Patanjali Yoga Sutra. 2.46-48 Sthira Sukham Asanam – Körperhaltung

Atmanshanti im Skorpion

Atmanshanti im Skorpion

Der Vers 2.46 mit dem tiefsinnigen Satz „Sthira Sukham Asanam“ ist sicher einer der bekannntesten im ganzen Yoga Sutra.

Sthira Sukham Asanam

Nach dem Patanjali in den letzten Versen (35-39 und 40-45) seines Yoga Sutra die ethisch-moralischen Grundlagen als Fundament der Yogapraxis erläutert hat, fährt er nun fort seinen Wegweiser für den Weg zum höchsten Bewusstsein zu beschreiben.

In diesem Abschnitt geht es um den wichtigen Punkt der Körperbeherrschung und die innere Ausrichtung in der Sitzhaltung zur Meditation, der Asana. In der modernen Welt wird das Yoga meistens auf die Ebene der Körperübungen reduziert. Im Yoga Sutra, dem wichtigsten Quelltext des Yoga, ist jedoch nur in 3 von 196 Versen im engeren Sinne die Rede von Asanas, also Körperhaltungen.

Mit dem Wort Asana ist im Yoga Sutra immer die Meditationshaltung gemeint, das wird im Zusammenhang deutlich. Viele Kommentatoren nehmen den Vers „Sthira Sukham Asanam“ losgelöst aus dem Zusammenhang und geben ihm damit eine andere Bedeutung. Selbstverständlichh ist Patanjalis Aussage zwar sehr hilfreich für die Übung von Hathayoga, jedoch hatte er eine andere Intention.

Patanjali Yoga Sutra 2.46

2.46 स्थिरसुखमासनम्
sthira-sukham-āsanam

sthira = kraftvoll, fest, hart, unbewegt, stabil
sukham = bequem, angenehm, genuss, leicht, entspannt
āsanam = Haltung, Sitzstellung

„Die Körperhaltung sollte Stabil und angenehm sein.“

oder

„Der Sitz ist fest und leicht.“

Offenbar ging es Patanjali in diesen Versen darum, die richtige Haltung für die Meditation zu beschreiben, und nicht eine um Anleitung für die vielen Asanas im Hathayoga. Jedoch geben uns diese Verse, insbesondere „Sthira Sukham Asanam“ eine ganz konkrete Anweisung auch für die Übung der vielen Stellungen des Körperorientierten Yoga. Die weiteren Verse machen klar, dass es um die ideale Sitzweise für die Meditation geht, denn tatsächlich ist es für ein Gelingen der Meditationspraxis entscheidend den Körper loslassen zu können, ihn also quasi zu Meistern.

Gerade für uns „Stuhlsitzer“ im Westen ist es ein mühsames Unterfangen sich an das kreuzbeinige, aufrechte Sitzen zur Meditationspraxis zu gewöhnen. Letztlich kann man sagen, dient die ganze Praxis des Körperlichen Yoga nur der Vorbereitung auf eine ungestörte Meditation, natürlich neben den ganzen Nebenwirkungen wie Körperbewusstsein, Gesundheit, Spürgenauigkeit, Energiegewinn usw. Wenn wir auf dem Weg des Rajayoga und der Meditation weiter kommen wollen, müssen wir eine entsprechende Sitzhaltung trainieren, die den beiden genannten Punkten entspricht:

  • sthira Es braucht für uns viel Übung um eine Weise zu finden in der meditation ganz unbewegt und stabil zu sitzen, wir neigen dazu, einzusinken in der Haltung und uns immer wieder zu bewegen, wollen wir tief nach innen gehen müssen wir aber ganz regungslos werden. Dazu müssen wir eine entsprechende Muskulatur entwickeln, das braucht Zeit und Übung.
  • sukham Um in der festen und regungslosen Haltung für längere zeit zu verweilen und sich ganz auf den Prozess der meditation einzulassen, ist es sehr wichtig, dass man sich angenehm in seinem Körper bzw. in seiner Haltung fühlt. Nur wenn sich der Körper gut anfühlt, können wir ihn loslassen und uns ganz auf die innere Transformation einlassen.

Diese beiden Punkte Bequemlichkeit und Festigkeit zielen also darauf hin, den Körper zu beherrschen um ihn ganz loszulassen. Wie gesagt stellen diese Punkte auch eine Richtlinie für die Hathayoga Praxis dar, eine Asana sollte stabil gehalten werden und man sollte sich darin angenehm fühlen, nur so können tiefgreifende energetische Wirkungen erzielt werden. Es können sehr viele verschiedene Asanas geübt und auf viele Weisen variiert werden, jedoch sollte sthira-sukham-āsanam immer beachtet werden.

