7weiß können wir auch gut/schlecht sagen, dann ergibt es vielleicht mehr Sinn. Der Begriff Krishna wird auch als „alles anziehend“ übersetzt, in diesem Sinn wäre dann eine Handlung entweder anziehend, abstoßend oder unklar. Vyasa erläutert in seinem Bhashya, dass alle Handlungen vierfacher Art sind: schwarz, weiß, schwarz-weiß und weder schwarz noch weiß. Der Yogi handelt immer weder schwarz noch weiß, da er darüber hinaus gewachsen ist.

Wie auch immer, solange nicht das Eine erkannt wurde kommt jede Handlung aus dem Dreifachen und jeder Handlungsimpuls geht wieder zurück ins Dreifache, jede Handlung verbindet uns noch mehr mit der Kausalität und wir verstricken uns im Karma bzw. im Kreislauf der Wiedergeburten. Wollen wir also frei sein von Ursache und Wirkung müssen wir eine innere Neutralität gegenüber den Erfahrungen entwickeln, also die Instanz oder Perspektive des beobachtenden Bewusstseins kultivieren.

Kaivalya Pada, Patanjali Yoga Sutra, Vers 4,8

4.8 ततस्तद्विपाकानुगुणानामेवाभिव्यक्तिर्वासनानाम्
Tatastadvipākānuguṇānāmevābhivyaktirvāsanānām
tataḥ = der, die, das
tad = er, sie, es, dies,da, dahin, damals, auf diese Weise
vipāka = Ergebnis, reif, reifen, Früchte
tad-vipāka = reifen, entstehen
anu-guṇānam = von entsprechende Eigenschaften, ähnliche Eigenschaften
eva = so, allerdings, wohl, wirklich, nur
abhi-vyaktiḥ = auftauchen, Erscheinung, Offenbarwerdung, entstehen
vāsanām = Vorstellung, Idee, Wünsche, Neigungen, subtile Triebe

„Daher werden die Programmierungen durch die Früchte des Handelns offenbar.“

Dieser Vers von Patanjali erinnert unmittelbar an das Jesuswort aus Mat.7.16:

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“

Und auch das drumherum dieses bedeutsamen Bibelverses gefällt mir, daher hier ein größerer Abschnitt Mat.7.12-20:

„Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Denn darin besteht das Gesetz und die Propheten. Geht hinein durch die enge Pforte! Denn weit ist die Pforte und breit der Weg, der zum Verderben führt, und viele sind, die auf ihm hineingehen. Denn eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind, die ihn finden. Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen! Inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Liest man etwa von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen? So bringt jeder gute Baum gute Früchte, aber der faule Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, noch kann ein fauler Baum gute Früchte bringen. Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Deshalb, an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“

Nun zurück zum Yoga Sutra!

Da alle unsere Handlungen aus unseren tiefsitzenden Programmierungen resultieren, werden diese in den Früchten unserer Handlungen deutlich. Das Kausalprinzip von Ursache und Wirkung (Karma) funktioniert in beide Richtungen, also:

  1. Was wir jetzt tun resultiert aus unseren Neigungen die sich aus dem Erleben in der Vergangenheit ergeben.
  2. Unsere jetzige Handlung zieht bestimmte Ergebnisse nach sich die wiederum unseren Geist für die Zukunft prägen.

Es sei denn… wir haben Kaivalya erreicht und wir wissen ohne jeden Zweifel, dass wir eins mit allem sind, denn dann sind wir tatsächlich eins mit allem und handeln nicht mehr aus der Perspektive des begrenzten Individuums mit all seinen Programmierungen, sondern frei und im Einklang mit dem Absoluten.

Solange wir die Befreiung nicht erreicht haben ist es sinnvoll möglichst konstruktiv zu Handeln um eben daraus resultierend auch schöne Erfahrungen zu generieren, wenn wir das nicht tuen sind die Ergebnisse entsprechend anders. Noch besser ist es einfach im Fluss des Augenblicks zu tun was anliegt und nicht an den Ergebnissen zu hängen, das wird Karma Yoga genannt: Dienen ohne an den Früchten der Handlungen zu hängen.

Analog hierzu sagt Sri Krishna in der Bhagavad Gita, Vers 2.50:

„…yogaḥ karmasu kauśalam –

Der Mensch, der Weisheit besitzt, weist in diesem Leben gute wie auch schlechte Taten von sich; deshalb widme dich dem Yoga; Yoga ist Geschickt im Handeln.“

Der Vers kann aber auch einfach bedeuten, dass sich unsere Programmierungen in Form der Wünsche womöglich realisieren werden, aber obige Interpretation macht für mich im Kontext mehr Sinn.

Ursache und Wirkung

Chandrashila bei Tungnath

 

 

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