der Guru im Yoga – braucht man einen spirituellen Lehrer?

Das Wort „Guru“ kommt aus dem Sanskrit und bedeutet als Adjektiv wörtlich „Schwer, Gewichtig“ im Sinne von „Schwer durch Wissen“, Guru wird oft sinngemäß übersetzt mit „der die Dunkelheit vertreibt“ und meint einen spirituellen Lehrer oder Meister.

Wer Yoga übt braucht einen Guru!

Das Yoga ist eine Einweihungs-tradition bzw. Lehrer-Schüler (Guru-Shishya) basierte Weitergabe von Wissen und dem Weg zur Erkenntnis. Daher kommt dem Guru im Yoga sowie allgemein in der Spiritualität eine besondere Rolle zu und ich möchte an dieser Stelle einiges dazu zusammentragen.

„Wer Yoga übt, braucht einen Guru!“ Yogabija

Die meisten alten Texte des Yoga sind Dialoge zwischen Guru und Schüler, die es dem Leser einfach machen sich in die Lage eines Lernenden zu versetzen und die Weisheit des Guru aufzunehmen. In der Bhagavad Gita lehrt Krishna seinem Schüler Arjuna, im Yoga Vasishta der Weise Vasishta dem Schüler Rama, im Ramayana ist es Rama der Hanuman unterweist und in den Upanishaden ist z.B. Yajnavalkya der seine Frau belehrt oder Svetaketu der als beispielhafter Schüler der in mehreren Texten auftaucht.

Vortrag: ist ein Guru im Yoga notwendig?

Ich denke es wäre fatal zu meinen man könnte so etwas schwieriges wie den Weg zur Erleuchtung gehen ohne dabei Unterstützung von Meistern zu haben die den Weg bereits gegangen sind. Wobei man natürlich unterscheiden sollte zwischen zB Lehrern die die höchste Verwirklichung erreicht haben und solchen die einfach schon ein paar Schritte weiter auf dem Weg sind. Ausserdem sollte man einen Guru genau prüfen bevor man sich ihm und seiner Lehre hingibt…

Arten von Gurus im Yoga

Man kann unterschiedliche Arten des Guru unterscheiden:

  • Satguru jemand der die höchste Verwirklichung erreicht hat
  • Diksha Guru jemand der Einweihungen gibt
  • Siksha Guru jemand der etwas vermittelt ohne höchste Verwirklichung zu haben
  • Upaguru jemand der ein Stück des Weges aufzeigt

Also: es ist ein Unterschied ob man sich ein paar Yoga-Moves zeigen lässt oder sich auf dem spirituellen Weg führen lässt von jemandem der die Befreiung „Moksha“ erreicht hat.

Die Bedeutung eines Guru im Yoga wird sicher deutlich in der Übersetzung des berühmten „Guru Mantra„, einem Shloka aus der Guru-Gita.

Gurur Brahma Gurur Vishnur Gurur Devo Maheshvarah
Guruh Sakshat Param Brahma Tasmai Shri-gurave Namah

„Guru ist Schöpfer (unseres Seins), Beschützer (unseres Strebens) und Zerstörer (unserer Hindernisse). Der Guru ist eins mit dem höchsten Absoluten. Verehrung dem Guru.“

Der Guru ist, sofern er ein befreiter Weiser ist, im Yoga gleichzusetzen mit Gott, da er das Göttliche im irdischen verkörpert. Das ist auch ein Grund weshalb im Westen ist die Idee eines Guru etwas umstritten ist, insbesondere in Deutschland wo wir schlechte Erfahrungen gemacht haben mit einem der „sagt wo es lang geht“. Es gibt Geschichten über Sexgurus, Scharlatane und Psychosekten die nur im Sinn haben andere abhängig zu machen und auszubeuten, daher ist klar, dass manche Berührungsängste haben. So wie man zum Erlernen des Schneiderhandwerks einen Meister und zum Studium der Mathematik einen Professor braucht, benötigt man besonders auf dem Weg zur höheren Wahrheit eine kompetente Unterstützung.