Patanjali Yoga Sutra 2.47

2.47 प्रयत्नशैथिल्यानन्तसमापत्तिभ्याम्
prayatna-śaithilya-ananta-samāpatti-bhyām
prayatna = Spannung, Anstrengung, Willenstätigkeit
śaithilya = Weichheit, Entspannung, Loslassen, locker, schlaff
ananta = endlos, grenzenlos, unendlich
samāpatti- = fokussierter oder konzentrierter Geist, durch Meditation, zusammentreffen
abhyām = durch beides

„Das Eingehen in die Unendlichkeit wird durch Loslassen und Sammeln erreicht.“

oder

„Zum Meistern einer Stellung braucht es das Lösen der Spannung und die Meditation auf das Endlose.“

Um sthira-sukham-āsanam immer mehr zu kultivieren und damit die Sitzhaltung zu Meistern, sollten wir zugleich die Spannungen lösen und uns auf das Unendliche ausrichten. Es macht also gar keinen Sinn zu versuchen eine Sitzhaltung mit aller Gewalt zu versuchen zu beherrschen, sondern Patanjali empfiehlt locker und gelöst zu bleiben um zu Asanajaya (Meisterschaft über eine Körperhaltung) zu kommen. Im Yoga können wir nichts durch pure Anstrengung erreichen, obgleich eigenes Bemühen auch entscheidend ist, sondern es muss gepaart sein mit dem Loslassen aller Anspannungen. Wir sollten also sowohl in der Meditationshaltung als auch in der Yogaasana immer bemüht sein, alle Anspannungen und Anstrengungen loszulassen, und so locker und entspannt zu bleiben wie möglich. Um die Asana zu meistern kann dazu noch der zweite Punkt helfen.

Wenn wir unseren Geist  auf das Absolute und Unendliche ausrichten, gehen wir über die Begrenzungen des Körpers hinaus und erreichen leicht sthira-sukham-āsanam. Hierzu brauchen wir uns nur hinzusetzen und es unserem Geist erlauben sich auszudehnen, wir sind schon Teil dieser Unendlichkeit, brauchen uns nur auf die Erfahrung einzulassen. Unsere eigenen Grenzen weichen so auf, und wir gehen über sie hinaus. Mit „Ananta“ kann aber auch die mythologische Schlange Shesha auf der die Welt ruht gemeint sein. Im 3.Kapitel, Vers 25 sagt Patanjali, dass wir durch die Samyama (Verschmelzung) auf ein bestimmtes Wesen seine Kräfte bekommen können, so können wir dann mit Hilfe von Ananta die Stellung Meistern, es macht also beides Sinn. Interessant finde ich, dass Patanjali hier überhaupt nichts greifbares sagt zur rechten Sitzhaltung. Er spricht nur über die innere Haltung und nicht darüber wie man den Körper ausrichtet. Daher ein paar entscheidende Punkte dazuvon mir: Für eine gute Meditationshaltung ist vor allem der gerade Rücken sehr wichtig, er wird quasi unter beachtung der natürlichen doppel-S-Krümmung so lang gezogen wie möglich. Die Beine und Arme liegen so entspannt wie möglich, idealerweise Kreuzbeinig. Brustkorb geöffnet, Schultern locker, Gesichtszüge entspannt und Kinn leicht eingezogen…

Patanjali Yoga Sutra 2.48

2.48 ततो द्वङ्द्वानभिघातः
tato dvaṅdva-an-abhighātaḥ

tataḥ = davon, daraus
dvaṅdva = Gegensatzpaare, Polaritäten,, Zweikampf
anabhighātaḥ = Freiheit von Angriffen, Frieden, Sieg

„Dadurch überwindet man die Polaritäten.“

oder
„Daraus entsteht die Unberührtheit durch die Dualität der physischen Welt.“

Wenn durch das Loslassen der Spannungen und das Meditieren auf die Unendlichkeit sthira-sukham-asanam, das bequeme und regungslose Verweilen in einer Asana erreicht wird, kommt man zu Asanajaya, der Meisterschaft über eine Asana. Wenn wir also anders gesagt über die Begrenzungen des Körpers hinaus gehen, und unser Bewusstsein in das Grenzenlose ausdehnen, haben wir die Ebene des Körpers unter Kontrolle und können mit unserem Bewusstsein tiefer in unser Wesen eintauchen. Wir werden unabhängig von den Gegensatzpaaren die unser Erleben in der vergänglichen Welt der Erfahrungen bestimmen. Das reine unberührte Bewusstsein, welches wir jenseits der Ebene der trennung von Subjekt und Objekt sind, ist jenseits der Welt der Gegensatzpaare oder Polaritäten.

So wie es in der Bhagavad Gita steht:

V.3 „Unabhängig von den Gegensatzpaaren nämlich, wird er leicht von weltlichen Fesseln frei.“
und

VII.27 „Durch die Täuschung aus den Gegensatzpaaren, die aus Wunsch und Abneigung entstehen, werden alle Wesen schon bei der Geburt verwirrt.“

Aber ich denke es geht bei sthira-sukham-āsanam  und den weiteren beiden Versen vor allem um die Meditation bzw. die rechte Körperhaltung für dei Meditation. Wenn wir es geschafft haben für lange zeit schmerzfrei, bequem, aufrecht und stabil zu sitzen,sind wir frei von all den Ablenkungen im Aussen und Innen. Also Gedanken, Gefühle, Bilder und Empfindungen stören uns imer weniger bei der Praxis. Es sind die Kräfte der Gegensatzpaare wie Hitze und Kälte, Gut und Böse oder Leid und Freud die uns immer wieder aus dem Gleichgewicht holen. Wir sind ständig innerlich damit beschäftigt was wir Haben oder Vermeiden wollen, Beherrschen wir den Körper bzw. die Sitzhaltung, werden wir leicht unabhängig von den Dualitäten.

Soweit mein Kommentar zu den Versen 46-48 des Sadhana Pada des Patanjali Yoga Sutra.

Manuel beim Yoga in Rishikesh

Manuel beim Yoga in Rishikesh

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