Wenn man einen Guru sucht, sollte man aufpassen, der Dalai Lama sagt dazu:

„Um die Bedeutung eines Gurus einschätzen zu können, verlasst Euch auf seine Lehren. Bringt ihnen keinen blinden Glauben entgegen, aber auch keine blinde Kritik.“

Es gibt verschiedene Kriterien die helfen einen Guru einzuschätzen und zu prüfen, man will ja nicht an einen Scharlatan geraten. Ein Guru sollte vor allem Ethik und Moral in seinem Handeln zum Ausdruck bringen und seine Schüler in die Freiheit führen. Er sollte fundiertes Wissen haben und den Schülern nicht vorenthalten, dass der spirituelle Weg kein Selbstläufer ist. Er sollte Wahrhaftig sein und Liebe, Demut, Leichtigkeit und Selbstlosigkeit ausstrahlen. Vor allem bei selbsternannten Gurus sollte man sehr kritisch sein, so sagt Adi Shankara im Upadesha Sahasri 1.6:

„Das einzige Ziel des Guru sollte sein anderen zu helfen und der einzige Wunsch Wissen zu vermitteln!“

Der Guru in alten Yoga Texten:

In der Tripad-Vibhuti Maha-Narayana Upanishad, Kapitel 5 steht:

„So wie ein blind geborener Mensch kein Wissen über Farbe und Form hat, kann niemand das Wissen der Wahrheit ohne die Anweisungen eines Lehrers erlangen, selbst in zehn Millionen Äonen nicht“

Es ist wie ein Fisch der nicht wissen kann wie das Leben ausserhalb des Wassers ist und dazu einen Guru benötigt der es ihm beschreibt und ihm dort hin hilft. Oder es ist wie der Geschmack eines Apfels den man nicht beschreiben kann, sondern nur kosten, ein Lehrer kann einem helfen die Erfahrung selbst zu machen.

Die Mundaka Upanishad lehrt in Vers 1.2.12:

„Um diese Dinge richtig zu verstehen, muss man demütig vorgehen, mit einem Feuerholz in der Hand, einem spirituellen Lehrer der das heilige Wissen hat und mit fester Hingabe gegenüber der absoluten Wahrheit.“

Aus diesem wichtigen Vers leiten sich auch die beiden Haupt-Eigenschaften ab, die es traditioneller Weise braucht für einen Guru des Advaita Vedanta:

  1. Śrotriya – Gefestigt in den heiligen Schriften
  2. Brahmanişţha – Einsicht in die Nonduale Wahrheit

Viele meinen sie können das Ziel des Yoga auch alleine erreichen, mag sein, aber die heiligen texte und die Meister empfehlen sich an einen fachkundigen Meister zu richten, so steht auch in der uralten Katha Upanishad im Vers 2.9. geschrieben:

„Diese Erkenntnis, mein lieber, kann nicht durch Logik erreicht werden, sie muss von einem ausserordentlich qualifizierten spirituellen Meister übergehen an einen wissbegierigen Schüler.“

Es braucht jemanden der bereits über die relative Ebene hinaus gegangen ist um den Suchenden dabei zu begleiten auch dorthin zu kommen, oder mit Swami Sivanandas Worten:

„Nur wer in Badrinath war, kann dir den Weg nach Badrinath erklären!“

Am Rande sei erwähnt, dass ich 2010 in Badrinath gewesen bin. 😉

In der Advaya Taraka Upanishad steht im Vers 14.5 eine Erläuterung zum Wort Guru:

„Die Silbe „Gu“ meint Schatten, Die Silbe „Ru“ ist was diese auflöst,
wegen seiner Kraft die Dunkelheit zu vertreiben wird der Guru so genannt.“

Die Sri Guru Gita beschreibt es im 46. Vers allerdings anders:

„Der Klang „Ru“ ist jenseits der Qualitäten, „Ru“ jenseits berührbarer Formen, der Guru widmet sich der Selbsterkenntnis jenseits aller Qualitäten und Formen.“

Jedenfalls ist der Guru derjenige, der uns hilft das Licht der Erkenntnis zu entdecken.

in der Bhagavad Gita sagt Krishna zu Arjuna im Kapitel 4 Vers 34::

„Erkenne Dies durch lange Verneigung, durch Ehrerbietung, durch Fragen und Dienen; die Weisen, welche die Wahrheit erkannt haben, werden dich in diesem Wissen unterweisen“

Hier also ein paar Worte zum Verhalten gegenüber einem Guru, man sollte ihn Ehren und ihm Respekt entgegen bringen. Gut ist es sich vor ihm zu verneigen, auch wenn es heutzutage nicht mehr zeitgemäß ist, kann es zu sehr tiefen Erfahrungen führen sich vor dem verkörperten höchsten Bewusstsein zu verneigen. Und man sollte dem Guru Fragen stellen und ihm Dienen, dann kann der Guru seine „Arbeit“ tun.

Im Kularnava Tantra, Vers 14.65 wird ein weiterer Aspekt des Guru angesprochen, den der Energieübertragung, was man als Shaktipad bezeichnet.

„Es ist schwierig einen Satguru zu finden der Shaktipad geben kann und ebenso einen Schüler zu finden der es Wert ist dies zu empfangen. Einen solchen Guru bekommt man nur als Ergebnis guter Handlungen.“

Aus Sicht des suchenden ist es schwierig einen geeigneten Guru zu finden, jedoch klagen die Gurus darüber, dass sie zu wenig passende Schüler finden. Sicher gibt es viele die sich dafür interessieren, aber nur wenige die es ernst meinen. Es gilt sich auf eine Schülerschaft vorzubereiten, bis es soweit ist und man einen Meister trifft. Das Kularnava Tantra sagt auch noch folgendes über den Guru, Vers 12.49:

„Der Guru ist Vater; der Guru ist Mutter; der Guru ist der Gott Shiva. Wenn Shiva zürnt, ist der Guru der Retter; aber wenn der Guru erzürnt ist, bleibt niemand zur Errettung.“

Im Shrimad Bhagavatam, 11.17.27 steht geschrieben:

„Man sollte verstehen, dass der Meister ein Ebenbild von mir selbst ist, und ihm niemals respektlos begegnen. Er ist kein gewöhnlicher Mensch, weil er Gott verkörpert.“

Also der Guru ist ein Spiegel für mein wahres Selbst und wenn ich mich vor ihm verneige, so ist es als würde sich mein Ego vor dem höheren Selbst verneigen. Der (wahre) Guru ist nicht als Person zu betrachten, weil er über die Ebene des persönlichen hinaus gegangen ist. Ebenso ist auch die Verehrung eines Guru nicht als Personenkult zu sehen, sondern eben als Gottesdienst. Wobei da natürlich die Frage ist, ob es ein wahrhaftiger Guru ist, oder nur ein Scharlatan, ein Satguru verkörpert Gott.

Narada Muni schreibt in seiner Narada Gita folgendes über den Guru:

3. Der gesegnete Herr sprach: So lange jemand den Guru nicht akzeptiert, so lange kann er auch nicht Mukti erlangen. Folglich sollte man nach einem Guru suchen, denn ohne einen Guru kann man keine Vollkommenheit erlangen.

4. So wie es in einem Haus ohne Beleuchtung finster ist, so ist der Schüler ohne den Guru verfinstert. Ohne Zweifel sollte man Zuflucht zum Guru nehmen, denn mit dessen Hilfe erlangt man das richtige Sehvermögen.

5. Ein Mensch ohne Guru ist wie die Nacht ohne Mond, wie der Tag ohne die Sonne, wie eine Armee ohne König oder Befehlshaber.

Zitate über den Guru

Abschliessend noch einige Zitate von bekannten Gurus zum Thema Guru.

Ramakrishna

„Alle Knoten der Unwissenheit werden durch die Gnade des Gurus in einem Augenblick gelöst“.

…also ein Guru hat große Fähigkeiten uns zur Weisheit zu führen.

 Nisargadatta Maharaj

„Das eigene Selbst ist dein Höchster Lehrer. Der äußere Guru ist lediglich ein Meilenstein. Nur dein innerer Lehrer wird dich zum Ziel führen, denn Er ist das Ziel.“

….aber er verkörpert nur etwas, was jeder sowieso in sich trägt.

 Ramana Maharshi

„Die größte Einwirkung ist das Schweigen. Der Guru schweigt – und in allen ist Friede. Dieses Schweigen ist ausgedehnter und wirkungsvoller als alle heiligen Schriften zusammen.“

…die Kraft des Guru ist jenseits aller Worte.

 Sri Aurobindo

„Man muss Glauben an den Meister unseres Lebens und unseres Tuns haben, selbst wenn Er sich lange Zeit verbirgt; dann, zu Seiner eigenen richtigen Zeit, wird Er Seine Gegenwart enthüllen.“

…wichtig hierbei ist die reine Hingabe, sie wird uns zu allem führen was wir suchen.

Krishnamurti

„Der wahrhaft religiöse Geist ist frei von allen Gurus.“

…am Ende noch die Frage, ob wir wirklich einen Guru brauchen?

Ich denke wir sollten zusehen, dass wir unsere spirituelle Suche ohne einen Guru leben können, aber wenn wir einen treffen und bereit sind seine Lehre zu empfangen, sollten wir uns ihm hingeben.

Die Sufis sagen:

„Wer keinen Sheikh (=Guru) hat, dessen Sheikh ist Chaitan (sein eigenes Ego)!“

 

Essenz der Upanishaden

Shiva in Matsyendrasana

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